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Frankfurter Bahnhofsviertel : Rauschgiftgeschäfte im Spaziergang

Elend in aller Öffentlichkeit: Nicht nur die Drogenhändler, sondern auch ihre Kunden dominieren in der B-Ebene des Hauptbahnhofs an manchen Stellen inzwischen das Bild. Bild: Helmut Fricke

Tag für Tag werden in der B-Ebene des Hauptbahnhofs Drogen gehandelt. Die Dealer verstecken sich nicht. Ihre Netzwerke kommen jedoch nur allmählich ans Licht.

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          Als die Geschäfte öffnen, ist Osama schon da. Ein junger Mann um die 30, er trägt Jeans, ein schwarzes Shirt und weiße Turnschuhe. Niemand weiß, ob Osama sein richtiger Name ist. Aber so wird er gerufen, hier unten, in der B-Ebene des Hauptbahnhofs. Dort, wo eigentlich egal ist, wo jemand herkommt, wie er heißt, wo er in der Stadt wohnt. Hauptsache, er fügt sich den Regeln. Und die lauten zuallererst: Drogen verkaufen, so viel es geht.

          Katharina Iskandar

          Redakteurin in der Rhein-Main-Zeitung.

          Am Morgen noch ist die Bundespolizei dagewesen. Zwei Beamte, die nach dem Rechten sahen. Sie gingen eine kurze Runde, lange blieben sie nicht. Die Dealer hatten sich so lange in andere Winkel zurückgezogen. Nun aber stehen sie wieder da, Osama und die anderen. In der großen Halle, zwischen Apotheke und Metzgerei.

          Frankfurt als Standort gezielt ausgesucht

          Früher einmal war die B-Ebene des Hauptbahnhofs das, wofür sie gedacht war: ein Ort, um entspannt noch etwas auf dem Nachhauseweg zu besorgen. Es gibt verschiedene Bäcker, eine Bahnhofsbuchhandlung und viele kleine Läden. Dann begann der Verfall. Andere Städte machten es besser, bauten zum Teil ganz neue Bahnhöfe, die heller, freundlicher und sauberer waren. Die überfällige Sanierung in Frankfurt, an einem der wichtigsten Bahndrehkreuze der Republik, wurde ein ums andere Mal verschoben. Reisende, die zum ersten Mal auf die B-Ebene geraten, fragen sich, in welcher Höhle sie hier gelandet sind.

          Für Osama läuft der Tag gut. Auch deshalb, weil er offenbar ein geschickter Verkäufer ist. Als ein Mann auf einem Fahrrad hält, macht er ihm Zeichen, ein paar Schritte zu gehen. Während sie durch die B-Ebene spazieren, übergibt ihm Osama ein kleines Päckchen. Als er wieder zurück zur Gruppe kommt, zieht er den Reißverschluss seiner Bauchtasche auf. Zum Vorschein kommt ein Bündel Geldscheine. Osama lacht, der andere schlägt ihm auf die Schulter. Das Geschäft hat sich gelohnt. Und der Tag hat noch nicht einmal richtig begonnen.

          Obwohl die Polizei regelmäßig kontrolliert, in der B-Ebene und auch auf der Straße, wissen die Beamten noch immer wenig über die Männer und deren Verbindungen. Viele von denen, die sie festnehmen, hätten wohl eine andere Identität angenommen, vermuten die Beamten. Die Fingerabdrücke der Männer seien zwar registriert, aber man habe dazu entweder gar keinen oder gleich mehrere Namen, heißt es. Hinzu kommt, dass ein Großteil von ihnen einen Flüchtlingsstatus hat. Anfang war es knapp die Hälfte, inzwischen sind es an die 70 Prozent, wie ein Sprecher sagt. Die meisten von ihnen seien im vergangenen Sommer und Herbst nach Deutschland gekommen. Vermutlich hätten sie sich Frankfurt als Standort gezielt ausgesucht.

          Rund um die Uhr: Heroin, Haschisch und Crack

          Während Osama noch gefeiert wird, kommt eine junge Frau in die B-Ebene. Ihr Blick flackert, sie trägt ein T-Shirt, obwohl sich der Sommer auch an diesem Tag nicht zeigen wird. „Habt ihr Jessy gesehen?“, fragt sie. Die Frau wartet die Antwort der Dealer gar nicht erst ab. Sie rennt weiter, rempelt eine Reisende an, die den Weg in die Bahnhofshalle sucht. „Tschuldigung“, murmelt sie. Dann nimmt sie einen der nächsten Aufgänge und verschwindet im Tageslicht. „Die kommt gleich wieder“, sagt der Verkäufer einer Bäckerei, der die Szene beobachtet hat, zu seiner Mitarbeiterin. Sie kennen das schon. Die Junkies kommen zigmal am Tag hinunter, entweder, weil sie Gesellschaft suchen, oder aber, weil sie Nachschub brauchen. Hier, das wissen sie, ist alles verfügbar. Rund um die Uhr. Heroin, Haschisch, Crack. Was nicht da ist, wird besorgt.

          Würde hier die Polizei rund um die Uhr das Geschehen beobachten, müsste das eigentlich ergiebig sein. Aber abgesehen davon, dass die Beamten in einigen Fällen gar keine Erlaubnis bekommen für längerfristige Observationen, ist die Szene, die hier unten verkehrt, für solche aufwendigen Operationen fast zu klein. Was die Polizei zunehmend interessiert, sind die Strukturen hinter Osama und den anderen Kleindealern. Woher bekommen sie das Rauschgift? Wie kommt es in das Land? Vor Jahren, als der Heroinhandel in Frankfurt in der Hand eines mazedonischen Drogenhändlerrings lag, wusste die Polizei irgendwann, dass das Rauschgift aus Afghanistan über die Balkan-Route kam. Diesmal gestalten sich die Ermittlungen weitaus schwieriger. Das Einzige, was den Beamten bleibt, sind regelmäßige Kontrollen, um die Szene zu stören. Aber auch das nutzt sich langsam ab, zumal die Dealer wissen, dass sie spätestens am nächsten Tag ohnehin wieder in Freiheit sind.

          Gegen Mittag kommen immer mehr Reisende in die B-Ebene, um schnell noch in die Apotheke oder in die Drogerie zu gehen, bevor sie noch weiter unten am S-Bahnhof in die Züge steigen. Auch die Zahl der Drogenabhängigen steigt. Osama verkauft weiter, während er mit seinen Kunden in der Halle spazieren geht, eine Masche, um womöglich weniger aufzufallen. Zwei andere ziehen sich hinter eine Säule zurück, schauen sich um. Dann hält einer von ihnen Wache, während der andere etwas aus der Tasche zieht, das aussieht wie ein Beutel Haschisch. Als er wieder nach oben gefahren ist, kommt schon der nächste. Er kauft sich an einem Fast-Food-Restaurant eine Portion Pommes, stellt sich mitten in die Halle und schaut den Dealern bei ihren Geschäften zu. Dann holt er sich selbst etwas. Einige Minuten später zieht er sich in einen der Abgänge zurück.

          Die B-Ebene wird nicht aufgegeben, solange sich die Geschäfte lohnen

          Dass die Dealer Süchtige und andere Drogenkonsumenten anziehen, ist beinahe zwangsläufig und ein Problem, vor dem vor allem die Deutsche Bahn steht. Zwar ist die B-Ebene öffentlicher Raum und untersteht nicht mehr dem Hausrecht des Konzerns. Doch um das Rauschgift möglichst schnell zu sich zu nehmen, ziehen sich die Junkies in die vielen dunklen Ecken zurück, die der Hauptbahnhof bietet. Bei der Bahn heißt es, man könne das soziale Umfeld des Hauptbahnhofs leider nicht beeinflussen. Das Management des Hauptbahnhofs hat an den besonders kritischen Ecken Rigipswände eingezogen, um sie als Rückzugsräume zu versperren.

          Am frühen Nachmittag wird es ruhiger. Einige der Dealer ziehen sich in ein Bäckerei-Café zurück, das gleich neben der Apotheke Tische und Stühle aufgestellt hat. Einer holt einen Zettel aus der Tasche, eine gerichtliche Vorladung. Die Männer diskutierten darüber, sie sprechen ausschließlich Arabisch. Dann wird der Zettel wieder eingesteckt.

          Als eine der Bäckerei-Mitarbeiterinnen die Männer sieht, geht sie zu ihnen und sagt, sie sollten den Tisch diesmal sauber hinterlassen. „Was willst du?“, fragt einer der Dealer, der offenbar doch ein wenig Deutsch kann. „Dass ihr euch diesmal benehmt“, sagt die Frau. Dann geht sie wieder in die Backstube.

          Osama ist irgendwann verschwunden. Verabschiedet hat er sich nicht. Vielleicht holt er nur kurz Nachschub. Vielleicht reicht ihm der Verdienst auch; oder zumindest das, was er davon behalten kann. Morgen wird er wieder hier sein. Denn solange die Geschäfte sich für sie dort lohnen, werden die Dealer die B-Ebene nicht aufgeben.

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