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Eingemeindung vor 50 Jahren : „So dörflich ist die Stadt sonst nirgends“

In weiter Ferne, so nah: Die nördlichen Stadtteile pflegen ihre Distanz zur lauten und hektischen Frankfurter Kernstadt. Bild: Lucas Bäuml

Vor 50 Jahren wurden aus Nieder-Eschbachern, Nieder-Erlenbachern, Harheimern und Kalbachern über Nacht Frankfurter. Ihren eigenen Charakter geben sie jedoch auch bis heute nicht auf.

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          Wenn man etwas abseits vom Erlenhof, auf halbem Weg zwischen Nieder-Erlenbach und Harheim, in der Sonne steht und südwärts blickt, dann sieht man Feldwege, Streuobstwiesen, Bäume mit sattgrünen Kronen, abgemähte, stoppelige Felder – und weit entfernt die Frankfurter Skyline, den Messeturm, den Commerzbank-Tower und den „Ginnheimer Spargel“, den Fernmeldeturm.

          Alexander Jürgs
          Redakteur in der Rhein-Main-Zeitung.

          Im Laden des Erlenhofs bekommt man Pastinaken, Petersilien, Zwetschgen und neue Kartoffeln, aber auch Winzersekt extra trocken. Es ist viel los: Auf dem Parkplatz werden die Lücken knapp, die Kunden decken sich mit Einkäufen für das Wochenende ein. Wie in einer Großstadt fühlt man sich hier nicht, aber der Bauernhof der Familie Walther liegt trotzdem ohne Frage auf städtischem Gebiet. Denn vor 50 Jahren, am 1. August 1972, wurden Harheim, Kalbach, Nieder-Eschbach und Nieder-Erlenbach nach Frankfurt eingemeindet. Über Nacht wurden aus Dörfern Stadtteile.

          Dagegen hatten sie sich allerdings lange und heftig gewehrt. Kaum jemand in den Dörfern wollte den Anschluss an die Großstadt. In Hessen aber wehte damals der Wind einer umfassenden Gemeindereform. Landkreise und Gemeinden sollten größer, die Verwaltungen kleiner und effizienter werden. Überall im Land führte das zu Zwist über drohende „Zwangsehen“ und Eingemeindungspläne, und am heftigsten rebellierten die Harheimer.

          Niedergeschlagener Protest mit Jauche und Mistgabeln

          Mitten im Ort hatten Bauern einen Traktor mit einer Strohpuppe darauf geparkt. Auf dem Plakat, das sie in den Händen hielt, stand der Spruch: „Wer Harheim verkauft oder verschenkt, der gehört gehenkt.“ Als die Gemeindevertreter im Dezember 1971 schließlich über einen Vertrag mit der Stadt Frankfurt debattierten, zogen die wütenden Bauern mit Jauchewagen und Mistgabeln vor das Rathaus. Als Zeichen des Protests gegen die Eingemeindungsabsichten wollten sie dort ihren Unrat abladen. Aus Bad Vilbel rückte die Polizei an, den Eklat konnte sie gerade noch verhindern.

          Sogar Fernsehgeschichte schrieb der Widerstand der Harheimer. In den Achtzigerjahren wurde in dem Ort eine sechsteilige Serie über den Konflikt um die Eingemeindung gedreht: „Die Wilsheimer“. Hansjörg Felmy spielt darin den ebenso schlitzohrigen wie eloquenten Bauunternehmer Jean Ziegler. Anders als die Dorfbewohner plädiert der Baulöwe im Film für eine Fusion mit Frankfurt, will daraus Profit ziehen. Doch als die Ortsbewohner planen, aus Protest ihr Rathaus zuzumauern, hilft Ziegler ihnen doch und liefert die dafür notwendigen Ziegelsteine – gegen eine ordentliche Bezahlung natürlich. Am Drehbuch hatte damals auch ein Harheimer mitgeschrieben: der beim Hessischen Rundfunk angestellte Fernseh-Dramaturg Bernt Rhotert.

          Frankfurt warb mit Geschenken um die nördlichen Dörfer, denn der Magistrat setzte große Hoffnungen in die Gebietserweiterung. Die Höhe von Steuern und Gemeindebeiträgen sollte in den Orten für einige Jahren eingefroren werden. Neue Buslinien, Bürgerhäuser, Schul- und Kindergartenbauten wurden versprochen. Und auch, was den sogenannten Schlachthofzwang anging, zeigte man sich kompromissbereit: Eine Zeit lang sollten die Menschen in den Dörfern auch weiterhin schlachten dürfen.

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