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Luftkriegsopfer in Frankfurt : Kein Bildnis vom Bombentod

Die Nackten und die Toten: Der Entwurf Benno Elkans stieß in Frankfurt auf Ablehnung. Bild: Akademie der Künste Berlin

In den 20 Jahren nach 1945 wurden immer neue Vorschläge für ein Mahnmal der Luftkriegsopfer erarbeitet. Künstlerische, finanzielle und politische Bedenken verhinderten seinen Bau. Bis heute.

          Es ist ein intellektueller Spagat, und man darf gespannt sein, wie ihn der Oberbürgermeister rhetorisch bewältigen wird. Für morgen Abend hat Peter Feldmann (SPD) zu einer Gedenkstunde in die Paulskirche eingeladen, um an die Zerstörung der Altstadt vor 75 Jahren durch die alliierten Bombenangriffe vom 18. und 22. März 1944 und an die Todesopfer des Luftkriegs zu erinnern. Im Anschluss wird ein Kranz am Mahnmal für die Opfer des Naziterrors niedergelegt, das sich an der Westfassade der Paulskirche befindet.

          Matthias Alexander

          Ressortleiter des Regionalteils der Frankfurter Allgemeinen Zeitung.

          Die geschichtspolitische Absicht des Stadtoberhaupts ist klar: Um jeden Verdacht zu vermeiden, das Andenken an die Bombenkriegsopfer könnte einen einseitigen, anklagenden Einschlag bekommen, wird auch der Opfer in den deutschen Konzentrations- und Vernichtungslagern gedacht. Das ist einerseits nachvollziehbar, doch stellt sich zugleich die Frage, ob nicht Unvergleichbares zusammengezwungen wird, um sich moralisch abzusichern.

          Feldmanns Doppelgedenken am Jahrestag der Luftangriffe, die die Altstadt auslöschten, ruft in Erinnerung, dass es kein Denkmal für jene 5559 Männer, Frauen und Kinder gibt, die zwischen Juni 1940 und März 1945 in Kellern erstickten, in den Feuerstürmen verbrannten oder von Trümmern erschlagen wurden, unter ihnen Kriegsgefangene und Zwangsarbeiter. Und es finden sich Hinweise darauf, warum es diese Leerstelle gibt.

          In Hannover, Berlin, Hamburg und andernorts hat man Kirchenruinen zu Mahnmalen gegen den Krieg ausgestaltet, in Frankfurt hatte man Ähnliches mit der Karmeliterkirche vor. Bilderstrecke

          An Ideen und Plänen für ein Denkmal hat es in den ersten beiden Nachkriegsjahrzehnten nicht gefehlt und auch nicht an Diskussionen. Eher wohl am Willen, die Pläne angesichts des damit verbundenen Risikos von Missverständnissen zu verwirklichen. Künstlerisch überzeugende und politisch konsensfähige und zugleich unangreifbare Lösungen zu finden, war schwierig, nicht nur in Frankfurt.

          Wie gedenken an die namenlosen Toten?

          Im Oktober 1946 beschäftigten sich die Stadtverordneten zum ersten Mal mit der Frage, wie der Opfer der Bombenangriffe gedacht werden sollte. Anlass war der Beginn eines freiwilligen Bürgereinsatzes zur Trümmerbeseitigung. Es stand zu erwarten, dass bei den Arbeiten die Leichen von Verschütteten entdeckt würden, die nicht mehr zu identifizieren waren. Für ihr Andenken war nicht so sehr ein Mahnmal, sondern eine symbolische Begräbnisstätte gefragt, ein „Ehrenmal für das unbekannte Opfer der Zerstörung der Stadt Frankfurt“. Es zielte also nicht auf ein Gedenken an alle Toten der Luftangriffe, sondern an die Namenlosen unter ihnen.

          Es wurde beschlossen, aus Trümmern des Römer von Steinmetzen einen Sarkophag anfertigen zu lassen. Er sollte auf dem Sockel des 1940 eingeschmolzenen Bismarck-Denkmals in der Gallusanlage plaziert werden. So vage die Gestaltung geregelt war, so präzise waren die Vorstellungen für den Ablauf der dort abzuhaltenden Gedenkstunden: Jährlich am 3. März sollte sich die „Jugend aller Grade im Alter von bis zu 20 Jahren“ versammeln, um „das Gelöbnis zu Frieden und Völkerversöhnung in ehrendem Andenken an die Opfer unserer Stadt“ zu erneuern.

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