https://www.faz.net/-gzg-90evn

Frankfurt : Stoffbeutel für alle statt Plastiktüten

  • -Aktualisiert am

Ein Auslaufmodell: die Plastiktüte Bild: dpa

An der Berger Straße in Frankfurt liegen Stofftaschen aus, um der Plastiktüte den Garaus zu machen. Ein Versuch mit Anlaufschwierigkeiten.

          Das ist deutschlandweit womöglich einmalig: Etwa 40 Einzelhändler der Berger Straße im Frankfurter Stadtteil Bornheim wollen Plastiktüten aus ihren Geschäften verbannen. Das wäre nicht weiter aufregend, würden die Händler – wie viele andere Unternehmen auch – lediglich keine Plastiktüten mehr verkaufen. Die Teilnehmer der Aktion „Ich bin dabei: Plastikfrei“ denken jedoch weiter. Sie haben ein innovatives System ins Leben gerufen, das Einkaufstüten zirkulieren lässt und somit aus der klassischen Einweg- eine Mehrwegtüte macht. Ganz reibungslos läuft das System noch nicht, aber es spielt sich ein.

          Ortstermin: Löwengasse in Bornheim bei Marlene Haas, Geschäftsführerin von „Lust auf besser leben.“ Die Siebenundzwanzigjährige ist mit ihrer gemeinnützigen Gesellschaft eine der Organisatorinnen der Aktion. Sie arbeitet eng mit dem Gewerbeverein Bornheim Mitte zusammen. Ihr Ziel ist es, das Thema Nachhaltigkeit im Stadtteil zu verankern.

          Für eine gesamte Einkaufsstraße bisher einmalig

          Die grundlegende Frage lautete: Wie soll es mit Bornheim weitergehen? Der Stadtteil und vor allem der Einzelhandel dort stehen vor großen Herausforderungen. Leerstände und steigende Mietpreise bereiten den Händlern Sorgen. Mehr Veranstaltungen würden nicht reichen, um Aufmerksamkeit zu finden, das war abzusehen. Notwendig erschienen eine Dachmarke und ein Logo, wie Haas berichtet.

          Hinzu kam das Thema Nachhaltigkeit. „Der Einzelhandel weiß, dass er selbst etwas machen muss, um Plastik zu reduzieren“, sagt Haas. „Nur das Herausgeben von Papiertüten, die einmal benutzt werden, ist nicht unbedingt besser, was die Ökobilanz betrifft.“ Also gingen die Händler an der Berger Straße beide Themen innovativ an, verknüpften die Anforderungen und entwickelten die Kampagne „Ich bin dabei: Plastikfrei“.

          Damit das Konzept, das nun sowohl eine Dachmarke bildet als auch nachhaltig ist, mehr Chancen auf Erfolg hat, holten sie die Händler der unteren Berger Straße mit ins Boot und legten los. Dabei mussten die Händler nicht alles neu erfinden, denn nach Auskunft von Haas gibt es schon kleinere Wochenmärkte, die solche Konzepte entwickelt haben. Trotzdem bleibt sie dabei: Für eine gesamte Einkaufsstraße ist das bisher einmalig.

          Das Konzept ist so einfach wie intelligent: Die Händler haben 5000 Stofftaschen mit dem Logo der Aktion bedrucken lassen und verteilen diese an ihre Kunden. Alle 300 Meter stehen auf der Berger Straße sogenannte Taschenstationen. Das sind Metallständer, in denen Taschen abgelegt oder herausgenommen werden können. Die Kunden sollen auch eigene Stofftaschen dort ablegen, die dann wiederum andere Kunden für ihren Einkauf nutzen können. Sinn und Zweck ist: Es gibt immer ausreichend Taschen, keine liegt vergessen in der eigenen Schublade herum. Die Taschen werden permanent von unterschiedlichen Menschen genutzt. So ist es auch nicht nötig, neue Taschen zu produzieren, denn es sind ausreichend vorhanden.

          „Wir wollen doch alle weniger Plastik“

          „Nur mit dem Verteilen unserer Stofftaschen hätten wir das Problem nicht gelöst. Dann vergessen die Leute beim Einkaufen die Taschen und nehmen doch wieder Plastiktüten“, sagt Haas und erklärt: „Dann müssten wir immer wieder Stofftaschen nachdrucken, das kann es auch nicht sein.“

          Noch funktioniert das System aber nicht vollständig. Das liegt einerseits daran, dass von den etwa 200 Einzelhändlern an der Straße derzeit erst 40 mitmachen. Andererseits haben die Kunden das Konzept noch nicht richtig verinnerlicht. „Leider nehmen viele Leute die Taschen mit und bringen sie nicht wieder. Deswegen lassen wir jetzt noch einmal 1000 Taschen nachdrucken“, berichtet Haas und ergänzt lachend: „Es ist toll, dass unsere Taschen oft zu den Lieblingstaschen gehören und dann zu Hause liegen. Aber das ist nicht der Sinn der Sache.“ Ein Pfandsystem würde auch keine Abhilfe schaffen, meint sie.

          Die digitale F.A.Z. PLUS
          F.A.Z. Edition

          Die digitale Ausgabe der F.A.Z., für alle Endgeräte optimiert und um multimediale Inhalte angereichert

          Mehr erfahren

          Die Auswirkungen der Aktion, die seit Juni läuft, sind aber schon spürbar. Einige Handler geben keine Plastiktüten mehr unentgeltlich ab, sondern verkaufen sie. Das hat laut Haas dazu geführt, dass der Absatz dieser Tüten um bis zu 90 Prozent gesunken ist. Das bestätigt auch Annika Plien vom Haushaltswarengeschäft Meder. „Wir verkaufen unsere Plastiktüten jetzt für zehn Cent das Stück. Dann zucken die Leute und haben plötzlich eine eigene Tasche in der Hand“, sagt sie. Die Verkäuferin steht hinter der Aktion. „Das ist eine schöne Sache, und sie wird von unseren Kunden mitgetragen.“ Vor dem Ladenlokal steht eine der Taschenstationen, in der Stofftaschen liegen.

          Ingrid Lennerts-Pohlmann, Chefin des Textil- und Schuhgeschäfts Lepo, ist von der Aktion begeistert: „Ich finde das gut. Das ist unterstützenswert.“ Ihre Kunden, da ist sie sicher, haben die Aktionen verstanden und bringen auch immer eigene Taschen mit. Manchmal muss sie aber noch erklären, wie das System funktioniert. Das stört sie nicht, im Gegenteil: „Wir wollen doch alle weniger Plastik.“

          Auf dem Bornheimer Fünffingerplätzchen steht eine der neuen Taschenstationen. Dort liegt eine Stofftasche. Das ist ein bisschen wenig, findet Haas und legt weitere dazu. „Wir müssen die Leute noch ein bisschen aufklären, damit sie mehr Taschen mitbringen“, stellt sie fest, ist aber mit dem Erfolg der Aktion bisher durchaus zufrieden.

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          Kommt heute nach Berlin: Boris Johnson

          Johnson besucht Berlin : Warten auf ein erstes Blinzeln

          Der britische Premierminister Boris Johnson droht der EU mit einem harten Brexit und lockt mit vagen Zugeständnissen – doch in Brüssel und Berlin wächst nur das Unverständnis.
          Kardinal George Pell verlässt im Februar 2019 ein Gericht im australischen Melbourne.

          Kindesmissbrauch : Kardinal Pell bleibt hinter Gittern

          Der ehemalige Finanzchef des Vatikans hat in den neunziger Jahren zwei Chorknaben in Melbourne missbraucht. Die Vorsitzende Richterin spricht von einem Prozess, der ihr Land gespalten habe
          Alles andere als ein Verlustgeschäft: Michail Prochorow

          Basketball in der NBA : Der Russe, die Nets und der Milliardendeal

          Er trat gegen Putin an. Er kokettiert mit dem Ruf eines Playboy. Doch mit dem Basketballklub Brooklyn Nets hatte Michail Prochorow keinen Erfolg. Das Abenteuer Amerika war dennoch kein Verlustgeschäft. Im Gegenteil.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.