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„Frankfurter Allgemeine Lesungen“ : Nachhilfe auf dem Weg zum Weltruhm

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Auch wir wären, offen gestanden, gerne prominent. Nicht, daß wir übermäßig eitel wären, aber toll muß das Leben als Berühmtheit schon sein. Wo man hinkommt, lächeln die Menschen freundlich und sind nett zu einem, der Champagner fließt in Strömen, und abends im Fernsehen duzt uns JohannesB.

          Auch wir wären, offen gestanden, gerne prominent. Nicht, daß wir übermäßig eitel wären, aber toll muß das Leben als Berühmtheit schon sein. Wo man hinkommt, lächeln die Menschen freundlich und sind nett zu einem, der Champagner fließt in Strömen, und abends im Fernsehen duzt uns JohannesB. Kerner vertraulich: "Damit ich das richtig verstehe, wie fühlt man sich, wenn man so prominent ist wie du?" Und wir antworten voller Überzeugung: "Ach, am Ende zählt doch nur die Liebe." Aber, weiß der Boulevard, warum, wir sind nicht berühmt, niemand will eine Homestory, und schon gar nicht können wir es uns erlauben, wie Dieter Bohlen seit Jahren ohne einen Cent in der Tasche durch die Weltgeschichte zu laufen, weil der Schampus aufs Haus geht.

          Allein, auch Bohlen, Naddel, Küblböck sind keine Königskinder, und doch ist ihr Bild täglich in der Zeitung, kennt die Namen jedes Kind. Stars werden heute nicht geboren, sondern gemacht. Nur wie? Da kommt ein Ratgeber zur rechten Zeit, der allen, die ihre 15 Minuten Weltruhm, von denen Andy Warhol sprach, irgendwie verpaßt haben, auf die Sprünge hilft. Denn es ist nie zu spät. Nicht "Was hat die, das ich nicht habe", wie Katja Ebstein einst so traurig sang, sondern "Was habe ich, was ,Tina' und dem ,Neuen Blatt' eine Titelstory wert wäre", ist die entscheidende Frage. Und wer könnte kompetenter sein als Peter Lückemeier, der seit Jahren die Klatschspalten der bunten Blätter durchforstet, um die wenigen unter "einem großen Misthaufen" verborgenen Perlen in seinen in der "Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung" erscheinenden "Herzblatt-Geschichten" funkeln zu lassen?

          Lückemeier, Ressortleiter dieser Zeitung und in seinen amüsant-ironischen Kolumnen auf du und du mit Stars und Sternchen, kennt sich aus in der Welt der Schönen und Erfolgreichen. Sein neues Buch "So werden Sie prominent" aber, so sollte sich bei der Lesung im Redaktionsgebäude dieser Zeitung schnell herausstellen, ist kein Ratgeber im üblichen Sinne. Ausgerechnet bei Bastei Lübbe erschienen, ist es so etwas wie ein trojanisches Pferd, nur komischer. Zwar wartet es mit "vielen Tips und Adressen" auf, prüft das "Promi-Potential" des geschätzten Lesers ("Insgesamt fühlen Sie sich: Supertoll!, Ganz okay, Nicht so toll"), und stellt sich auch sonst ganz in den Dienst der künftigen Berühmtheit, indem es ihm immer wieder zuruft: "Auch Sie haben Ihre Chance!"

          Im Grunde aber lieferte Lückemeier im Rahmen der "Frankfurter Allgemeine Lesungen", deren Erlös der Spendenaktion "F.A.Z.-Leser helfen" zufließt, seinem Publikum eine stilistisch glänzende und dazu noch äußerst komische Analyse des Prominentenzirkus. Mit "Bunte", "Bild" und "Goldenem Blatt" stets auf der Höhe des Boulevards, erfährt man nicht nur, warum es so verführerisch ist, prominent zu sein, sondern auch, wie das funktioniert. Denn während man früher von Adel sein, in höhere Kreise heiraten oder gar außergewöhnliche Leistungen vollbringen mußte, reicht es heute, der Prominenz die Haare zu schneiden oder gar von Beruf Sohn, Pornodarstellerin oder "Teppich-Luder" zu sein, mitzuspielen in der "Daily Soap" also, deren neue Folgen täglich am Kiosk ausliegen.

          Das, immerhin, macht Mut. Und so geht man mit wachsendem Vergnügen gemeinsam mit dem Autor die ersten Schritte zum Ruhm, überlegt fleißig, welche Art der Prominenz zu einem paßt, denkt sich ein unergründliches Geheimnis aus, das unsere schillernde Persönlichkeit künftig umfloren sollte, und welcher Name am besten dazu paßt. "Denn Ihr Name", weiß Lückemeier, "sollte genau das ausdrücken, was Sie anstreben." Nun verrät der Autor leider nicht, was wohl, sagen wir, Daniel Küblböck anstreben mag, und doch müssen wir ihm recht geben, daß man etwa als Oda-Gebine Holze-Stäblein praktisch nichts anderes werden kann "als evangelische Pfarrerin oder Vorsitzende der örtlichen Schopenhauer-Gesellschaft".

          Wir aber wollen uns nicht abends einen Tee machen, sondern, wenn wir ausgehen, die Champagnerkorken knallen hören wie Dieter Bohlen, und das ganz umsonst; wir wollen in großen Lettern in der Zeitung lesen, daß wir schon wieder eine Neue haben ("Sie ist 24 Jahre jünger!") und Beckmann die ganze Wahrheit erzählen, von der Bürde der Prominenz und all den Neidern. Der Gipfel des Ruhms aber, soviel steht fest, ist erst erreicht, wenn unser ausschweifendes Leben über "Bunte" und das "Goldene Blatt" Eingang gefunden haben wird in die sonntäglichen "Herzblatt-Geschichten" und uns Lückemeier, zu Tränen gerührt durch unser schweres Schicksal, die Scheidungsschlacht und was immer auf uns warten mag, aus übervollem Herzen zuruft: "Ach, am Ende zählt doch nur die Liebe."CHRISTOPH SCHÜTTE

          Die Reihe "Frankfurter Allgemeine Lesungen" endet am 26.Februar mit Wolfgang Brenner, dem Autor der "Schmalenbach"-Geschichten in der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

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