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Blühende Wiesen in Frankfurt : Warum Ackerdisteln und die Gemeine Schafgarbe weichen müssen

Biotop: Am Hohen Weg in Hausen gedeihen mittlerweile pinkfarbene Disteln und weiße Schafgarbe. Bild: Grünflächenamt Frankfurt

Die Stadt Frankfurt setzt mittlerweile seit sechs Jahren auf Wiesen: in den Parks, im Grüngürtel und vor allem auf Mittel- und Grünstreifen. Viele sind in den vergangenen Tagen gemäht worden – aus gutem Grund.

          Die schwarz-weiße Hummel ist der Schlüssel zum Erfolg. Seit auf den Grünstreifen die runden, gelben Hinweisschilder mit der Aufschrift „Wiesen für Insekten“ aufgestellt wurden, auf denen auch das Bild einer Hummel zu sehen ist, gehen nur noch wenige Beschwerdeanrufe beim Grünflächenamt ein. Bis zum Frühjahr vergangenen Jahres, als die ersten Schilder aufgestellt wurden, stand dagegen das Telefon kaum still. Die Frankfurter, und nicht nur die, beschwerten sich, dass die Grünflächen ungepflegt aussähen, dass dort Unkraut wachse und die Stadt die Flächen wieder in Schuss bringen solle.

          Mechthild Harting

          Redakteurin in der Rhein-Main-Zeitung.

          Heute, mehr als 100 Hinweisschilder und fast tägliche Berichte über das Insektensterben später, sind die Bürger dagegen erzürnt, wenn sie feststellen, dass ihre kürzlich noch bunt blühende Wiese an der Straße gemäht worden ist. „Fehlt den Insekten dadurch nicht der Lebensraum?“, fragen dann einige.

          Nein, sagen die Fachleute. Eine Wiese müsse gemäht werden, andernfalls verbusche sie, so der Fachbegriff. Das heißt, dass auf der Fläche innerhalb weniger Jahre vermutlich nur noch Brombeeren wüchsen. Die pinkfarbene Ackerdistel oder die weißblühende Gemeine Schafgarbe würde hingegen nicht mehr blühen.

          „Abmagerungskur“ für die Wiesen

          „Mitte Juni ist die traditionelle Mahdzeit“, teilt das Grünflächenamt mit. Dann haben die Blumenwiesen ihre Hauptblütezeit überschritten, sind die meisten Samen ausgereift und Insektenlarven und Raupen so weit entwickelt, dass die Wiesen gemäht werden können. Wann genau welche Wiese dran sei, das könne das Amt allerdings nicht ankündigen. „Wir können ja nicht alle Wiesen an einem Tag mähen“, sagt Bernd Roser, der für die Pflege der Grünflächen zuständig ist. Letztlich entscheide der Einsatz von Personal und Maschinen darüber, wann welche Wiese dran sei. Selbst wenn auf einer Wiese noch ein paar Blumen blühten, werde sie gemäht. „Für den Erhalt der Artenvielfalt ist das kein Problem“, so Roser. Im Gegenteil, durch die Mahd bekämen die Samen im Boden wieder genug Licht, und viele Pflanzen blühten dann bis zum Spätsommer noch einmal.

          Wer meint, dass es einfach ist, eine Wiese anzulegen und zu erhalten, der hat sich dieser Aufgabe noch nicht gestellt. Nur in Ausnahmefällen ist es möglich, Rasenflächen, die vorher zwölfmal im Jahr gemäht und häufig auch noch gedüngt wurden, der Natur zu überlassen. Denn für Wiesen gilt: Je magerer der Boden, desto vielfältiger sind die Pflanzen, die darauf gedeihen. Viele Böden in der Stadt sind zu nährstoffreich. Laut Grünflächenamt werden sie einer „Abmagerungskur“ unterzogen. Dazu wird dem Boden Sand oder feiner Schotter beigemischt. Meist sät das Amt auch extra Gras- und Blumensamen aus.

          „Artenarmes Einheitsgrün“ vermeiden

          Ehe eine Wiese so aussieht wie erwünscht, können Jahre vergehen. Bis dahin muss die Fläche richtig gepflegt werden, also zur rechten Zeit gemäht werden, nämlich dann wenn die Wiese „reif“ ist. Einige Wiesen werden einmal im Jahr gemäht, andere auch zweimal, die zweite Mahd findet meist Ende August bis Anfang September statt. Für die Pflege ist noch maßgeblich, dass die Wiese mit dem richtigen Gerät, einem sogenannten Balkenmäher, etwa zehn Zentimeter über dem Boden geschnitten wird. Und der Schnitt muss abgefahren werden. Bliebe er liegen, gelangten wieder zu viele Nährstoffe in den Boden, bekämen die Samen im Boden nicht genug Licht. Dann hätte man vielleicht eines Tages eine grüne Wiese, aber kaum eine blühende.

          „Wir haben in den vergangenen Jahren auch Rückschläge erlebt“, heißt es im Grünflächenamt, das seit 2013 das sogenannte Wiesenkonzept verfolgt, um „artenarmes Einheitsgrün“ zu vermeiden.

          Mit der diesjährigen Entwicklung ist Roser allerdings sehr zufrieden. Das Wetter sei warm gewesen, es habe hin und wieder geregnet, so dass sich auch viele Samen entwickelt haben, die im vergangenen Jahr wegen der Trockenheit nicht keimen konnten. Insgesamt sind nach Angaben des Amts seit 2013 mehr als 50 Hektar an rund 40 Standorten in Wiesen umgewandelt worden, darunter nicht nur Grünstreifen, sondern auch größere Flächen in den Parks wie etwa im Grüneburgpark.

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