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Die Sprachen der Mainmetropole : Welche Dialekte spricht Frankfurt?

  • -Aktualisiert am

Volksmund: Die Wissenschaft klärt, wie die Frankfurter babbeln. Bild: Hauri, Michael

Studenten der Goethe-Uni haben 500 Menschen in Frankfurt gefragt, welche Muttersprache sie sprechen. Auch wenn Auskünfte wie „Gowor“ für Irritationen sorgen – einige Rückschlüsse lassen sich doch ziehen.

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          Tigrinya, Guarani, Gowor, Tamazight, Yoruba und Amharisch: Von diesen Sprachen werden viele Frankfurter noch nie etwas gehört haben – obwohl sie in ihrer Nachbarschaft gesprochen werden. Rund 70 Studenten der Empirischen Sprachwissenschaft an der Goethe-Universität haben diese linguistische Vielfalt dokumentiert. Für ein Studienprojekt während ihres ersten Semesters waren sie in der Mainmetropole unterwegs und haben 500 Menschen – zumeist am Arbeitsplatz – nach deren Muttersprache gefragt.

          Die Antworten haben sie mit den geographischen Koordinaten des jeweiligen Ortes in der Stadt verbunden und als Punkte auf einer Karte eingetragen, die das Vermessungsamt ihnen zur Verfügung gestellt hat. Auf diese Weise ist eine Frankfurter Sprachenkarte entstanden, die womöglich einzigartig ist. Zumindest, sagt Projektleiter Zakharia Pourtskhvanidze, habe er keine vergleichbare Karte einer deutschen oder ausländischen Großstadt gefunden.

          Daten nicht vollständig

          Den Gedanken hinter dem Projekt namens „Grie Soß Linguistik“ beschreibt der Professor so: „Wir Frankfurter Sprachwissenschafter sind in der Regel in der ganzen Welt unterwegs und sammeln Daten von bedrohten Sprachen. Diese Daten machen wir lesbar und anderen Menschen zugänglich. Genau diese Arbeitsweise haben die Studierenden nun selbst erprobt.“

          „Deutsch“ ist natürlich der häufigste Eintrag auf der Karte. Die Erstsemester sollten nicht gezielt nach fremdsprachigen Menschen suchen. Weil auch Dialekte notiert wurden, findet man für das Innenstadtgebiet Einträge wie Schwäbisch, Sächsisch, Hessisch, Rheinfränkisch und Nordostösterreichisch. Die Erstsemester waren angehalten, die Angaben nicht zu interpretieren. Auf diese Weise wurden Sprachen und Dialekte erfasst, die gar nicht als solche gelten oder offiziell anders heißen.

          Auf der Suche nach linguistischer Vielfalt: Zakharia Pourtskhvanidze, Sprachwissenschaftler an der Goethe-Uni in Frankfurt.
          Auf der Suche nach linguistischer Vielfalt: Zakharia Pourtskhvanidze, Sprachwissenschaftler an der Goethe-Uni in Frankfurt. : Bild: Michael Kretzer

          Beispielsweise habe ein Mann mit „Gowor“ geantwortet, obwohl man dessen Muttersprache gemeinhin Serbisch nenne, sagt Pourtskhvanidze. Falls jemand als Muttersprache einen Dialekt angegeben habe, sei das nicht korrigiert worden. Schließlich seien es niemals wissenschaftliche Kriterien allein, die bestimmten, wann ein verbales Kommunikationssystem den Status einer Sprache erhalte. „Eine Sprache ist ein Dialekt, der irgendwo verfasst ist“, erklärt der Linguist.

          Das Projekt habe in erster Linie einen didaktischen Zweck verfolgt. Allerdings ließen die Ergebnisse der Befragung interessante Schlüsse zu. Dass die verschiedenen Sprachen über das gesamte Stadtgebiet verteilt seien, deute etwa darauf hin, dass es in der Arbeitswelt keine kulturelle Segregation gebe. Nahe der Zeil erscheint Russisch beispielsweise neben Französisch, Nepalesisch, Deutsch, Katalanisch und Arabisch. Die erhobenen Daten seien jedoch nicht annähernd vollständig. Auch sei die Karte nicht so gestaltet, dass man sie etwa auf einer linguistischen Konferenz vorstellen könne. „Der Spaßfaktor stand im Vordergrund“, sagt Pourtskhvanidze.

          Was noch fehlt, soll nun ergänzt werden. Das neue Ziel sei, die Muttersprachen der Frankfurter Bevölkerung möglichst vollständig zu kartografieren. Dazu müsse besonders in den Außenbezirken geforscht werden. Für Harheim und Nieder-Erlenbach etwa gibt es noch gar keine Einträge auf der Karte. Auch an der Darstellung werde noch gefeilt. Eine Legende sei geplant.

          „Mit der fertigen Karte werden wir zeigen, dass es in Frankfurt nicht nur ökonomischen, sondern auch einen kulturellen Reichtum gibt“, sagt Pourtskhvanidze. Für die Fortsetzung des Projekts wolle er weiterhin auf das freiwillige Engagement der Studenten setzen. „Man muss ihnen nur einen Raum geben, und sie werden Großartiges machen.“

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