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Frankfurt : Häuserkampf im Nordend

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Wem gehört das Nordend? Gutverdiener zieht es in Neubauten wie die „Kepler-Residenz” nahe der Eckenheimer Landstraße. Bild: Lena Grimm

Die Mieten im Nordend steigen, Alteingesessene fühlen sich verdrängt. Der Charme des Viertels muss geschützt werden, fordern die einen. Der Markt bestimmt den Preis, sagen die anderen.

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          Die Espressomaschine röchelt, es duftet nach frisch gemahlenem Kaffee. In den Auslagen schichten sich Hefezöpfe und Bio-Brötchen, das Porzellan der Kaffeetassen glänzt im warmen Licht. An der Holztheke der Bäckerei am Oeder Weg im Nordend lehnt Félix Dufour, 22 Jahre alt. Er arbeitet ein paar Straßen weiter in einem Kindergarten, ist im Nordend geboren und aufgewachsen. Dufour beugt sich über seinen Laptop. Er muss dem Mieterverein schreiben und der Frau von der Bürgerinitiative, eine Bewohnerin treffen – und die Proteste des Sommers endlich wieder zum Laufen bringen.

          Dufours Zorn über den Wandel seines Viertels begann, als einer seiner Schulfreunde nach mehreren Jahren im Ausland zurück nach Frankfurt kam. Ob ihm nicht aufgefallen sei, wie sich im Nordend alles verändert habe, fragte der Freund. Die vielen Baustellen? Die schicken Leute? Die teuren Autos? Wenig später zogen die beiden durch die Straßen und klebten Todesanzeigen an die Häuser: „Nordend – Opfer schleichender Gentrifizierung“. Sie verteilten Flugblätter auf dem Wochenmarkt, verschickten E-Mails, diskutierten mit Passanten. Über Luxussanierung und steigende Mieten, über alteingesessene Nordendler, die nach und nach verdrängt werden – und über das Sterben der Stadtviertelkultur. Bald riefen die Ersten an, um sich den jungen Männern anzuschließen.

          Immer öfter entscheidet der Geldbeutel

          Jörn Rebholz hat die Todesanzeigen zufällig entdeckt. Der Mittvierziger ist vor drei Jahren mit seiner Frau ins Nordend gezogen, er kennt das Viertel aus seiner Studentenzeit. Weil die Mieten mittlerweile selbst an lauten Straßen unverschämt hoch seien, sorgt sich Rebholz um den sozialen Mix, den er am Nordend so schätzt. Um den Kiosk an der Ecke, die Kneipe, in der sich jeder ein Bier leisten kann. Wie begehrt das Viertel bei Spitzenverdienern ist, kann er vor der eigenen Haustür beobachten. Vor kurzem ist dort ein Neubau mit exklusiven Eigentumswohnungen entstanden.

          Immer öfter entscheidet der Geldbeutel. Darüber, wer wo wohnt, und damit auch, wie sich ein Viertel zusammensetzt. Wie aus dem Frankfurter Wohnungsmarktbericht hervorgeht, nimmt die soziale Trennung nicht nur im Nordend, sondern in der ganzen Stadt stetig zu. Früher war das anders. Da waren viele Frankfurter Stadtteile dafür bekannt, dass Reiche und Arme, Junge und Alte, Deutsche und Ausländer zusammenlebten. Der Geldbeutel war auch damals wichtig. Aber nicht entscheidend.

          Dauerhafte Wohnwertverbesserungen steigern die Miete

          Beim Frankfurter Mieterschutzverein steht das Telefon nicht still. Die Zahl der Anrufe aus dem Nordend sei in den vergangenen Monaten deutlich gestiegen, sagt Geschäftsführer Rolf Janßen. Bewohner suchen Rat, weil ihre Wohnung nicht mehr vermietet, sondern zu einem für sie unbezahlbaren Preis verkauft wird. Oder weil sie sich an Sanierungskosten beteiligen und deshalb eine höhere Miete zahlen müssen. „Rund 300 Euro mehr im Monat sind Standard“, sagt Janßen. „Aber in Extremfällen kann die Miete auch schon mal um 700 Euro steigen – auf einen Schlag.“

          Eigentlich müssen sich Vermieter an den Mietspiegel halten. Der schreibt fest, wie viel eine Wohnung kosten darf. Lassen die Eigentümer jedoch neue Heizkörper montieren, Dämmplatten anbringen oder einen Balkon anbauen, gilt das als dauerhafte Wohnwertverbesserung. Und die muss der Mieter mittragen. Bis zu elf Prozent der Sanierungskosten kann ein Hauseigentümer jedes Jahr auf seine Mieter umlegen – auch dann noch, wenn die Investitionskosten längst gedeckt sind. Umbauten, die dem Klimaschutz dienen, werden vom Staat gefördert und sind bei Vermietern deshalb besonders beliebt. Und besonders teuer.

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