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Frankfurt-Nordend : „Ein Café ist kein Kinderhort“

  • -Aktualisiert am

Dieser Ausgang eines Cafés im Nordend sorgt für Gesprächsstoff Bild: Foto - F.A.Z. Wolfgang Eilmes

Haben Eltern das Recht, ihre Kinder überall spielen zu lassen? Darüber diskutiert das Frankfurter Nordend. Anlass ist ein Aushang in einem Café, das vor allem ein Ort der Ruhe für Erwachsene sein will.

          Im Café „Sahnesteif“ im Nordend ist es um die Mittagszeit fast so still wie in einer Bibliothek. Zwei Frauen nippen am Cappuccino und lesen Zeitung. Draußen schieben sich die Autos über die Glauburgstraße, doch drinnen sind sie kaum zu hören, weil die Fensterscheiben den Lärm filtern und für Ruhe sorgen. So soll es sein in einem Café „für Erwachsene, die sich aus der Hektik des Alltags zurückziehen wollen“. Dieser Satz ist an einem Aushang zu lesen, den die Inhaber vor kurzem neben die Eingangstür gehängt haben. Sie fühlten sich gestört von ungezogenen Kindern und von schreienden Babys.

          Das Café werde, so steht es auf dem Zettel, „allzu oft mit einem Kinderhort oder dem heimischen Wohnzimmer gleichgesetzt oder verwechselt.“ Der Aushang hat im Stadtteil eine Diskussion um Eltern ausgelöst, die ihre Kinder nicht unter Kontrolle hätten. Viele Mütter nähmen keine Rücksicht auf kinderlose oder ruhesuchende Mitmenschen.

          Die Sache mit den Rollenvorbildern

          Gegen diesen Vorwurf wehrt sich das Familiengesundheitszentrum im Nordend. „Viele Eltern machen sich Gedanken um die Erziehung ihrer Kinder“, sagt Andrea Rohrbach, die in der Einrichtung arbeitet. Allerdings fehlten Eltern oft Rollenvorbilder, sie seien verunsichert, wüssten nicht, wann sie den Kindern Grenzen setzen müssten. Der Aushang sei zu hart formuliert und greife die Mütter allgemein an.

          Café „Familienbetrieb” im Nordend - vor viereinhalb Jahren die Inhaberin das Lokal eröffnet, weil sie sich als Mutter in vielen Restaurants unerwünscht gefühlt habe

          Die Betreiberin des Cafés, Hanne Tesch, will sich nicht mehr öffentlich zu dem Thema äußern. Es sei in den vergangenen Tagen schon zu viel Aufregung darum entstanden. Sie habe Angst, der Rummel könne als Werbekampagne missgedeutet werden. Doch sie begrüße die Diskussion.

          Wickeln auf dem Esstisch - nein, danke

          „Es ist schade, dass darüber überhaupt diskutiert wird“, sagt dagegen Eva Sailer. Die junge Mutter leitet das Restaurant „Familienbetrieb“, das nur zwei Straßen vom „Sahnesteif“ entfernt ist. Hier im Hinterhof-Lokal schlägt ein kleiner Junge einen Salz- und einen Pfefferstreuer zusammen und läuft auf dem Esstisch herum. „Hoffentlich fällt er nicht herunter“, sagt Sailer. Aber sie bleibt locker. Bei ihr dürfen Kinder laut sein, rennen und spielen.

          Vor viereinhalb Jahren hat sie das Lokal eröffnet, weil sie sich als Mutter in vielen Restaurants unerwünscht gefühlt habe. „Die Kellner haben die Augen verdreht, als ich mit dem Kinderwagen herein kam.“ Aber auch in Lokalen, in denen Familien erwünscht seien, müsse es klare Regeln geben, sagt Sailer. So wie bei ihr: „Wenn die Kinder zu laut sind oder die Tür bei Minusgraden nicht schließen, dann rede ich mit ihnen.“ Das sei sehr effektiv. Mütter seien manchmal anstrengend, hätten viele Ansprüche und Wünsche wie etwa Ruhe zum Stillen. Sie habe Eltern auch schon mal darauf hinweisen müssen, ihre Babys nicht auf den Esstischen zu wickeln. Das könne man allerdings alles durch Gespräche klären. Zu akzeptieren sei eine Ausgrenzung von Kindern zwar nicht, aber sie habe Verständnis für die Betreiber des Cafés „Sahnesteif“. Der Aushang sei sehr sachlich formuliert.

          „Wir dulden keine Kinder“

          Katja Glattbach, eine dreifache Mutter, sieht das anders. Sie sei vor kurzem mit den Worten: „Ich dachte, es hat sich herumgesprochen, dass wir keine Kinder dulden“ zum Verlassen des Cafés aufgefordert worden. Ein andermal sei ihr der Eintritt verwehrt worden, als sie mit dem Kinderwagen das Lokal betreten wollte. „Die Eigentümer sollten ein Schild an der Tür befestigen, auf dem steht, dass sie keine Kinder wollen“, sagt Glattbach. Mit einer klaren Ansage wisse jeder, woran er sei.

          „Der Betrieb hat anscheinend Gründe für den Aushang“, sagt Sebastian Maier, Sprecher der hessischen Landesgeschäftsstelle des Deutschen Hotel- und Gaststättenverbandes. Die Reaktion der Betreiber spiegele aber nicht die Branche wieder, die familienfreundlich sei. Seit der Verschärfung des Nichtraucher-Schutzes gingen mehr Familien zusammen essen. Sicher sei es schwierig zu arbeiten, wenn Kinder ständig vor die Füße liefen. Doch wenn die Grenze überschritten werde, sollten die Kellner freundlich darauf hinweisen. „So macht man es bei betrunkenen Gästen schließlich auch.“

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