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Frankfurt : Füttern oder erschießen: Der Städter und die Wildtiere

Beliebter Neubürger: Die Nutria an der Nidda. Bild: AP

Wann und wo soll man Tiere füttern? Soll man die Kaninchen im Park dezimieren oder umsiedeln? Ein Erfahrungsbericht von einem, der die Natur kennt.

          3 Min.

          Das Verhältnis des Städters zu den wildlebenden Tieren in Gärten, Parks und im Stadtwald ist angespannt. „Im Prinzip ist der Mensch pro Natur eingestellt“, sagt Rainer Berg vom Grünflächenamt, der seit 1995 das Informationszentrum Stadtwaldhaus leitet. Kästen für Fledermäuse und Nisthilfen für Vögel würden ebenso installiert wie Wildbienenhotels. In aller Regel sei der Städter jedoch überrascht, wenn er auf ein Wildtier stoße – gleichgültig ob Spinne, Fledermaus, Wespe, Gans, Fuchs oder Wildschwein – und wisse nicht, was er tun solle. Dem Stadtwaldhaus seien schon lebende Insekt im Briefumschlag zugesandt worden, sagt Berg, der häufig von Bürgern um Rat gefragt wird und auf Einladung des Deutschen Architekturmuseums in der Reihe Stadt plus über das Thema „Die Stadt + Die Tiere“ berichtet.

          Mechthild Harting

          Redakteurin in der Rhein-Main-Zeitung.

          Berg zeigt sich verwundert, wie wenig sich die Menschen über die natürlichen Lebensbedingungen der Tiere informierten. Sie fütterten Tiere im Wald. Nicht im Winter bei Eis und Schnee, sondern das ganze Jahr. Eigens vom Stadtforst installierte Fütterungsverbotsschilder zeigten keine Wirkung. Die Folge sei in einem Fall gewesen, dass durch Obstsalat verwöhnte Hirsche begonnen hätten, an den Futterplätzen aggressiv auf Menschen zu reagieren, sie umgerempelt und geschubst hätten, um an die Leckerbissen zu gelangen. Die Aufregung unter den Waldbesuchern sei groß gewesen. Die einen hätten gefordert, die Tiere sofort abzuschießen, andere hielten unverdrossen daran fest, sie – nun an anderer Stelle – weiter zu füttern.

          „Das ist wie Schokolade für Kinder“

          Vergleichbares hat Berg auch mit den „sehr lernfähigen“ Wildschweinen erlebt, die in den an den Stadtwald angrenzenden Stadtteilen Schwanheim und Goldstein Probleme machen. Einige Anwohner hätten die Wildtiere gezielt mit Essensresten versorgt, andere den Müll achtlos im Stadtteil und am Waldrand weggeworfen. Das Ergebnis war das Gleiche – die Wildschweine, die auf den Wiesen am Waldrand nach Würmern und Insekten graben, stoßen schnell auf das Nahrungsangebot. Berg selbst hat beobachtet, wie Wildschweine auf diese Weise Maiskolben entdeckt haben. „Das ist wie Schokolade für Kinder“, sagt er. Wer keine Wildschwein-Besuche wolle, müsse Kompost und Mülltonnen vor den Wildtieren sichern und damit leben, dass Büsche entfernt werden müssten, um ihnen keine Deckung zu bieten. Versuche der städtischen Förster, die Tiere in der Nähe der Wohnbebauung durch „sehr erfahrene Jäger“ zu dezimieren, hätten ihnen viel Kritik durch die Anwohner eingebracht.

          Im Stadtgebiet seien auch andere „Räuber“ wie Steinmarder, Rotfuchs und Waschbären zu Hause. Es gebe keine Kleingartenanlage, in der nicht schon ein Fuchs gewesen sei. Der „Neubürger“ Waschbär sei zumindest im Stadtwald längst angekommen. Zwiespältig sei das Verhältnis der Bevölkerung gegenüber Kaninchen, die in Parkanlagen, wo sie nicht gejagt werden dürften, regelmäßig zu große Populationen bildeten. Wenn sie sich nicht selbst durch die Viruserkrankung Myxomatose reduzierten, greife das Grünflächenamt ein. Die Tiere würden dann mit Frettchen gejagt und getötet. Die Einwohnerschaft habe dabei gemischte Gefühle: Während die einen eine viel rigorosere Bejagung forderten, plädierten andere dafür, die Kaninchen umzusiedeln.

          Die Natur ist nicht gut oder böse

          Es ist der Niedlichkeitsfaktor, eine gewisse Anpassungsfähigkeit und die Kontaktfreudigkeit gegenüber Menschen, die Tierarten große Beliebtheit bescheren können. Wie etwa der eingewanderten Nutria, einem aus Südamerika stammenden Nagetier, das auch Biberratte genannt wird und sich an der Nidda äußerst wohl fühlt. Dort ist sie längst zur Attraktion für Kinder und Familien geworden, weil sich die Tiere bereitwillig füttern lassen. Als „Problemtier“ gelte dagegen die Nilgans, sagt Berg und erntet ein Raunen in der Zuhörerschaft. Das aus Afrika stammende Tier sei schön.

          Kritisch seien ihre „Hinterlassenschaften“, die deshalb häufig sehr groß seien, weil die Menschen sie über Gebühr fütterten. „Je mehr Futter, desto mehr Kot.“ Richtig sei, dass sie sich sehr aggressiv verhielten, wenn es um ihre Brut gehe, und sie ohnehin wenig Furcht vor dem Menschen zeigten. Beweise, dass die Tiere andere Arten nachhaltig verdrängten, gebe es nicht. Dass sie schon einmal eine junge Ente töteten, passiere. Ein solches Konkurrenzverhalten gebe es in der Natur bei vielen Arten. Für Berg ist die „Unkenntnis über das Leben der Tiere die Ursache der Probleme“, die „Naturferne“ der Städter. Sie teilten die Arten in gute und böse ein. Das helfe jedoch beim Umgang mit der Natur nicht.

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