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Frankfurt näht : Die an der Nadel hängen

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Im Reich der Stoffe: Bei Martino können die Kursteilnehmer sich vom üppigen Sortiment inspirieren lassen. Bild: Silber, Stefanie

Für manche geht es um Nachhaltigkeit, für andere um Individualität: Immer mehr Frankfurter nähen - unter ihnen sind auch Männer, die das Handwerk erlernen wollen.

          Stolz zeigt Christoph Sattig ein Handyfoto von seinem roten Abendkleid. Er hat es selbst genäht. 30 Stunden hat er daran in einem Nähkurs und zu Hause gearbeitet. Sattig ist 26 Jahre alt, Kesselwärter, und seine Freizeit verbringt er an der Nähmaschine. „Früher habe ich viel Teamsport gemacht, aber durch die Schichtarbeit war das irgendwann nicht mehr möglich. Dann habe ich ein neues Hobby gesucht und kam auf die Idee, dass ich gerne mal Dessous selbst machen würde.“ Sattig trägt Jeans, ein schwarzes T-Shirt und Turnschuhe, das blonde Haar ist kurz geschnitten. Die Nähstücke für sich selbst, Anzüge und Karnevalskostüme, trägt er nur zu besonderen Anlässen. Das rote Abendkleid hängt im Schrank.

          Wie Sattig suchen immer mehr Leute im Nähen einen Ausgleich zum Berufsalltag. Die Kursanbieter kommen kaum hinterher, mehr als 15 Nähstudios und freiberufliche Schneiderinnen gibt es in Frankfurt, die Kurse anbieten. Hinzu kommen die Angebote des Hauses der Volksarbeit und der Volkshochschule. Allein die VHS Frankfurt bietet in diesem Jahr 150 Nähkurse an. Das sind doppelt so viele wie vor drei Jahren.

          Protest gegen die Ausbeutung der Textilindustrie

          Pia Müller ist zuständig für Nähen und textiles Gestalten an der VHS Frankfurt. Sie sieht den Trend zum Nähen vor allem als Teil eines Trends zum Selbermachen. „Es ist der Protest. Eine Form von ,urban art‘. Die Leute wollen die Ausbeutung der Textilindustrie nicht mehr mitmachen.“

          Für Sattig ist Nähen in erster Linie ein Handwerk, eine motorische Herausforderung, in der er sich steigern kann. Vom Einsteigerstück, dem Kosmetiktäschchen, bis zum pompösen Ballkleid hat er alles genäht. Das Einzige, was jetzt noch aussteht, ist das Maßsakko. „Das ist quasi die Königsdisziplin. Darüber gibt es nichts mehr im Nähen.“ Um das Maßsakko zu schaffen, hat sich Sattig extra Urlaub genommen, um zweieinhalb Wochen von einem Herrenschneider in Köln zu lernen; er war der Einzige, der sich bereit erklärte, Sattig für eine Aufwandsentschädigung das Maßschneidern eines Sakkos beizubringen.

          Um dem großen Interesse gerecht zu werden, hat die VHS vor kurzem einen zweiten Nähfachraum eingerichtet. Bis zu 16 Teilnehmer können jetzt gleichzeitig nähen. Die Kurse sind in Anfänger- und Fortgeschrittenenkurse unterteilt. Für die Anfängerkurse sei die Nachfrage am stärksten gestiegen, sagt Mitarbeiterin Müller. Doch auch die sogenannten Gruppenwerkstätten seien sehr beliebt. „Jeder bringt dort sein Stück mit und bekommt dann speziell dazu Anleitung“, erläutert sie. „Ob man jetzt einen Reißverschluss einsetzen, eine Hose kürzen oder Wohnaccessoires nähen will, ist vollkommen egal.“

          Männliche Teilnehmer noch immer in der Unterzahl

          Müller hat schon manche Trends kommen und gehen sehen. „Vorher waren Kochkurse ein Riesentrend, jetzt ist es Nähen.“ Das hänge immer auch damit zusammen, was in den Medien gerade ein Thema sei. „Inzwischen gibt es sogar Nähsendungen im Fernsehen. Es hat eindeutig einen Imagewandel raus aus dem Häuslichen gegeben: Nähen ist jetzt schick.“

          Maximal ein bis zwei Männer hat Pia Müller in ihren Kursen. Die meisten kommen mit praktischen Anliegen. Manche wollen lernen, einen Knopf anzunähen oder eine Hose zu kürzen, ein anderer hatte sehr lange Arme und wollte sich eigene Hemden nähen. „Doch gerade von den jungen Männern wollen viele das Nähen als Hobby haben. Für sie ist es nicht mehr mit etwas typisch Weiblichem besetzt“, sagt Müller. Die meisten Teilnehmer seien dennoch berufstätige Frauen aller Altersklassen. „Die wollen wieder etwas Haptisches, Kreatives machen, nachdem sie den ganzen Tag über im Büro am Computer saßen.“

          36 Euro kostet ein vierstündiger Kurs an der VHS. Im Stoffgeschäft Martino, in dem Christoph Sattig näht, zahlt er für einen sechswöchigen Kurs à drei Stunden 100 Euro. „Der Nachteil bei uns ist, dass die Teilnehmer natürlich unsere Stoffe kaufen sollen“, sagt Geschäftsführerin Doris Martin. „Der Vorteil ist allerdings, dass sie hier direkte Beratung bekommen, durch die Gänge laufen und sich von den Stoffen inspirieren lassen können.“ Viele der Teilnehmerinnen kämen seit Jahren immer wieder, andere, allen voran jüngere Frauen, machten Einsteigerkurse, um dann zu Hause selbst zu nähen.

          Nähmaschinen-Schmid aus Frankfurt: Umsatz deutlich gestiegen

          Susanna do Rosario ist schon seit mehr als zehn Jahren dabei. Die 44 Jahre alte kaufmännische Angestellte begann während ihrer Schwangerschaft intensiv zu nähen. Heute fertigt sie vor allem praktische Stücke für ihren Sohn, aber auch Kleidung für sich selbst. „Das Nähen selbst kostet gar nicht so viel Zeit, der Entwurf dauert eigentlich am längsten. Aber es kann schon ein teures Hobby sein, gute Stoffe sind nicht billig.“

          Das gilt auch für Nähmaschinen, wenngleich die Preisspanne groß ist. Zwischen 150 und 3000 Euro kosten sie. „Wer ein vernünftiges Gerät haben will, muss mindestens 300 Euro zahlen“, sagt Alex Bergmann. Sein Geschäft Nähmaschinen-Schmid ist der einzige Laden in Frankfurt, der Nähmaschinen verkauft - und das schon in der dritten Generation. Der Umsatz, so berichtet Bergmann, habe sich in den vergangenen drei Jahren deutlich gesteigert.

          Die Maschinen, die er verkauft, sind High-Tech-Geräte mit Touch-Display und bis zu 1000 verschiedenen Programmen. Von einfachen Näh- und Stickstichen bis hin zu Fahrradmustern und Nähten aus Bienenmotiven kann die Maschine allerlei auf den Stoff bringen: Es braucht lediglich einen Knopfdruck. Auch Bergmann sieht den Grund für den Boom in dem allgemeinen Trend zum Selbermachen. „Da hat sich was in den Köpfen geändert. Die Leute wollen nicht mehr nur Kleidung von der Stange haben.“

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