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Frankfurter Bahnhofsviertel : Ideenlabor vor dem Aus

Umbau: Dem Bahnhofsviertel spendierte die Stadt 20 Millionen Euro. Bild: Wolfgang Eilmes

Seit zehn Jahren fördert das Stadtteilbüro die Aufwertung des Bahnhofsviertels. In wenigen Monaten endet die Finanzierung. Ortsvertreter halten die Einrichtung aber für unverzichtbar.

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          Vor der Ladentür öffnet sich der Untergrund. Bemerkenswerterweise dort, wo die Gutleutstraße aus dem Dunkel des Theatertunnels ans Tageslicht kommt, ist das Stadtteilbüro zu finden, das helfen soll, das Problemviertel am Frankfurter Hauptbahnhof aufzuwerten. Wer durch die Schaufenster blickt, der könnte meinen, es sei ein Immobilienbüro. Auf einem Tisch steht ein zwei Quadratmeter großes Modell, das die Straßen, Häuserzeilen und Hinterhöfe des Viertels darstellt. Es gibt hier viel zu planen und denn das Bahnhofsviertel ist ein schwieriges Quartier, davon zeugen die offene Drogenszene, Bordelle, Sex-Shops und andere Rotlichtbetriebe. Zugleich ist das Viertel ein zentrales Quartier in direkter Nachbarschaft zum Bankenviertel, und kein anderer Teil der Stadt gilt als so urban und international.

          Bernd Günther

          Freier Autor in der Rhein-Main-Zeitung.

          Das Stadtteilbüro wurde einst eingerichtet, um die Bemühungen zu unterstützen, dieses Quartier der Gegensätze aufzuwerten. Der Umgang mit dem Immobilienbestand war dabei eine zentrale Frage. Im Jahr 2005 war das Bahnhofsviertel in das hessische Programm „Stadtumbau“ aufgenommen worden, zugleich legte die Stadt ein Förderprogramm auf, mit dem der Immobilienbestand saniert, neue Apartments geschaffen und dazu auch Gewerbeflächen in Wohnungen umgewandelt werden sollten. Der Fördertopf wurde mit zehn Millionen Euro ausgestattet und später wegen der großen Nachfrage um 9,9 Millionen Euro aufgestockt. Ende dieses Jahres läuft das Förderprogramm nun aus – und damit steht das Stadtteilbüro vor dem Aus.

          Förderung vom Land Hessen endete vor zwei Jahren

          In den vergangenen Jahren trafen immer wieder Stadtplaner, Politiker, Bewohner, Hauseigentümer und andere Akteure des Viertels im Büro zusammen, um dessen Umbau zu besprechen. Es wurde zur Schnittstelle für jegliche Themen, die das Stadtviertel bewegen, sagt Julia Wahl von der Beratungsstelle für Stadterneuerung und Modernisierung. Die Gesellschaft koordiniert im Auftrag der Stadt den Umbau des Viertels, zusammen mit einem Berliner Planungsbüro.

          Aktuell werde etwa die Aufstellung eines öffentlichen Urinals an der Moselstraße geprüft, um das Wildpinkeln in Eingängen, Fluren und Hinterhöfen einzudämmen. Sollte es gut genutzt werden, könnten am Standort weitere Urinale aufgestellt werden, sagt Wahl. Viele andere Projekte sind schon abgeschlossen, darunter zahlreiche Bauvorhaben, die vom städtischen Fördergeld profitierten: Es seien 30 Häuser umgebaut, über 100 Wohneinheiten modernisiert worden sowie rund 230 Wohnungen anstelle von Büro- und Gewerbeflächen entstanden. Die Begrünung von Hinterhöfen werde noch unterstützt, zudem soll der Karlsplatz am westlichen Ende der Niddastraße umgestaltet werden.

          Die städtischen Finanzmittel seien ausgegeben oder für noch letzte anstehende Projekte bereits verplant, bestätigt der Sprecher von Planungsdezernent Mike Josef (SPD). Die Förderung durch das Land Hessen hatte schon vor zwei Jahren geendet, es hatte fünf Millionen für das Bahnhofsviertel bereitgestellt. Damit ende zunächst auch die Arbeit des Stadtteilviertels. Ob es fortbestehen könne, sei noch offen, heißt es im Planungsdezernat. Um die Einrichtung über das Ende des Förderprogramms zu erhalten, wären ein neues Konzept und auch ein Etat erforderlich.

          Büro leiste identitätsstiftende Arbeit

          Diese Nachricht hat den für das Bahnhofsviertel zuständige Ortsbeirat 1 aufgeschreckt. Die Fraktionen haben nun gemeinsam den Magistrat aufgefordert, die Arbeit des Stadtteilbüros über 2017 hinaus zu sichern. Denn nach Ansicht von Andreas Laeuen (Die Grünen) befindet sich das Viertel weiter im Wandel, der die angestammte Bewohnerschaft und die alteingesessenen Betriebe unter Druck setze. Die Rolle des Büros dabei war nicht unumstritten: Die Aufwertung des Viertels führe zu steigenden Mietpreisen und gefährde den Charakter des Bahnhofsviertels, meinten Kritiker. Das Stadtteilbüro war ein wichtiger Motor, aber auch ein Puffer dieses Wandels gewesen, findet:der Grünen-Politiker Laeuen: So habe es alle Beteiligten über Planungsziele informiert und so manchen Investorenwunsch abmildern können.

          Laeuen betont auch die „identitätsstiftende Arbeit“, die das Büro leiste. Es sei nicht nur ein wichtiger Partner der alljährlichen Bahnhofsviertelnacht, sondern habe in den vergangenen Jahren eigene kulturelle Impulse gesetzt. So wurden etwa 100 Einwegkameras über das Büro im Viertel verteilt, die so entstandenen Impressionen des Alltags wurden 2013 im Stadtteilbüro gezeigt. Ein Jahr später stellten Kinder mit Straßenkreidemalereien ihr Viertel aus ungewohnter Perspektive dar. In einer anderen Aktion schilderten rund ein Dutzend Bewohner ihr Leben im Stadtteil. Die Geschichten wurden aufgezeichnet und an Hörstationen zugänglich gemacht. Besucher erhielten so einen Eindruck vom Alltag im Bahnhofsviertel.

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          Um weiter im Viertel wirken zu können, hält Wahl eigene Räume aber nicht zwingend für notwendig. Es gebe Flächen anderer Einrichtungen und leerstehende Läden, die etwa für Ausstellungen befristet genutzt werden könnten. Allerdings dürfe das Netzwerk, das während der vergangenen Jahre im Viertel vom Büro aus geknüpft worden sei, nicht aufgegeben werden, appelliert Wahl. Natürlich gebe es andere Initiativen, die sich um den Stadtteil bemühten. Etwa die „Werkstatt Bahnhofsviertel“, in der sich monatlich Vertreter von Kirchen, Schulen, Polizei, Politik sowie sozialer und kultureller Einrichtungen träfen. Dies sei aber mehr eine Diskussionsplattform. Zudem gebe es einen Gewerbeverein und seit kurzem einen Präventionsrat – beide seien ebenso Schnittstellen, deren thematische Schwerpunkte mit Einzelhandel und Sicherheit aber anders gelagert seien. Das Stadtteilbüro sei hingegen eine ständige Vertretung und ein Ideenlabor im Viertel.

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