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„Frankfurt liest ein Buch“ : Stadtrundfahrt mit Lebedame

Die Frankfurter können Ende Oktober eine Woche lang den Geschichten nachspüren, die sie sich seit Nitribitts Tod erzählt haben. Bild: dpa

Ihre Geschichte wurde immer wieder neu erzählt und uminterpretiert: Das Festival „Frankfurt liest ein Buch“ widmet sich eine Woche lang der ermordeten Frankfurter Prostituierten Rosemarie Nitribitt.

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          Als der Film über die tote Prostituierte zu Goethes Geburtstag in die Kinos kommt, wollen ihn alle sehen. „Das geschmackvoll restaurierte Filmtheater an der Hauptwache war bis auf den letzten Platz besetzt“, schreibt diese Zeitung am 29. August 1958 über die Premiere von Rolf Thieles Film „Das Mädchen Rosemarie“ am Tag zuvor. „Helles Gelächter und fröhliches Wiehern“ sind aus dem Publikum zu vernehmen. Nicht sehr pietätvoll, aber vermutlich den sozialsatirischen Seiten des Films zuzuschreiben und besser als die Lüsternheit der Prüderie und die mit ihr gern verbundene billige sittliche Empörung. Im „Frankfurter Hof“, in dem Rosemarie Nitribitt zu Lebzeiten mit ihren Kunden verkehrt hatte, bittet das Filmteam rund um die Schauspielerin Nadja Tiller anschließend zu einem Empfang.

          Florian Balke

          Kulturredakteur in der Rhein-Main-Zeitung.

          Mitgeschrieben am Drehbuch hat der Journalist Erich Kuby, der noch im selben Jahr, ähnlich geschäftstüchtig wie seine Hauptfigur, einen Roman auf den Markt wirft: „Rosemarie – Des deutschen Wunders liebstes Kind“. Mit Hilfe dieses klugen Machwerks können die Frankfurter Ende Oktober eine Woche lang den Geschichten nachspüren, die sie sich seit Nitribitts Tod über ihre bekannteste Sünderin seit Goethes Gretchen erzählt haben.

          Das Leben der 1933 in Düsseldorf geborenen Prostituierten ist seit dem Spätnachmittag des 1. November 1957, an dem sie tot in ihrer Wohnung an der Stiftstraße gefunden wurde, immer wieder neu berichtet und uminterpretiert worden – ihre zunehmend elegante Erscheinung, ihre elende Herkunft, ihre Bekanntheit schon zu Lebzeiten, ihr teurer Mercedes, mit dessen Hilfe sie sich ihre Freier selbst ausgesucht haben soll, ihr Pudel – ein zeittypisches Star-Attribut von Grace Kelly bis Maria Callas –, ihre berufliche Selbständigkeit und ihr ungeklärter Tod mitsamt den sich hinter ihm vielleicht verbergenden Machenschaften. Mit Kubys Buch widmet sich das Festival „Frankfurt liest ein Buch“ nun einer der frühesten Versionen dieses urbanen Mythos.

          67 von 100 Terminen sind geblieben

          Ursprünglich hätte das Lesefest Ende April und Anfang Mai stattfinden sollen, im März wurde es wegen des Lockdowns abgesagt. Aber die Organisatoren vom Verein „Frankfurt liest ein Buch“, der es seit 2010 veranstaltet, haben durchgehalten und für Pandemiebedingungen umgeplant. Von den im Frühjahr angestrebten knapp 100 Terminen sind 67 geblieben. Thieles Film wird vom 24. Oktober an mehrfach gezeigt, auch Bernd Eichingers Neuverfilmung aus dem Jahr 1996 ist zu sehen. Es gibt Ausstellungen, Diskussionen und Stadtspaziergänge. Kuby, dem 1910 in Baden-Baden geborenen Publizisten, den Heinrich Böll in den ideologischen Auseinandersetzungen der Nachkriegszeit einen „Nestbeschmutzer von Rang“ nannte, sind eigene Veranstaltungen gewidmet. 2005 starb er in Venedig, wo seine zweite Frau Susanna Böhme-Kuby heute noch lebt. Sie wird am Lesefest teilnehmen.

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          Kuby schildert Nitribitt als Gestalterin ihres eigenen Schicksals und Gegenstand gesellschaftlicher Entwicklungen, macht die Tote mit seinem Buch aber auch zu seinem eigenen Objekt. Er erfand nun ihre Geschichte; das Geld, das sie mit sich verdient hatte, verdiente jetzt er. Über die abgründige Tatsache, dass das rege Interesse an Rosemarie Nitribitt bis heute den Austausch von Euro zur Folge hat, wird beim Festival ebenfalls zu reden sein.

          Für sämtliche Termine ist eine Anmeldung bei den jeweiligen Veranstaltern erforderlich. Sie ist von diesem Mittwoch an möglich. Da die Zahl der Sitzplätze der Hygiene wegen überall kleiner ausfällt als sonst, empfiehlt sich ein rascher Blick ins Programm, das unter www.frankfurt-liest-ein-buch.de zu finden ist. Nächstes Frühjahr geht es dann um Eva Demskis Roman „Scheintod“, der in das Frankfurt des Jahres 1974 führt, in politische, soziale und sexuelle Umwälzungen, die zeitlich nicht weit entfernt sind von Nitribitt, Tiller, Thiele und Kuby, aber doch eine ganz andere Frankfurter Welt bedeuten. In diesem Herbst geht es um Wiederaufbau, Begehren, Geschäft und Unglück.

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