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Anschlag in Frankfurt : Habte A. handelte mit entschlossener Ruhe

Der Tatverdächtige Habte A.wird dem Haftrichter beim Amtsgericht vorgeführt. Bild: dpa

Die Rekonstruktion der erschütternden Tat am Frankfurter Hauptbahnhof, bei der ein Achtjähriger starb, ergibt ein klares Bild. Doch die Motive des Täters bleiben rätselhaft.

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          Nach dem Mord an einem acht Jahre alten Jungen am Frankfurter Hauptbahnhof stellt sich weiterhin die Frage nach dem Motiv des Täters. Wie berichtet, galt Habte A. seit längerem als psychisch gestört und war in Behandlung. Welcher Art die Erkrankung jedoch ist und ob sie tatsächlich ursächlich dafür war, einen Jungen und seine Mutter vor einen einfahrenden ICE zu stoßen, bleibt vorerst eine der vielen offenen Fragen in diesem Fall. Sie wird sich möglicherweise nur dann klären lassen, wenn Habte A. sich entweder zu der Tat äußern wird, was er bislang nicht getan hat, oder wenn sich ein Gutachter mit seinem Zustand befasst.

          Katharina Iskandar

          Redakteurin in der Rhein-Main-Zeitung.

          Helmut Schwan

          Ressortleiter des Regionalteils der Frankfurter Allgemeinen Zeitung.

          Lucia Schmidt

          Redakteurin im Ressort „Leben“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          In Erwägung gezogen wird derzeit auch, dass sich der 40 Jahre alte Eritreer ursprünglich auch selbst das Leben nehmen wollte. Unmittelbar nach seiner Festnahme soll sich Habte A. entsprechend geäußert haben. Allerdings, so ist aus Sicherheitskreisen zu hören, habe er zunächst „vieles gesagt“, was er später in der Vernehmung nicht wiederholt habe. Dass er bei seiner Festnahme keine Papiere und kein Handy dabei hatte, könnte ein Indiz dafür sein, dass er einen Suizid plante. Die Staatsanwaltschaft will sich an solchen Mutmaßungen nicht beteiligen. Zunächst müssten die Zeugen vernommen und die Beweismittel, insbesondere Videoaufnahmen, ausgewertet werden, sagte Oberstaatsanwältin Nadja Niesen am Mittwoch.

          Unterdessen versuchen die Behörden, sich ein Bild davon zu machen, wie das Leben von Habte A. vor der Tat verlaufen ist. Er war 2006 in die Schweiz gekommen, sein Asylantrag wurde anerkannt, er erhielt die höchste Kategorie der Aufenthaltserlaubnis, die man als Ausländer in der Schweiz erhalten kann. Er galt als vorbildlich integriert und wurde in einer Broschüre vorgestellt, die das Schweizerische Arbeiterhilfswerk herausgegeben hat.

          „Mir gefällt, dass hier jeder Hilfe bekommt“

          In der Broschüre erschien ein Interview mit Habte A., in dem er seinen Werdegang beschreibt. Es entsteht das Bild eines Mannes, der angekommen zu sein scheint. Auf die Frage, was ihm an der Schweiz gefalle, sagte er: „Fast alles. (...) Mir gefällt, dass hier jeder Hilfe bekommt, egal ob er arm oder reich ist. Und jeder kann essen und die Existenz ist gesichert. Und die Schulbildung finde ich auch sehr gut. Hier ist die erste Welt.“

          Offenbar gab es Anfang des Jahres jedoch einen Bruch in seinem Leben, er konnte nicht mehr arbeiten, machte eine Therapie bei einem Psychologen. Vor einigen Tagen verlor er offenbar die Kontrolle, er griff seine Nachbarin an und sperrte sie und seine Familie in der Wohnung der Familie ein. Am Donnerstag flüchtete er aus der Schweiz und kam nach Frankfurt. Warum ausgerechnet in diese Stadt, ist eine der vielen Fragen, die noch offen sind. Er wurde, wie die Bundespolizei mitteilte, beim Grenzübertritt nicht kontrolliert. Er wäre selbst im Fall einer Kontrolle nicht aufgehalten worden, weil die Schweizer Polizei nur im eigenen Land nach ihm fahnden ließ. Er soll noch am Sonntag ein Bild seines Sohnes an einen Bekannten von seinem Handy geschickt haben. Dann verliert sich die Spur.

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