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Frankfurter Baptisten-Gemeinde : Wie eine Glaubensgemeinschaft zum Corona-Hotspot wurde

Infektionsherd: Mehr als 107 Menschen sind infolge eines Gottesdiensts in diesem Bethaus eines Frankfurter Baptisten-Vereins an Covid-19 erkrankt. Bild: Wonge Bergmann

Nach einem Treffen in einer Baptisten-Gemeinde im Frankfurter Stadtteil Rödelheim sind mindestens 107 Menschen mit dem Coronavirus infiziert. Ein Gottesdienst gilt als Auslöser. Viele haben sich aber auch zuhause infiziert.

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          Die Botschaft der Baptisten lautet: alles dicht, wir haben verstanden. Die Tür zum Bethaus im Frankfurter Stadtteil Rödelheim ist verschlossen. Keine Menschenseele zu sehen. An der Glasscheibe des Eingangs hängt ein Schild: „Bitte halten Sie 1,5 Meter Abstand. Vielen Dank.“ Das Wort „Abstand“ ist in großen, roten Buchstaben geschrieben. Eigentlich sollte dort an diesem Sonntag um 10 Uhr ein Gottesdienst beginnen. Doch nach allem, was passiert ist, wird der nur noch im Internet übertragen.

          Tobias Rösmann

          Redakteur in der Rhein-Main-Zeitung.

          Was genau sich in dem schmucklosen Gebäude mit dem Metallkreuz an der weißen Front vor zwei Wochen abgespielt hat, ist noch nicht ermittelt. Sicher ist: Es gibt mindestens 107 Corona-Infizierte, von denen etliche am 10. Mai in den Rödelheimer Räumen gemeinsam gebetet haben. Ein Mann liegt in einer Klinik, die anderen sind nach Auskunft der Behörden nicht allzu schwer erkrankt. Zunächst war von mehr als 40 Infizierten die Rede gewesen.

          Alle Schotten dicht

          Das Frankfurter Gesundheitsamt ist noch mitten in der Recherche. „Es stellen sich eine Menge Fragen“, sagt der Frankfurter Gesundheitsdezernent Stefan Majer. Den Grünen-Politiker beschäftigt in Zeiten der Pandemie vor allem eine Frage: „Sind die Abstandsregeln eingehalten worden?“ Zwar gilt der Gottesdienst als Auslöser. Doch am Sonntagnachmittag teilt der Leiter des Gesundheitsamts, René Gottschalk, mit, die meisten der betroffenen Frankfurter hätten sich wohl zu Hause infiziert. Mehr als 40 der 107 Infizierten lebten in der größten hessischen Stadt.

          Was vor zwei Wochen passiert ist und wie ein Bethaus in einem Frankfurter Gewerbegebiet zu einem Corona-Hotspot der Region werden konnte, würde man gerne auch die Verantwortlichen des Vereins fragen. Aber das geht nicht mehr. Seit Samstagnachmittag ist niemand mehr bereit, mit der Presse zu sprechen. Auch hier lautet die Botschaft: alle Schotten dicht. Dazu passt, dass das große Grundstück mit zwei Meter hohen Stahlmatten umzäunt ist. Beide Zufahrten sind verriegelt. Ein Passant, der ein paar Straßen weiter wohnt, sagt: „Ich bekomme von denen nichts mit.“

          Um zu verstehen, was geschehen sein könnte, ist ein Blick auf den Veranstalter des Gottesdienstes wichtig. Es handelt sich dabei um einen Verein. Rechts vom Eingang an der Eschborner Straße steht ein weißes Schild: „Gemeinde Evangeliums – Christen – Baptisten Frankfurt e.V.“. Wie viele Mitglieder der Verein hat, ist unklar. Es dürften mehr als 100 sein, die meisten Deutschrussen. Die Homepage ist zweisprachig. In dem Internet-Gottesdienst folgt auf einen deutschen Text ein russisches Lied.

          Enge Gemeinschaft

          Zu hören ist, dass es in dem Verein eine enge, fast familiäre Bindung gibt. Nach den gemeinsamen Gebeten sollen viele Gläubige dort sonntags auch zusammen Mittag essen. Womöglich ist der Corona-Ausbruch deshalb auch weniger in dem Gottesdienst selbst, als in der engen Gemeinschaft an sich zu suchen. Große Familien aus dem ganzen Rhein-Main-Gebiet kommen in dem Verein zusammen. Das macht den Corona-Ausbruch so heikel. Denn nach und nach hat sich herausgestellt, dass die Infizierten nicht nur in Frankfurt leben. Gesundheitspolitiker Majer berichtet von Vereinsmitgliedern aus der Wetterau, aus dem Vogelsberg und dem Main-Kinzig-Kreis. Für das Nachverfolgen sämtlicher Kontakte seit dem 10. Mai ist nicht allein das Frankfurter Gesundheitsamt zuständig, sondern auch die jeweils die örtlichen Behörden. Sie haben gerade viel zu tun.

          Majer spricht auch von einer „sehr charismatisch orientierten Gemeinschaft“, von einer „ganz anderen Art von Gottesdienst“. Von einem Gottesdienst womöglich, in dem Nähe und Körperkontakt eine größere Rolle spielen als anderswo? Die Behörden versuchen, das herauszufinden. Befragt werden sämtliche Teilnehmer. Es ist nicht einmal klar, wie viele es waren. Denn anders als in den großen christlichen Kirchen hat der Baptisten-Verein nicht darauf bestanden, dass sich die Gottesdienst-Teilnehmer vorher schriftlich anmeldeten. Das würde es jetzt viel einfacher machen, alle Kontaktpersonen aufzuspüren. Warum diese Listen nicht geführt wurden? Auch diese Frage wird der Vereinsvorstand beantworten müssen.

          „Alle Regeln eingehalten“

          Bevor der Vorstand den Kontakt nach außen kappte, hat sich der stellvertretende Vereinschef noch kurz geäußert. Der 64 Jahre alte Wladimir Pritzkau sagte der Deutschen Presse-Agentur, er könne zwar nicht genau sagen, wie viele Besucher zu dem Gottesdienst gekommen seien. Es seien „bei uns aber alle Regeln eingehalten worden“. Es habe Desinfektionsmittel gegeben, der vorgeschriebene Abstand sei beachtet worden.

          Daran bleiben Zweifel. Denn um das beurteilen zu können, müsste die Besucherzahl bekannt sein. Das Bethaus in Rödelheim ist nicht klein, aber es ist auch nicht so groß wie der Frankfurter Dom. Für diese Riesenkirche ist seit dem 1. Mai, seitdem öffentliche Gottesdienste wieder erlaubt sind, eine maximale Teilnehmerzahl von 70 vorgeschrieben. Masken sind zumindest auf dem Weg zum Platz dringend empfohlen. Es gibt in ganz Deutschland ein Konzept, das zwischen den Kirchen, den Behörden und der Politik abgestimmt worden ist. Werden die Regeln eingehalten, ist es nach Ansicht von Beobachtern unwahrscheinlicher, sich in einem Gottesdienst zu infizieren als beim Einkauf.

          Sorgen gibt es trotzdem. Die Evangelisch-Freikirchliche Gemeinde der Baptisten in Frankfurt hat Angst, mit dem Verein in Verbindung gebracht zu werden. Es dauert nicht lange, bis deren Pastor folgende Nachricht auf der eigenen Homepage veröffentlichte: „Die genannte Gemeinde steht weder organisatorisch noch inhaltlich in einer Verbindung zu unserer Kirchengemeinde oder dem Bund Evangelisch-Freikirchlicher Gemeinden in Deutschland.“ Man selbst verzichte zum Schutz der Gläubigen weiterhin auf Präsenzgottesdienste. Mehr Distanzierung geht kaum. Und auch die Evangelische Kirche in Hessen und Nassau weist darauf hin, dass in ihren Reihen „bisher keine vergleichbare Fälle“ bekannt seien und weiterhin das mit dem Robert-Koch-Institut abgestimmte Schutzkonzept gelte. Die Reaktion erklärt sich damit, dass Baptisten, denen eine unabhängige, freie Ortsgemeinde und die Gläubigentaufe wichtig sind, als Mitglieder der evangelischen Konfessionsfamilie gelten.

          Die Stadt Hanau und der Main-Kinzig-Kreis haben auf das Geschehen in Frankfurt-Rödelheim reagiert. Weil sich im Zusammenhang mit dem Gottesdienst „mindestens 16 Personen aus Hanau mit dem Corona-Virus infiziert haben“, wurde ein für Sonntag geplantes Fastengebet von Muslimen in einem Stadion abgesagt.

          Der Baptisten-Verein hat seine Gottesdienste bis auf weiteres ins Internet verlegt. Pünktlich um zehn Uhr am Sonntag geht es los. Ein Mann predigt auf Deutsch. Er sagt: „Jesus ruft uns auf, dass wir ruhig bleiben in diesen schwierigen Zeiten.“

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