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Auf Durchreise nach Jordanien : Der Gelegenheits-Prediger vom Mainufer

Begleiter: Für junge Amerikaner wie den Prediger Canyon Shearer, der in Frankfurt am Main das Wort Gottes verbreitet, gehört die Bibel zum Handwerkszeug Bild: Picture-Alliance

Im Grunde wollte er an diesem Nachmittag längst in Jordanien sein. Doch sein Flugzeug ist ausgefallen. Um die Wartezeit zu überbrücken, predigt der Angestellte der amerikanischen Regierung am Mainufer in Frankfurt.

          Graublaues T-Shirt, Bluejeans, Pilotenbrille auf der Nase und das Haar so kurz wie ein Soldat: So steht er auf der Wiese am nördlichen Mainufer in der Nähe des Gerippten, des Turms in Form eines Apfelweinglases. Er steht im Schatten eines Baums – und predigt. Einfach so. In den weiten Raum hinein. In ein paar Metern Abstand sitzen Paare und kleine Gruppen im Gras, manche reden miteinander, andere gucken nur auf ihre Mobiltelefone. Augenscheinlich hört dem jungen Mann mit der kräftigen Stimme und der ebensolchen Statur niemand zu, jedenfalls nicht länger. So predigt er minutenlang. Wieso macht er das?

          Thorsten Winter

          Wirtschaftsredakteur und Internetkoordinator in der Rhein-Main-Zeitung.

          „Manchmal willst du hier hin, doch Gott schickt dich dort hin“, sagt der junge Mann, der sich als Canyon vorstellt. „Canyon vom Grand Canyon.“ Klar. Und wie heißt er wirklich? „Ich heiße wirklich Canyon!“ Er zückt seine Visitenkarte. Sie weist ihn tatsächlich als Canyon Shearer aus Dayton in Ohio aus. Im Grunde wollte er zu dieser Zeit, es ist Montag Nachmittag zur Kaffeezeit, längst im Nahen Osten sein. In Jordanien, um genau zu sein. Um dort seine Kirche, die First Baptist Church New Lebanon, und die Christen überhaupt zu unterstützen. „Doch mein Flieger ist ausgefallen, und nun bin ich hier.“

          Botschafter Gottes

          Die Frage, weshalb er munter drauflos predigt, beantwortet er mit einem Fingerzeig auf seine schwarz eingebundene Holy Bibel: „Das ist meine Lieblingsstelle, die ganze Bibel ist ja gut, aber das hier ist meine Leitlinie“, erzählt er begeistert und deutet auf eine Zeile in den Korinther-Briefen. Darin heißt es, die Menschen seien „ambassadors“, also Botschafter Gottes. In der deutschen Einheitsübersetzung heißt es: „Wir sind also Gesandte Gottes an Christi Statt.“ Aber Botschafter passt in diesem Fall irgendwie besser.

          Baptist aus Ohio: Canyon Shearer, hier am Frankfurter Mainufer, wo er während eines Zufallsstopps predigte

          Auf die Frage, ob er als Prediger sein Geld verdient, schüttelt er den Kopf. Er sei Angestellter der amerikanischen Regierung und wolle Soldaten seines Landes und Jordaniern zur Seite stehen, mit für ihr Seelenheil sorgen. Er reist mithin als Vertreter seines Landes und seiner Kirche nach Jordanien. „Zehn Stunden am Tag werde ich für die Soldaten da sein und dann noch einige Stunden für andere Christen.“

          Und wenn keiner zuhört?

          Derweil wartet Canyon Shearer aber noch auf seinen Flieger. Und erfreut sich am Panorama, das das Mainufer ihm bietet. Herrlich findet er die Ecke, sie gefällt ihm viel besser als die nahe Innenstadt, in der er vorher war. „Dort ist es mir zu voll.“ Wahrscheinlich können Passanten seine Stimme am Mainufer auch viel besser verstehen als auf der belebten Zeil. Aber wenn keiner zuhört? Shearer zuckt mit den Schultern. „Wenn jemand meinen Worten lauscht oder mit mir spricht, freue ich mich, wenn nicht, ist es auch nicht schlimm.“ Sagt es und holt Luft für die nächste Predigt-Runde.

          Am Abend meldet sich Canyon Shearer dann per Mail. Er sei gerade am Flughafen und warte auf seinen Flug. Nach seinem Ausflug ans Mainufer habe er vor der alten EZB gepredigt vor einer sehr interessierten Gruppe von Menschen und sich hinterher mit einem Libanesen unterhalten. „Wir sind zusammen essen gegangen. Ein Amerikaner und ein Libanese gehen in Deutschland zum Mexikaner. Es war wunderschön!“

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