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: Frankfurt, ihr seid spitze

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Die Festhalle ist 64 Meter breit und 109 Meter lang. Und sie ist voll. Brechend voll. Gut 10000 sollen es sein, die hier kreischen, die Arme recken und bunt leuchtende Kunststoffstäbe schwenken. Sie wollen die Finalisten der Sendung "Deutschland sucht den Superstar" sehen.

          Die Festhalle ist 64 Meter breit und 109 Meter lang. Und sie ist voll. Brechend voll. Gut 10000 sollen es sein, die hier kreischen, die Arme recken und bunt leuchtende Kunststoffstäbe schwenken. Sie wollen die Finalisten der Sendung "Deutschland sucht den Superstar" sehen. Wenige Meter vor der Bühne steht ein Gitter. Davor drängen sich die ganz jungen Mädchen, die jedes Mal ganz laut kreischen, wenn der Vorhang sich ein wenig bewegt. Schon am Nachmittag hatten sie zu Hunderten vor der Festhalle gestanden, gesessen, gelagert - mit Schildern "I love Alex" oder "Daniel bleib so wie Du bist". Jetzt, kurz vor halb acht, ihre Idole sind noch gar nicht zu sehen, scheint die Stimmung sich dem Siedepunkt zu nähern.

          Kleinste Veränderungen lassen sie ekstatisch aufschreien. Als auf der Videoleinwand neben der Bühne irgendein belangloser Vorfilm beginnt, sind manche der Ohnmacht nahe. "Als Fan nimmst du vieles hin", erzählt ein Mädchen. "Bei den Kellys war mal ein Familienmitglied nicht dabei, und die haben gesagt, der ist eine Kaffeemaschine auf den Kopf gefallen - die Begründung war o.k." Eine Oma ist mit ihrer achtjährigen Enkelin gekommen: "Die hat zwei Wochen nicht geschlafen. Aber ich finde das schön. Endlich mal was Positives. Nicht immer nur diese Kindesentführungen", sagt die Oma. Die Enkelin, die angeblich zum Spielplatz immer ein Handy mitbekommt, outet sich als Fan des 17 Jahre alten Kindergarten-Azubis Daniel ("positive Energie"), von dem manche sagen, er sei bisexuell, und fast alle, er könne nicht singen.

          Dann kommt Dieter Bohlen auf die Bühne, rotes T-Shirt und schwarzes Sakko - und mit einem Mal sind die Fronten klar. "Dieta, Dieta" schreit der Bohlen-Fanblock auf der linken Seite, und es klingt aus den kindlichen Kehlen fast wie "Papa, Papa". Konzerte sind wie Fußballspiele, wo man steht, ist höllisch wichtig. Da ist eine Ecke nur mit "Alex"-Plakaten und kleinen Herzen, ein Block nennt sich "Erster offizieller Daniel-Fanclub", ein Plakat grüßt Juliette - von der die Oma der Achtjährigen gleich sagt, sie möge sie nicht, weil sie wegen ihrer Gesangsausbildung für so einen Nachwuchswettbewerb "einfach zu professionell" sei. Der Alex etwa, der sei "so unverbraucht". Einzelkämpfer vertreten die bundesweit zweifellos zahlreiche Anhängerschaft der früher ausgeschiedenen Kandidatinnen Gracia und Vanessa. Wobei die bedauernswerten Fans von letzterer, die Bohlen im Fernsehen gern als "Igelschnäuzchen" bezeichnete, gleichsam vollkommen vergeblich gekommen sind: Zuerst wird gesagt, Vanessa sei ein bißchen verschnupft und komme gleich, dann heißt es, sie habe Fieber und könne gar nicht mehr auftreten. Tränen? Nein, dazu ist es zu schön, dabeizusein.

          Ist es die schlechte Akustik der Festhalle, die Aufregung oder doch noch eine gewisse gesangliche Unsicherheit: Am Anfang klingt alles etwas schräg, als die "Superstars" in der Reihenfolge ihres Fernseh-Ausscheidens einzeln auftreten. Die strikte Einhaltung dieser Star-Hierarchie läßt das Stimmungsbarometer zwangsläufig steigen: Nicht nur der Daniel-Fanblock tobt, als der Ehrenbürger von Eggenfelden im Superman-Kostüm an Seilen über die Bühne schwebt und "Superman" singt. Als er dann noch in der Luft einen Purzelbaum schlägt, kann man erleben, daß "laut kreischen" durchaus zu toppen ist - durch "lauter kreischen".

          "Frankfurt, ihr seid spitze": Jeder "Superstar" bedankt sich nach seinem Lied gleich dreimal beim Publikum, als ob er mangels Bühnenerfahrung noch von der Erkenntnis ausgeschlossen wäre, daß einmal eigentlich reichen würde. Weiter geht es mit Stücken aus den sechziger und siebziger Jahren und Spezialkompositionen von Dieter Bohlen. Auf der Bühne sind übrigens alle Freunde, nicht mehr Konkurrenten wie im Fernsehen. Die Kleidung, die Frisur, die Art sich zu bewegen: Stereotypen - auch wenn jeder einzelne, wie sie immer wieder versichern, als Entdeckter das Gefühl hat, nur sich selbst darzustellen. Trotzdem, irgendwie scheint das Ganze einen Nerv der Zeit zu treffen: Sonst würden jetzt nicht gar so viele schreien und kreischen. "Eine tolle Show", sagen zwei Mittvierzigerinnen, die zusammen gekommen sind. Viele Erwachsene wechseln zwischen "Ist-das-nicht-schön"- und "Na-bist-du-jetzt-zufrieden"-Gesichtsausdrücken. Von der Decke regnet es Konfetti und Luftschlangen: eine Stimmungsmischung aus Karnevalsprunksitzung und Millenniumssilvesterfeier.

          Die Höhepunkte sind programmiert. Als "Supersuperstar" Alexander im blauen Anzug "Take me tonight" singt, mit viel Schmalz in der Stimme, erreicht die Zahl der erkennbaren Feuerzeuge relatives Rekordniveau. Eine ältere Frau weint. Als Vize-Siegerin Juliette die Ballade "I still believe" intoniert, gibt es tosenden Beifall. Und als Bohlen seine schlagzeilenträchtige Kinderschar für den Kollektivsong "We have a Dream" um sich schart, scheinen die Holzränge der denkmalgeschützten Festhalle durch das Schunkeln und Stampfen in die Nähe der baupolizeilichen Belastungsgrenzen zu geraten. Gesamtdauer des Konzerts: zwei Stunden.

          Jenseits der ganzen Inszenierung eine fast rührende Szene nach dem Ereignis: Auf dem Platz zwischen Festhalle, dem erleuchteten Maritim-Hotel und dem Messeturm fahren die drei schwarzen Tourbusse vorbei, fast alle Fenster zugeklebt. Nur durch eine Windschutzscheibe kann man Juliette erkennen, wie sie noch immer lächelt und die Arme ausstreckt, als ob sie sich von den Fans nicht losreißen könne - süchtig geworden nach der Sympathie, die ihr an diesem Abend entgegenströmte. CHRISTIAN SIEDENBIEDEL

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