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Wohnprojekt in Frankfurt : Wie Obdachlose von der Straße geholt werden

  • -Aktualisiert am

Housing-First-Projekt: Achim Kaffenberger, einer der Bewohner des Hauses für Obdachlose, sitzt auf seinem Lieblingsplatz in seiner neuen Wohnung. Bild: Lando Hass

In Frankfurt-Sossenheim bietet die Stadt zwölf Wohnungslosen eine feste Unterkunft. In einem Housing-First-Projekt werden sie von Sozialarbeitern betreut und zurück in die Gesellschaft geführt.

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          Ein Klingelschild an der Tür ist für die meisten Deutschen eine Selbstverständlichkeit. Etwas, an das viele kaum einen Gedanken verschwenden. Für Sabine Reuss und Achim Kaffenberger hingegen bedeutet ihr Klingelschild Selbstbestimmung. Seit Ende vergangenen Jahres leben beide in dem ersten Housing-First-Projekt für Obdachlose in Frankfurt, das Sozialdezernentin Elke Voitl (Die Grünen) am Dienstag vorstellte. Es handelt sich um ein gemeinsames Projekt der GWH Wohnungsgesellschaft und der Diakonie.

          In den zwölf Einzelwohnungen eines Hauses in Sossenheim leben acht Männer und vier Frauen. Die Ersten bezogen das Haus im vergangenen Oktober und unterschrieben einen eigenen Mietvertrag. Laut Michael Back, Leiter der Geschäftsstelle Süd der GWH, kostet eine einzelne Wohnung etwa 550 Euro warm. Die Bewohner, die allesamt Sozialleistungen bezögen, müssten lediglich die Stromkosten selbst begleichen.

          Ansturm war groß

          Der Ansturm auf die Quartiere sei groß gewesen: Fast 50 Aufnahmegespräche habe die Diakonie geführt, berichtet Mehri Farzan, die Leiterin des Sozialdienstes Wohnen und Betreuen. Zwei Ziele würden bei den neuen Bewohnern verfolgt: deren Obdachlosigkeit zu beenden und sie in die Lage zu versetzen, dauerhaft selbständig zu leben. Die Mietdauer sei unbefristet. Es sei allerdings „schön, wenn die Menschen sich so weiterentwickeln, dass sie ausziehen können“.

          Housing-First bedeutet nämlich, dass die Bewohner zwar in erster Linie allein leben, aber dennoch auf freiwilliger Basis betreut werden. In der Einrichtung gibt es deshalb zwei Sozialarbeiter, die täglich in ihrem Büro in dem Wohnhaus erreichbar sind. Bei Fragen und Problemen können sich die Bewohner an die Fachkräfte wenden.

          Vertrauensverhältnis aufbauen

          Eine der Sozialarbeiterinnen ist Karin Henkes. Sie begann im Februar für das Projekt zu arbeiten und fühlte sich dort wohl. „Durch die freiwillige Betreuung kann man ein Vertrauensverhältnis zu den Menschen aufbauen“, sagt sie. Henkes beobachtet eine deutliche Entwicklung der Bewohner. Zunächst hätten sich viele mit bürokratischen Fragen an sie gewendet, mittlerweile helfe sie eher bei der Kontaktaufnahme zu den Familien oder bei der Arbeitssuche.

          Auch der ehemals wohnungslose Achim Kaffenberger ist von dem Konzept überzeugt: „Die Ansprechpartner sind wichtig, um genug Sicherheit zu haben.“ Er selbst habe eine leichte geistige Behinderung und einen schwierigen familiären Hintergrund. Der Neunundfünfzigjährige berichtet, dass seine Eltern Alkoholiker gewesen seien und er als Kind oft geschlagen worden sei. Nachdem er 1990 seinen Job als Bäcker verloren habe, habe er in der Familie keine Ansprechpartner gehabt und sei auf der Straße gelandet. Seitdem habe er vor allem auf Friedhöfen übernachtet, „weil es da so schön ruhig ist“.

          Auf das Wohnprojekt aufmerksam gemacht habe ihn eine Mitarbeiterin des Diakoniezentrums. „Ich war zur richtigen Zeit am richtigen Ort.“ Seine Einzimmerwohnung in dem Housing-First-Projekt bezeichnet er als einen „Sechser im Lotto“. Von seinem Balkon aus kann er Baumwipfel sehen. Zudem sei es hier ruhig – und warm. Kaffenberger hat es sich gemütlich gemacht. An der Wand hängen Sprüche wie „Geh deinen eigenen Weg“ und „Leb deinen Traum“.

          Weitere Angebote schaffen

          Auf dem Wohnungsmarkt hätten obdachlose Personen quasi keine Chance, sagt Voitl. Deshalb sei es ihr Wunsch, weitere Angebote zu schaffen, um möglichst vielen Menschen „Normalität und Teilhabe“ zu ermöglichen. Damit die Stadt auch in Zukunft weiter Hilfe anbieten könne, bittet Voitl die Wohnungsbesitzer, freien Wohnraum zu melden. „Wir wollen hartnäckig, aber mit dem nötigen Respekt unsere Hilfe anbieten, bis die Menschen bereit sind, diese anzunehmen.“ In Frankfurt lebten etwa 9300 Menschen in Not- und Übergangsunterkünften. 450 seien obdachlos und ohne Dach über dem Kopf.

          Bewohnerin Reuss schreibt inzwischen erste Jobbewerbungen. Die Siebenundvierzigjährige bezog nach vier Jahren Obdachlosigkeit im November das Haus in Sossenheim. In die Wohnungslosigkeit sei sie „reingeschlittert“. Ihr Ex-Partner habe sie betrogen und aus der Wohnung geworfen. Eine neue Unterkunft habe sie nicht gefunden und sei in eine Abwärtsspirale geraten. „Wenn du keine Adresse hast, will dich auch kein Arbeitgeber.“ Zuletzt habe sie keine Krankenversicherung, keinen Ausweis und auch keine Zähne mehr gehabt. Die Hoffnung auf eine Wohnung habe sie schon verloren gehabt. „Irgendwann gibt man auf. Man findet sich damit ab.“ Umso dankbarer sei sie, dass ihr jetzt eine neue Chance geboten werde.

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