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Frankfurter Bahnhofsviertel : Die Wut im Viertel wächst

Spur des Mülls: Der herumliegende Abfall ist im Bahnhofsviertel ein ständiges Ärgernis – und nicht einmal das größte. Bild: Maximilian von Lachner

Die Stadt Frankfurt wartet auf britische Banker und die Fashion Week – und lässt ihr Entree vergammeln. Drogen und Müll bestimmen das Stadtbild. Um das Bahnhofsviertel steht es schlecht.

          3 Min.

          In Zeiten des tiefsten Lockdown, als das Frankfurter Bahnhofsviertel wie ausgestorben schien, gab es Szenen, von denen Anwohner sagen, sie wirkten wie aus einem Endzeit-Film. Menschen torkelten im Drogenrausch über die Straße, nur noch halb bei Bewusstsein. Immer wieder waren Schreie zu hören, am Tag und auch in der Nacht. Einmal huschte ein Mann über den Gehweg an der Taunusstraße, er hatte sich die Spritze mitten ins Gesicht gesetzt. Auf dem Bürgersteig saßen andere Abhängige in größeren Gruppen, die Crackpfeifen hatten sie sich gegenseitig angesteckt. Der Gehsteig wurde hinter geparkten Autos und Mülleimern als Toilette genutzt. Und auf dem Boden lag Müll. Nichts als Müll.

          Katharina Iskandar

          Redakteurin in der Rhein-Main-Zeitung.

          Der Gestank von Urin und Fäkalien ist auch jetzt noch penetrant, wenn man durch die Straßen fährt. Die Hinterlassenschaften sind ins Erdreich eingesickert. Fast drei Monate nach Beginn des Lockdowns hat sich die Szenerie im Bahnhofsviertel nicht geändert. Schlimmer noch: Die Strukturen, die sich gebildet haben, als das Quartier weitgehend sich selbst überlassen war, haben sich auf eine Weise verfestigt, dass Anwohner und Geschäftstreibende sagen, so schlimm war es lange nicht. Vor drei Jahren waren es vor allem neue Dealergruppen, die Unruhe in das Viertel brachten. Inzwischen ist es aber nicht nur der Rauschgifthandel, der täglich auf den Straßen zu beobachten ist, sondern verstärkt auch wieder der offene Konsum.

          Das Gefühl, verdrängt zu werden

          „Dieser Raum hat sich selbst zur rechtsfreien Zone ernannt“, sagt Gisela Paul. Die Marktfrau steht jeden Dienstag und Donnerstag mit ihrem Grüne-Soße-Stand in der Kaiserstraße. Seit 21 Jahren schon. Sie hat inzwischen das Gefühl, verdrängt zu werden. Von Junkies, psychisch auffälligen Menschen, Kleinkriminellen und aggressiven Bettlern. Ihr Sohn hat inzwischen Sorge, dass die Zweiundsiebzigjährige eines Tages selbst einmal Opfer werden könnte. „Inzwischen gibt es keinen Markttag mehr ohne Probleme“, sagt Paul. „Es wird hinter die Stände uriniert, Zeltwände werden aufgeschnitten, in der Hoffnung, dass dort die volle Kasse steht. An manchen Morgen werden die Marktmeister schon mit Flaschenwürfen empfangen, wenn sie den Platz für die Stände freimachen wollen. Das sind alles keine Zustände mehr.“

          Der Markt, so Paul, sei damals gegründet worden, um das Viertel aufzuwerten. Das habe funktioniert: „Der Markt ist ein großer Gewinn für das Viertel. Inzwischen wollen aber vor allem ältere Kunden nicht mehr kommen, weil sie sich unsicher fühlen. Und die Politik schaut zu. Die müssen doch auch sehen, dass die Kaiserstraße für viele Menschen, die mit dem Zug anreisen, das Entree zur Stadt darstellt.“

          „So schlimm wie damals“

          Gisela Paul kennt noch die Zustände in den Achtziger und Neunziger Jahren. Sie sagt, inzwischen sei es wieder „so schlimm wie damals. Nur, dass es sich nicht in der Taunusanlage abspielt, sondern im gesamten Viertel.“ Auch sie berichtet, dass sich das Drogenproblem inzwischen von den kleineren Straßen und den Drogenhilfseinrichtungen bis in die Kaiserstraße verlagert hat. „Das hat es früher nicht gegeben. Die Kaiserstraße war immer sauber.“

          Die Polizei beobachtet vor allem eine Entwicklung in der Struktur des offenen Drogenhandels, die sich seit 2015, als das Bahnhofsviertel schon einmal „gekippt“ war, noch einmal verändert hat. Inzwischen, sagt Polizist Thomas Hollerbach, gebe es viele Süchtige, die selbst Rauschgift verkauften. Jene Dealer, die 2015 noch „auf der Straße standen“, seien in der Hierarchie aufgerückt und hätten sich „unter den Abhängigen Läufer gesucht, die ihnen die Geschäfte abnehmen“. Dadurch sei eine Struktur entstanden, die für die Polizei neu zu bewerten sei. Hinzu kämen bulgarische Gruppierungen, die im Milieu auffielen, etwa in der illegalen Straßenprostitution. Den Drogenmarkt selbst teilten sich weiterhin Dealergruppierungen aus Nordafrika, Albanien, Jamaika und Ostafrika untereinander auf. Noch in relativ friedlicher Koexistenz.

          Den Wandel der vergangenen Monate beschreibt auch Nazim Alemdar, Betreiber des Yok Yok Kiosks an der Münchener Straße. Er sagt, es seien inzwischen viele neue Akteure im Viertel unterwegs. „Typen, die ich vorher noch nicht gesehen habe.“ Alemdar sagt, einige Stellen in dem Viertel, wie etwa die Kaiserpassage, seien inzwischen gar nicht mehr kontrollierbar. „Es sind mehr Süchtige und Dealer unterwegs. Und definitiv auch mehr psychisch Kranke.“ Die Abhängigen reisten aus anderen Stadtteilen, sogar aus anderen Städten an.

          Laut Alemdar hat sich die Situation sich vor allem während der Corona-Krise verschärft. „Viele Läden hatten zu. Es herrschte keine soziale Kontrolle mehr. Mit dem Lockdown kamen auch viele rumänische Bettlergruppen ins Viertel, die sich nun fest eingerichtet haben. Die Stadt lässt die Straßen zwar regelmäßig reinigen, die Polizei kontrolliert die Szene. Aber besser wird es trotzdem nicht.“ Alemdar, der auch Vorsitzender des Gewerbevereins Bahnhofsviertel ist, hofft, dass sich die Situation bald wieder entspannt. „Wir müssen die Probleme alle gemeinsam angehen. Die Schuldfrage zu stellen, bringt niemandem etwas.“ Das sieht auch Gisela Paul so. Dennoch fordert sie „mehr Rückendeckung von der Politik“, wie sie sagt. Sie hat schon zahlreiche Gespräche geführt. Bisher habe sich nichts getan. „Das Bahnhofsviertel ist so, wie derzeit die ganze Welt. Es versinkt im Chaos. Die Frage ist nur: Wer wird bleiben?“

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