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Artenschutz in der Stadt : Eidechsen oder Wohnungen

Langläufer: Über das Baugebiet „Leuchte“ in Bergen-Enkheim wird seit 1977 geredet Bild: Stadtvermessungsamt Frankfurt

Wie sind Umweltschutz und Bauen in Einklang zu bringen? Eine Antwort von Experten lautet: „Wir müssen einen Deal mit der Natur eingehen.“

          2 Min.

          Zehntausende neue Wohnungen werden in den nächsten Jahren in Frankfurt benötigt. Das ist eine gewaltige Herausforderung: Der Entwicklung neuer Wohnbauflächen stehen konkurrierende Nutzung und die Interessen von Nachbarn entgegen. Und nicht zuletzt sind ökologische Aspekte zu berücksichtigen. Auch deshalb kommen Baugebiete häufig nicht schnell voran.

          Günter Murr
          Redakteur in der Rhein-Main-Zeitung.

          Ein besonders extremes Beispiel ist das Neubaugebiet Leuchte in Bergen-Enkheim. Erste Ideen stammen aus dem Jahr 1977. Jetzt läuft 45 Jahre später die Erschließung des rund 16 Hektar großen Areals im Osten von Frankfurt. Im nächsten Jahr könnte mit dem Bau der ersten von insgesamt rund 500 Wohnungen begonnen werden. Aber Zeitpläne sind schon mehrmals verworfen worden, seit der Bebauungsplan 2005 beschlossen wurde.

          Es gab Schwierigkeiten mit dem Grundwasser, aber auch die Belange des Artenschutzes waren zu berücksichtigen. Rund 1000 Zauneidechsen mussten mit großem Aufwand umgesiedelt werden. An anderen Stellen sind es Feldhamster oder Gartenrotschwanz, die für Wohnhäuser weichen müssen.

          „Artenschutz stärker in Planung einbeziehen“

          Es liegt aber nicht immer am Naturschutz, dass sich ein Baugebiet verzögert. „Wir haben ausufernde Regelungen im Baurecht“, klagt Klaus Beine, der Vorsitzende der Landesfachkommission Immobilien­ und Baupolitik des Wirtschaftsrats Hessen. „Wenn man in jedem einzelnen Punkt eine heilige Kuh sieht, kommen wir nicht zum Bauen“, sagte er bei einer Veranstaltung der Initiative „Raum für Zukunft Frankfurt Rhein-Main“ in der Industrie- und Handelskammer (IHK) Frankfurt. Die Politik sei nicht bereit, Kompromisse einzugehen. Seine Forderung: „Wenn wir Wohnungen bauen wollen, müssen wir einen Deal mit der Natur eingehen.“

          Ob sich aber die Natur auf einen Deal einlässt, ist fraglich: Skeptisch äußerte sich Indra Starke-Ottich, die als Biologin bei der Senckenberg-Gesellschaft für Naturforschung und der Planungsgesellschaft Natur & Umwelt tätig ist. In den vergangenen 200 Jahren seien in Frankfurt 318 Arten ausgestorben, hob sie hervor. Gründe dafür seien unter anderem die Intensivierung des Ackerbaus, die Flussbegradigung und die zerschneidende Wirkung von Straßen. Sie forderte: „Der Artenschutz muss stärker in die Planung einbezogen werden.“ Voll versiegelte Plätze zum Beispiel könne sich die Stadt nicht mehr leisten. „Wir müssen vielmehr der Versiegelung eine echte Entsiegelung gegenüberstellen.“

          Weniger als ein Stellplatz je Wohneinheit

          Eine Bebauung mit Einfamilienhäusern dürfe es in Frankfurt wegen des Flächenverbrauchs nicht mehr geben, lautete ihre im Publikum nicht unumstrittene Forderung. Ihre Meinung teilte Martin Teigeler, Geschäftsführer des Planungsbüros AS+P. „Die Menschen akzeptieren eine verdichtete Bebauung, aber es muss ein attraktives Umfeld mit gut gestalteten Freiflächen geben“, sagte der Stadtplaner. Damit dies gelinge, dürfe der öffentliche Raum nicht in erster Linie dem Verkehr dienen. Sein Rezept lautet: Quartiersgaragen für Autos, weniger als ein Stellplatz je Wohneinheit. „Wir brauchen aber Entwickler und Kommunen, die da mitgehen.“

          Horst Burghardt (Die Grünen), bis 2021 Bürgermeister der Stadt Friedrichsdorf, hat einen Entwickler gefunden, der 350 Wohnungen in einer Ökosiedlung errichtet. Dieses Quartier sei durch verdichtete Wohnformen, Energieeffizienz, Artenschutz und Wassermanagement gekennzeichnet. „Das größte Problem ist der Flächenfraß“, sagte er. „Den müssen wir eindämmen.“ Das helfe dann auch der Natur: „Wenn man mehr Freiflächen hat, kann man auch mehr Artenschutz betreiben.“

          Aber auch Burghardt sieht ein Problem mit den Zeitabläufen. Die Planung der Ökosiedlung habe acht bis neun Jahre gedauert. „Das halte ich für viel zu lang.“ Die Prozesse müssten beschleunigt werden. In diesem Punkt waren sich die Experten weitgehend einig.

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