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Frankfurt-Sachsenhausen : Ein Ort zum Fremdschämen

Ruine: Mitten im rekonstruktionsseligen Frankfurt verfällt eine Altstadt, deren Substanz original ist. Bild: Wolfgang Eilmes

In Sachsenhausen hat Frankfurt eine Altstadt, die gerettet werden kann. Die Stadt bemüht sich schon lange, das verwahrloste Kneipenviertel in den Griff zu bekommen. Noch verbreiten bierselige Gruppen eine aggressive Grundstimmung.

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          Einige Reiseführer über Frankfurt sollten dringend aktualisiert werden. Ein japanisches Pärchen, das offenbar noch eine veraltete Auflage in der Umhängetasche hat, spaziert abends durch die Kleine Rittergasse, der Gesichtsausdruck ist eine Mischung aus Abscheu und Verwunderung. Dies also ist „good old Germany“, dies sind die „rustic taverns“ und „tiny alleys“, wie sie in einem englischsprachigen Reiseführer beschrieben sind?

          Rainer Schulze

          Redakteur in der Rhein-Main-Zeitung.

          Gruppen, die Junggesellenabschied feiern, belagern Ballermann-Kneipen, aus denen Musik dringt, die einzig dem Anspruch genügt, dass sie im Suff besonders gut mitgebrüllt werden kann. Bierselige Gruppen verbreiten im sogenannten Vergnügungsviertel eine aggressive Grundstimmung. Alt-Sachenhausen ist ein Platz zum Fremdschämen. Man möchte die beiden Japaner an die Hand nehmen, sich für die Geschmacklosigkeit entschuldigen und ihnen ein anderes Frankfurt zeigen.

          Nachbargebäude von Stützen gehalten

          Tagsüber ist es nicht besser. Von Hausnummer 17 stehen nur noch ein paar verkohlte Stümpfe. Seit das Fachwerkhaus einem Brand zum Opfer gefallen ist, werden die Nachbargebäude von Stützen gehalten. Die Ruine liegt ein bisschen versteckt zwischen Kleiner Rittergasse und Klappergasse in einem Nebengässchen. Nebenan steht  das Lorsbacher Tal, eine der wenigen urigen Apfelweinkneipen, die sich gegen die Ballermann-Übermacht des Kneipenviertels behaupten. Tagsüber ist Alt-Sachsenhausen wie ausgestorben. Ein Fenster, eine Deutschlandfahne klemmt im Rahmen, steht auf Kipp, aus dem Innern tönt schlecht gemachte Rockmusik. „Willkommen in unserem schönen Stadtteil“, sagt Alfred Gangel, der Leiter des Liegenschaftsamts, lächelnd.

          Meterweise Bier: Die Wirte zeigen, worauf es ihren Gästen ankommt.

          Ein Spaziergang  mit Gangel durch Alt-Sachsenhausen macht wehmütig. „Kleine Schmuckstücke“ entdeckt  er an jeder Ecke. Er  führt ohne  Sentimentalität durch das Viertel. „Alt-Sachsenhausen ist ein Sanierungsfall“, sagt Gangel.  „Wir haben hier noch eine funktionierende Altstadt, die wir nicht wieder aufbauen müssen.“ An der Kleinen Rittergasse liegen  die Problemkneipen  wie das „Oberbayern“ oder das auf Busen, Burger und Bier setzende „Hooters“, dessen Bedienung in orangefarbenen Hot-Pants und weißen Hemdchen serviert, aus denen die Brüste zu kullern drohen.

          Alkohol nicht „uff de Gass“

          Zwar wünschen die Wirte auch, dass ihre Gäste den  Alkohol nicht „uff de Gass“, sondern lieber an ihrer Theke trinken. Aber durch ihr Angebot tragen sie maßgeblich zum schlechten Image des Viertels bei, das an Bord der Ausflugsschiffe auf dem Main immer noch als original frankfurterische Attraktion beworben wird.  Die Einheimischen, die es besser wissen, bleiben fern. Die Ebbelwei-Gemütlichkeit ist längst dahin.

          Seit Jahren arbeitet die Stadt an einer Aufwertung des Viertels und hat 2001 ein Förderprogramm für Alt-Sachsenhausen aufgelegt. Sie will den Stadtteil in ein vielfältig genutztes Quartier umwandeln und ein „verträgliches Miteinander“ von Gaststätten und Wohnen erreichen. Das Stadtplanungsamt fördert Eigentümer, die ihre Gebäude instandsetzen und Wohnraum schaffen, mit Zuschüssen. Läden, Dienstleistungen, vereinzelte Büros, Künstlerateliers und nicht störendes Gewerbe sollen auch tagsüber für Belebung sorgen.

          55 von 130 Häusern saniert

          Die Zwischenbilanz scheint auf den ersten Blick erfolgreich. Von den etwa 130 Häusern im Kern des Stadtteils sind 55 saniert worden. Außerdem wurden vier Neubauten mit 34 Wohnungen errichtet. Die Stadt investiert die Aufwertung des öffentlichen Raums. Die Große und die Kleine Rittergasse, die Klappergasse und die Paradiesgasse wurden neu gepflastert, sechs Brunnen sind teilweise neu gestaltet und beleuchtet. Aber was hilft das, wenn sich schwer alkoholisierte Männer immer wieder in die hübschen Brunnen übergeben?

          Die Stadt hat es in der Regel mit privaten Eigentümern zu tun, die eher an den Betreiber einer lukrativen Disko als an eine Galerie vermieten. Die Umwandlungsprämie, mit der die Stadt die Wirte zur Rückgabe ihrer Konzession bewegen möchte, wird kaum abgerufen. Die Gebäudesubstanz ist teilweise durch Vernachlässigung und mangelnde Instandhaltung durch die Eigentümer so weit geschädigt, dass nur umfangreiche Sanierungen helfen können. Das ist kostspielig, und die städtische Förderung allein reicht oft nicht aus, um die Gebäude zu retten und historische Elemente vor dem Verfall zu bewahren. Die Zeit wird knapp. „Zeit ist das, was wir am wenigsten haben, wenn wir das, was heute noch vorhanden ist, erhalten wollen“, heißt es in einem Konzept des Planungsdezernats.

          Es gibt Hoffnungsschimmer. An der Großen Rittergasse am zum Mainufer gelegenen Eingang des Viertels hat die Stadt den Frankensteiner Hof mit Sozialrathaus und Bürgeramt saniert. Der Komplex wurde komplett modernisiert, die Erdgeschosszone entlang der Paradiesgasse geöffnet, drei Künstlerateliers sind entstanden. Der Architekt Jo Franzke hat auf dem Platz davor ein sehenswertes Wohngebäude mit drei steilen Giebeln entworfen.

          Platz für gutes Spieselokal und Wohnungen

          Und auf der gegenüberliegenden Platzseite wird in diesem Jahr mit der Sanierung des Kuhhirtenturms begonnen. Für 800.000 Euro will die Stadt den Turm, in dem der Komponist Paul Hindemith von 1923 bis 1927 lebte und arbeitete, in den Originalzustand zurückversetzen. Die Paul Hindemith-Stiftung wird im Turm anschließend eine Ausstellung zum Leben und Werk des Komponisten präsentieren und unter der Dachhaube einen kleinen Kammermusiksaal einrichten. „Das wird ein schöner ruhiger Platz mit Brunnen“, hofft Franzke.

          Keine hundert Meter entfernt arbeitet die Stadt an der Paradiesgasse an einem vielversprechenden Projekt. Sie möchte den leerstehenden Paradieshof an der Paradiesgasse kaufen und kulturell nutzen. Ein gutes Speiselokal, Café und Wohnungen könnten ebenfalls Platz finden. Der Eigentümer verlangt dem Vernehmen nach aber mit 1,2 Millionen Euro einen stolzen Preis für die heruntergekommene Immobilie. Das Kulturdezernat schmiedet noch an den Plänen. Die „Fliegende Volksbühne“ von Michael Quast könnte hier etwa einziehen, heißt es aus dem Dezernat. Das wäre ein großes Stück Bodengewinn im langen Kampf gegen den schlechten Geschmack.

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