https://www.faz.net/-gzg-92w71

Abgebrannter Goetheturm : Dem Turme geschworen, gefällt mir die Welt

„Das zieht richtig in der Magengegend“: Heidemarie Schmitt ist erschüttert über den Verlust. Bild: Frank Röth

Heidemarie Schmitts Vater hat den Goetheturm mit aufgebaut, unzählige Male stand sie oben – jetzt fehlt etwas in ihrem Leben.

          3 Min.

          Da stand er also. Vier verkohlte Stümpfe ragen aus dem gemauerten Fundament, die Ummantelung aus Stahl wurde von der Hitze der Flammen verbogen. Heidemarie Schmitt atmet einmal tief durch. Traurig sei das, gespenstisch. „Das zieht richtig in der Magengegend. Wie jemand so etwas machen kann?“ Vielleicht fünfzig andere Frankfurter stellen sich am Rand des Stadtwalds vor den Überresten des abgebrannten Goetheturms die gleiche Frage. Es ist still auf der Lichtung. Frau Schmitt erinnert die Stimmung an eine Beerdigung. „Wie bei einem Familienmitglied.“

          Rainer Schulze

          Redakteur in der Rhein-Main-Zeitung.

          Wie oft sie schon auf dem Turm war? Sie denkt kurz nach. „Wohl einige tausend Mal. Er hat mich durchs Leben begleitet.“ Heidemarie Schmitts Erinnerungen teilen zahlreiche Frankfurter: Sie haben viele Stunden ihrer Freizeit am Goetheturm verbracht. Noch als Kinder mit ihren Eltern, später dann, als Erwachsene, mit dem eigenen Nachwuchs, zum Schluss mit den Enkeln.

          Mit 16 half der Vater beim Aufbau

          Es begann 1931. Schmitts Vater Heinrich Wilhelm machte gerade eine Lehre zum Kunst- und Bauschlosser bei der Firma Henrich im Gallus, als die Stadt sich entschied, den nach dem Ersten Weltkrieg abgerissenen Aussichtsturm neu und ein ganzes Stück höher aufzubauen. Schmitts Vater, damals sechzehn Jahre alt, karrte mit dem Handkarren Schrauben und Verbindungsstücke aus Eisen auf den Sachsenhäuser Berg. Zwei Stunden wird er mindestens gebraucht haben, zu Fuß und schwer bepackt von der Werkstatt an der Kriegkstraße bis an den Rand des Stadtwalds. Mehrfach musste er mit dem Karren hin und her, die steile Straße rauf und wieder runter.

          Diese Geschichten hat er seinen Kindern gerne erzählt, wenn sie später gemeinsam das Wahrzeichen erklommen und die Mutter zu Hause das Mittagessen kochte. Oft kam sie auch mit und hatte einen Korb für die Handarbeiten dabei. Während die Kinder im Wald spielten, stopfte die Mutter die Strümpfe. Die junge Heidemarie war noch nicht in der Schule, als sie zum ersten Mal auf der Aussichtsplattform stand und, damals noch nicht geschützt von einem Netz, den Blick auf die Stadt bewunderte. Ende der vierziger Jahre war das, Frankfurt lag noch in Trümmern. Schmitts Eltern wohnten damals an der Geleitsstraße, nicht weit vom Stadtwald entfernt. Irgendwann war sie alt genug, um allein zum Goetheturm zu fahren, mit Wurstbroten, Obst und frischen Gurken im Gepäck. Wenn sie mit den Hausaufgaben fertig war, schwang sich die kleine Heidemarie aufs Fahrrad und sauste zum Goetheturm. Zwanzig Minuten, im Stehen. Ihr Vater hatte kleine Holzklötze auf die Pedale montiert, damit seine Tochter es überhaupt bis auf den Sattel schaffte. „Der Goetheturm war unser Spielplatz“, erinnert sich Schmitt. Sie und ihre beiden jüngeren Schwestern trafen dort andere Kinder, jede Woche mindestens ein- oder zweimal. „Sogar die Oberräder kamen“, sagt sie und lacht.

          Goetheturm : „Wer nicht oben war, ist kein echter Frankfurter.“

          Symbol einer behüteten Kindheit

          Heidemarie Schmitt hat mit 74 Jahren immer noch ein fröhliches Gemüt. Der Goetheturm war für sie das Symbol einer behüteten Kindheit. „Wir streiften dort durch die Wälder. Das ist doch die größte Freiheit für ein Kind.“ Sie rannten durchs Laub, spielten mit Stöckchen, fuhren Fahrrad, sammelten Bucheckern, pflückten in den Obstgärten Johannisbeeren, Sauerkirschen und Stachelbeeren. Im Winter rodelten sie mit dem Schlitten den gesperrten Wendelsweg hinab.

          Später, als sie erwachsen und nach Bornheim gezogen war, machten sie und ihr Mann das Gleiche mit den eigenen drei Kindern. Gummistiefel an, rein ins Auto, raus zum Goetheturm. Die Kinder schoben den Puppenwagen durch den Wald, raschelten im Laub, sprangen in Pfützen. Als die Kinder aus dem Haus waren, hat Schmitt ihre Mutter, die längst im Rollstuhl saß, noch zum Goetheturm gefahren. Sie ging die Stufen alleine hoch, während die Mutter im Café wartete.

          Die Veränderung der Stadt von oben gesehen

          Von oben hat sie in all diesen Jahren gesehen, wie sich die Stadt veränderte. Vom Ruinenfeld bis zur Hochhaus-Metropole. Der Henninger-Turm war immer zum Greifen nah. Dann kamen die Binding- und die Henninger-Brauerei. Die Skyline wuchs. Schmitt war immer verblüfft, wie klein Frankfurt von dort oben wirkte. „Eine enge, geschlossene Wirtschaftsstadt.“

          Am Sonntag nach dem Brand war sie zum ersten Mal wieder dort. Der Anblick erschüttert sie: „Der Turm ist tot und muss unbedingt wieder zum Leben erweckt werden“, sagt sie und will auch dafür spenden. Der neue Turm müsse aber nicht wieder genauso aussehen wie der alte. „Hauptsache, dass wieder etwas entsteht.“ Wenn es nach ihr geht, gerne aus Holz, denn das sei ein naturnahes Material. Aber der Turm könne auch gut anders aussehen, denn immerhin verbinde nicht jeder persönliche Erlebnisse mit dem alten Bild. Im neuen Turm könne dann eine mannshohe Fotografie an das zerstörte Bauwerk erinnern. Ein Turm aus Stahl brenne immerhin nicht ab.

          Dann schaut Heidemarie Schmitt noch einmal auf die verkohlten Stümpfe des Wahrzeichens und in ein „richtiges Loch“, wie sie sagt. „Der Turm war ein Teil meines Lebens.“

          Weitere Themen

          Die Erstbesteigung des neuen Goetheturms

          Voreröffnung : Die Erstbesteigung des neuen Goetheturms

          Der neue Goetheturm ist fertig: Am Freitag durften die ersten Besucher für eine Vorbesichtigung hinaufsteigen. Die Eröffnungsfeier für das wieder aufgebaute Frankfurter Wahrzeichen musste wegen Corona ins Frühjahr verschoben werden.

          Topmeldungen

          Dieter Zetsche im September 2020

          F.A.S. Exklusiv : „Ich muss mir nichts mehr beweisen“

          Dieter Zetsche hat sein ganzes Leben für Daimler gearbeitet. Hier erklärt er, wieso jetzt Schluss ist, warum er doch nicht Aufsichtsratschef werden will und was er sonst noch so vorhat. Ein Hausbesuch.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.