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Frankfurter Bahnhofsviertel : Rauschgiftgeschäfte im Spaziergang

Würde hier die Polizei rund um die Uhr das Geschehen beobachten, müsste das eigentlich ergiebig sein. Aber abgesehen davon, dass die Beamten in einigen Fällen gar keine Erlaubnis bekommen für längerfristige Observationen, ist die Szene, die hier unten verkehrt, für solche aufwendigen Operationen fast zu klein. Was die Polizei zunehmend interessiert, sind die Strukturen hinter Osama und den anderen Kleindealern. Woher bekommen sie das Rauschgift? Wie kommt es in das Land? Vor Jahren, als der Heroinhandel in Frankfurt in der Hand eines mazedonischen Drogenhändlerrings lag, wusste die Polizei irgendwann, dass das Rauschgift aus Afghanistan über die Balkan-Route kam. Diesmal gestalten sich die Ermittlungen weitaus schwieriger. Das Einzige, was den Beamten bleibt, sind regelmäßige Kontrollen, um die Szene zu stören. Aber auch das nutzt sich langsam ab, zumal die Dealer wissen, dass sie spätestens am nächsten Tag ohnehin wieder in Freiheit sind.

Gegen Mittag kommen immer mehr Reisende in die B-Ebene, um schnell noch in die Apotheke oder in die Drogerie zu gehen, bevor sie noch weiter unten am S-Bahnhof in die Züge steigen. Auch die Zahl der Drogenabhängigen steigt. Osama verkauft weiter, während er mit seinen Kunden in der Halle spazieren geht, eine Masche, um womöglich weniger aufzufallen. Zwei andere ziehen sich hinter eine Säule zurück, schauen sich um. Dann hält einer von ihnen Wache, während der andere etwas aus der Tasche zieht, das aussieht wie ein Beutel Haschisch. Als er wieder nach oben gefahren ist, kommt schon der nächste. Er kauft sich an einem Fast-Food-Restaurant eine Portion Pommes, stellt sich mitten in die Halle und schaut den Dealern bei ihren Geschäften zu. Dann holt er sich selbst etwas. Einige Minuten später zieht er sich in einen der Abgänge zurück.

Die B-Ebene wird nicht aufgegeben, solange sich die Geschäfte lohnen

Dass die Dealer Süchtige und andere Drogenkonsumenten anziehen, ist beinahe zwangsläufig und ein Problem, vor dem vor allem die Deutsche Bahn steht. Zwar ist die B-Ebene öffentlicher Raum und untersteht nicht mehr dem Hausrecht des Konzerns. Doch um das Rauschgift möglichst schnell zu sich zu nehmen, ziehen sich die Junkies in die vielen dunklen Ecken zurück, die der Hauptbahnhof bietet. Bei der Bahn heißt es, man könne das soziale Umfeld des Hauptbahnhofs leider nicht beeinflussen. Das Management des Hauptbahnhofs hat an den besonders kritischen Ecken Rigipswände eingezogen, um sie als Rückzugsräume zu versperren.

Am frühen Nachmittag wird es ruhiger. Einige der Dealer ziehen sich in ein Bäckerei-Café zurück, das gleich neben der Apotheke Tische und Stühle aufgestellt hat. Einer holt einen Zettel aus der Tasche, eine gerichtliche Vorladung. Die Männer diskutierten darüber, sie sprechen ausschließlich Arabisch. Dann wird der Zettel wieder eingesteckt.

Als eine der Bäckerei-Mitarbeiterinnen die Männer sieht, geht sie zu ihnen und sagt, sie sollten den Tisch diesmal sauber hinterlassen. „Was willst du?“, fragt einer der Dealer, der offenbar doch ein wenig Deutsch kann. „Dass ihr euch diesmal benehmt“, sagt die Frau. Dann geht sie wieder in die Backstube.

Osama ist irgendwann verschwunden. Verabschiedet hat er sich nicht. Vielleicht holt er nur kurz Nachschub. Vielleicht reicht ihm der Verdienst auch; oder zumindest das, was er davon behalten kann. Morgen wird er wieder hier sein. Denn solange die Geschäfte sich für sie dort lohnen, werden die Dealer die B-Ebene nicht aufgeben.

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