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Frankfurt : Mit 140 bei Rot über die Ampel

Im April starb ein 43 alter Mann. Nun steht der Prozess an. Bild: AFP

Im April starb ein Mann an einer Kreuzung nahe der Auffahrt zur Autobahn 5. Es kam zur Anklage wegen Totschlags. Lieferten sich die Beteiligten ein illegales Rennen?

          2 Min.

          Als Totschlag ist aus Sicht der Staatsanwaltschaft ein Verkehrsunfall zu werten, bei dem am 22. April vergangenen Jahres am Schwanheimer Ufer in Frankfurt ein 43 Jahre alter Mann starb. An einer Kreuzung nahe der Auffahrt zur Autobahn 5 wurde sein Wagen von einem BMW der Fünferreihe gerammt. Am Steuer saß der Angeklagte Yassine A., der sich nach Überzeugung der Ermittler mit Freunden ein Rennen lieferte. Er fuhr nach den Berechnungen eines Sachverständigen 140 Stundenkilometer, erlaubt sind dort 70. Die Ampel soll für ihn zu diesem Zeitpunkt schon sieben Sekunden Rot gezeigt haben.

          Helmut Schwan
          Ressortleiter des Regionalteils der Frankfurter Allgemeinen Zeitung.

          A., 22 Jahre alt, Auszubildender, deutscher und marokkanischer Staatsangehöriger, hat, obwohl nicht angeschnallt, nur Prellungen erlitten. Er habe noch versucht, den Mann in dem zerstörten Auto zu reanimieren, sagte er gestern zu Beginn des Prozesses vor einer Jugendkammer des Frankfurter Landgerichts. Er bestreitet nicht, an jenem Abend gegen 22.45 Uhr viel zu schnell unterwegs gewesen zu sein. Aber ein Rennen? Nein, das habe es nicht gegeben. Die Formulierung des Vorsitzenden Richters, er habe sich vielleicht im Geschwindigkeitsrausch befunden, griff der schmale Mann, der für die Verhandlung ein schwarzes Sakko angezogen hatte, gerne auf. Er sei solch ein starkes Auto mit 300 PS nicht gewöhnt gewesen. Er habe gehofft, es noch rechtzeitig über die Kreuzung zu schaffen.

          Fünf Sekunden - „eine verdammt lange Zeit“

          Eine wichtige Frage wird sein, ob er, wie es in der Anklage heißt, vorsätzlich gehandelt und den Tod anderer Verkehrsteilnehmer zumindest billigend in Kauf genommen hat. Der Angeklagte will sich keine Gedanken darüber gemacht haben, ob er andere durch seine Fahrweise in Lebensgefahr bringe. Selbst wenn die Ampel nur, wie A. meint, fünf Sekunden für ihn rot gewesen sein sollte, sei das eine „verdammt lange Zeit“, sagte der Richter. Er hatte zuvor die Zeit an seiner Armbanduhr abgemessen.

          Einiges spricht für die Ansicht der Strafverfolger, dass demjenigen, der unter diesen Umständen auf eine Kreuzung rast, gleichgültig ist, was passiert. A. hat wegen Geschwindigkeitsverstößen einige Eintragungen im Verkehrszentralregister, er musste den Führerschein schon einmal abgeben. Gegen ihn spricht zudem ein Vorfall drei Monate zuvor. In der Verhandlung gab A. zu, eine Autofahrerin, die seiner Ansicht nach zu langsam auf der Bundesstraße 43 unterwegs war, in Nied mit seinem Wagen bedrängt zu haben. An der nächsten Ampel schob er sich vor sie, stieg aus und beschimpfte die Frau als „Hure“.

          Der Prozess, der bis Anfang Dezember terminiert ist, wird noch eine Reihe anderer Fragen und Merkwürdigkeiten klären müssen. Zunächst, ob A. und seine Freunde tatsächlich ausprobieren wollten, wer als Erster den Fuß vom Gas nimmt. Oder weshalb jemand, der den Sicherheitsgurt ins Schloss steckt, damit kein Warnsignal ertönt, sich dann auf den Gurt setzt und losbraust.

          Keine bekannte Strecke für illegale Autorennen

          Drogen habe er an diesem Tag nicht genommen, sagte A. vor Gericht. Das mit dem Konsum habe erst so richtig nach dem schrecklichen Unfall angefangen. Sieben Monate blieb er zu Hause, weil er an nichts anderes mehr habe denken können, seine Hausärztin habe ihn krankgeschrieben. Wegen des Traumas? Nein, er habe sie angelogen, sein Bein sei gebrochen. In dieser Zeit der angeblichen psychischen Erschöpfung brach er laut Staatsanwaltschaft in ein Haus ein, ein zweites Mal blieb es beim Versuch. In diesem Prozess wird zudem über einen Benzindiebstahl verhandelt werden, den A. zusammen mit einem Bekannten im Mai 2015 in Oberursel begangen haben soll. Diesen Vorwurf bestreitet der Angeklagte allerdings.

          Das Schwanheimer Ufer ist nach Erkenntnissen der Polizei als Strecke für illegale Autorennen nicht so bekannt wie die Hanauer Landstraße. Hessen hat einen Gesetzentwurf eingebracht, der schon das Organisieren solcher Rennen unter Strafe stellen soll. In Berlin muss sich derzeit ein mutmaßlicher Teilnehmer einer solchen Raserei wegen Mordes verantworten.

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