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Getöteter Junge in Frankfurt : Angst und Trauer am Gleis

Auf Gleis 7 geht der Zugbetrieb am Tag nach der Tat weiter. Dort wurde der acht Jahre alte Junge vor den Zug gestoßen. Bild: Pepaj, Marina

Der Mord im Frankfurter Hauptbahnhof hat die Menschen schockiert. Am Gleis stehen Blumen, Kerzen, Kameras – und viele Fahrgäste, die sich Sorgen machen.

          3 Min.

          Susan Pfeiffer blickt auf ein Blumenmeer. Vor ihr steht Sohn Max, der ihr bis zum Bauch reicht. Pfeiffer greift mit dem rechten Arm um ihn, krault mit den Fingerspitzen seinen Bauch. Dann kniet sie sich nieder, kommt zu ihm hinab, ist jetzt einen Kinderkopf kleiner und spricht kurz in sein Ohr. Es ist nicht leicht zu verstehen, was am Montagmorgen ein paar Meter weiter von hier geschehen ist. Es ist unmöglich für ein kleines Kind, das in etwa so alt ist wie jenes, das auf Gleis 7 sein Leben lassen musste, weil ein fremder Mann es auf die Schienen stieß.

          Tim Niendorf

          Redakteur der Frankfurter Allgemeinen Woche.

          Am Tag danach ist das Gleis am Hauptbahnhof wieder frei, nachdem es am Montag abgesperrt worden war. Die Züge rollen wieder, nach Düsseldorf, nach Würzburg. Gelegentlich spucken sie Menschen aus, die sich an den Blumen vorbeidrängen. Nicht jeder hat im Kopf, was hier geschehen ist. Zwei Mitarbeiter der DB-Sicherheit stehen daher Wache, der eine mit gefalteten Händen vor seinem Bauch. Polizisten sind bis zum Mittag nicht zu sehen. „Ruhe in Frieden kleiner Engel, da oben wird es dir besser gehen!“, hat ein Kind auf ein Stück Papier geschrieben. Ein anderes hat ein Bild gemalt. Zu sehen ist ein Regenbogen, darüber ein rotes Herz, das weint: „Mögen die Engel mit dir sein“, steht auf dem Bild geschrieben. „Gute Reise über den Regenbogen.“ Das Bild hat ein Junge namens Marlon gemalt, acht Jahre alt, so wie das Kind, das hier von einem Zug überrollt worden ist.

          Dem gestorbenen Jungen wird Würde zuteil – und auch wieder nicht. Kameras verschiedener Fernsehsender stehen um die Blumen, die Teddybären, die Plüschhasen, die Kerzen herum. So ist es jedes Mal, wenn irgendwo ein Unglück, ein Anschlag, ein aufsehenerregender Mord geschieht. Die Kameras gehen an, umzingeln das Blumenmeer und filmen jeden Fahrgast, der eine Blume niederlegt. Gegen Viertel vor zwölf rollen Bahnmitarbeiter ein schwarz-gelbes Absperrband aus, um das wachsende Blumenmeer vor all jenen zu schützen, die von Gleis 7 kommen. Nicht dass jemand vor lauter Hektik die Blumen oder Kerzen zertrampelt.

          Selfies mit dem Blumenmeer

          Susan Pfeiffer geht mit ihrem Sohn zu Gleis 7, auf den Bahnsteig. „Ich halte ihn fest“, sagt sie und schluchzt. Währenddessen schneidet ihr Sohn Grimassen und versucht, sich von ihr loszureißen. „Es ist ganz schwer, das einem Kind zu erklären“, sagt sie. Trotzdem hat sie versucht, ihm das Unbegreifliche verständlich zu machen. Nun hat sie Angst, dass sich eine solche Tat bald wiederholen könnte. Dass einige Fahrgäste das Blumenmeer fotografieren, findet Pfeiffer pietätlos. Tatsächlich zücken viele ihr Smartphone, machen ein Bild, verschwinden wieder. Einer dreht den Blumen gar den Rücken zu und knipst ein Selfie. Wiederum ein anderer Mann steht vor seinen gestapelten Hartschalenkoffern, die Arme aufgestützt, die rechte Backe in der Hand versunken, minutenlang den Blick auf die Kerzen gerichtet, die Augen feucht. Dann hockt er sich hin, holt sein Smartphone hervor, um auch ein Foto zu machen.

          Ein paar Meter von den Blumen entfernt steht eine Mutter mit ihren beiden Töchtern vor einem Laden, in dem Säfte verkauft werden. Sie meidet Gleis 7, von dem, wegen eines Gleiswechsels, gleich eine ihrer beiden Töchter abfahren muss. „Ich weiß, dass es heute nicht passieren wird“, sagt sie, „aber es steckt trotzdem noch drin.“ Eigentlich müsste ihr Kind am anderen Ende des Gleises einsteigen. Nun aber warten die drei zusammen, bis der Zug einrollt, so dass die Tochter gleich vorne einsteigen kann. „Ich schaff’s nicht, diesen Schritt zu machen“, sagt die Frau.

          Ein Zettel mit der Aufschrift „Warum?“ liegt neben Plüschtieren, Blumen und Kerzen am Bahnsteig. Die Tat macht die Menschen fassungslos. Bilderstrecke

          Warten, bis der Zug eingefahren ist

          Gleichwohl wolle sie an diesem Tag auch nicht in der Haut von schwarzen Männern stecken, die nun vermutlich skeptisch beäugt würden. Es sei schon gut, was Oberbürgermeister Peter Feldmann gesagt habe; nämlich dass das, was hier geschehen sei, nicht Frankfurt sei und dass man sich hier unterhake. Ihre Tochter, die gleich den Zug nehmen wird, sagt noch: „Die Zeit, die heilt alle Wunden. Aber es bleibt etwas zurück.“ Denn es könne jeden treffen.

          Etwas später stellt sich eine Engländerin unter die Anzeige von Gleis 6, direkt neben Gleis 7. Sie hat ihre Schwester in Frankfurt besucht, die ihr von dem Vorfall am Montag berichtet hat. „Be careful“, habe ihre Schwester gesagt: pass auf! Daher achte sie nun darauf, ihre beiden Söhne an sich zu halten. Wer wisse schon, welche „Verrückten“ hier noch so am Hauptbahnhof langliefen? Auch sie traut sich erst auf den Bahnsteig, wenn der Zug einfährt und sie einsteigen müssen.

          Mit ihren Gedanken ist sie nicht allein. Was geschehen sei, sagt eine Pendlerin, sei „unfassbar“. Vor allem bei Frauen mit Kind werde diese Tat „in Fleisch und Blut“ übergehen. Doch auch ein Familienvater, der gerade seine weinende Frau geküsst hat, sagt: „Ich hab Angst.“ Nur könne man den Hauptbahnhof nun einmal nicht meiden.

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