https://www.faz.net/-gzg-8t80m

Frankfurt : Schön, dass wir darüber gesprochen haben

Treffpunkt: Zwei der drei Lesegruppen tagen im Literaturhaus. Bild: Wonge Bergmann

Gemeinsames Lesen ist gut für die Seele: Das Literaturhaus, die Stadtbücherei und das Hospital zum heiligen Geist erproben zusammen „Shared Reading“.

          Aus Liverpool kommen nicht nur die Beatles und zuletzt schlechte Fußballnachrichten für Jürgen Klopp. Dort ist vor zwei Jahrzehnten auch eine neue Art des gemeinsamen Lesens entstanden, die vom Literaturhaus, der Stadtbücherei und dem Hospital zum heiligen Geist nun in Frankfurt erprobt wird. „Shared Reading“ heißt die Bewegung, bei der sich Gruppen zum gemeinsamen Vorlesen einer Erzählung, eines Romans oder eines Gedichtes treffen. Über die emotionale Wirkung des Textes auf die Teilnehmer wird anschließend ausführlich, offen und ehrlich gesprochen, angeleitet von einem eigens ausgebildeten Moderator.

          Florian Balke

          Kulturredakteur in der Rhein-Main-Zeitung.

          In Großbritannien gibt es inzwischen zahlreiche Gruppen an Schulen und in Krankenhäusern, in Frankfurt als zweiter deutscher Stadt nach Berlin kommen in den nächsten Wochen drei weitere hinzu. „Es geht darum, Literatur so vielen Menschen wie möglich zugänglich zu machen“, sagt Hauke Hückstädt, Leiter des Literaturhauses, der das Modell gestern zusammen mit seiner Kollegin Sabine Homilius von der Stadtbücherei vorstellte. Von herkömmlichen Lesezirkeln unterscheide sich „Shared Reading“ durch die konzentrierte Atmosphäre, sagte Homilius: „Am meisten begeistert mich, dass Bindung entsteht – nicht nur zwischen der Bücherei und den Lesern, sondern auch untereinander und miteinander.“

          Das Interesse für Literatur ist groß

          In Großbritannien kommen einzelne Gruppen inzwischen seit vielen Jahren zusammen und sind dazu übergegangen, über mehrere Monate hinweg ganze Romane zu lesen. In Frankfurt soll es in Runden von jeweils etwa zwölf Teilnehmern zunächst um Erzählungen gehen, die vom Moderator ausgewählt und zu Beginn der Sitzung in Kopie verteilt werden. Zum Abschluss des Treffens rundet ein ebenfalls vom Gesprächsleiter bestimmtes Gedicht die Diskussion ab. Die beiden Gruppen, die sich von Anfang März an im Literaturhaus treffen, moderiert während der ersten drei Monate Carsten Sommerfeldt. Der ehemalige Verlagsleiter von Droemer Knaur und spätere Pressechef des Berlin Verlags ist zusammen mit seinem Geschäftspartner Thomas Böhm vor zwei Jahren in Liverpool auf „Shared Reading“ gestoßen (F.A.Z. vom 19. September 2015) und bietet es in Deutschland nun mit seiner Agentur an.

          Wer derzeit eher zivilisationskritisch gestimmt ist, kann bedauern, dass die alte bürgerliche Kulturtechnik des gemeinschaftlichen Lesens mit Familienangehörigen und Freunden nun so aufwendig wiederentdeckt werden muss. Anmerken ließe sich auch, dass die jedermann zugängliche Idee des Vorlesens von Sommerfeldts Agentur erfolgreich privatisiert worden ist: Für die mehrtägige Ausbildung eines Moderators zahlen Einrichtungen, die an „Shared Reading“ teilnehmen, ihr 1200 Euro. Aber Hückstädt und seine Kollegen sind angetan von der Stimmung auf den von ihnen veranstalteten Probetreffen. Und das Interesse ist groß.

          Vom 16. Februar an trifft sich die vom Gesundheitsamt und der BHF-Bank-Stiftung geförderte Lesegruppe der Stadtbücherei. Sie richtet sich an Senioren; alle Plätze sind belegt. Auf die Warteliste setzen lassen kann man sich unter der Rufnummer 21232368 und der E-Mail-Adresse literarisches.miteinander@stadtbuecherei.frankfurt.de. Im Literaturhaus kommt vom 1. März an eine Gruppe ehemaliger Patienten des Hospitals zum heiligen Geist zusammen, die im nebenan gelegenen Krankenhaus wegen Depressionen und Angststörungen behandelt wurden. „Wir lernen Patienten kennen, deren inneres Dilemma es ist, widersprüchliche Gefühle zu erleben, mit denen sie nicht zurechtkommen“, sagt die Ärztin Christiane Faust-Bettermann: „Gute Literatur hat das schon in Worte gefasst.“ Auch hier sind alle Plätze besetzt.

          Das gilt nicht für die ebenfalls von der Marschner-Stiftung geförderte Gruppe für alle Frankfurter, die im Literaturhaus vom 2. März an jeweils donnerstags von 17 Uhr an tagt. Anmeldungen nimmt Benno Hennig von Lange unter der Rufnummer 75618419 und der E-Mail-Adresse vonlange@literaturhaus-frankfurt.de entgegen. Und wenn sich zu viele melden? „Dann wenden wir uns an unsere Förderer“, sagt Hückstädt.

          Weitere Themen

          EKG für unterwegs Video-Seite öffnen

          Infarkt oder nicht? : EKG für unterwegs

          Eine App fürs Handy und ein Kabel mit Elektroden - Cardiosecur hat ein mobiles EKG entwickelt. Gründer und Geschäftsführer Markus Riemenschneider erklärt im Video, wie das Ganze funktioniert.

          Topmeldungen

          Umstritten: An der geplanten Pkw-Maut gibt es viel Kritik.

          EuGH urteilt : Deutsche Pkw-Maut verstößt gegen EU-Recht

          Das Prestigeprojekt der CSU ist gescheitert: Der Europäische Gerichtshof gibt einer Klage von Österreich gegen die Maut in Deutschland statt. Die Richter halten die geplante Abgabe für diskriminierend.
          Matteo Salvini (Dritter von rechts) und Mike Pence (vierter von rechts) beim Gruppenfoto vor dem Weißen Haus am Montag

          Salvini in Washington : Imperiale Achse im Gepäck

          Italiens stellvertretender Ministerpräsident Matteo Salvini preist bei seinem ersten Besuch in Washington Rom als verlässlichsten Partner in Europa an. Und verteilt Seitenhiebe gegen Paris, Berlin und Brüssel.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.