https://www.faz.net/-gzg-8mxf5

Frankfurt : Der letzte Pfarrer im Riederwald

  • -Aktualisiert am

Hofft auf Gottesdienstbesucher: Pfarrer Fred Balke Bild: Silber, Stefanie

Seine Kirche ist nahezu leer, wenn er Gottesdienst feiert. Trotzdem lässt sich Fred Balke für die Philippusgemeinde immer wieder etwas einfallen. Doch einen Nachfolger wird er nicht haben.

          Eines Tages zählte Pfarrer Fred Balke nur noch drei. Eins. Zwei. Drei. Schon zuvor war er es gewohnt gewesen, dass er die Besucherzahlen seines Gottesdienstes an zwei Händen abzählen konnte. Aber drei? Beim Hauptgottesdienst am ersten Weihnachtsfeiertag? Das war selbst für ihn neu. Und ernüchternd. „Das fühlte sich dann doch sehr allein an“, sagt der Sechzigjährige, der eine sportliche Figur hat und sich einen Dreitagebart stehen lässt. Balke trägt bequeme Kleidung, sein Haar ist gelockt, seine Brille schlicht. Vor acht Jahren übertraf die Zahl der Konfirmanden dann die der anderen Besucher. „Gottesdienst ist eine Wundertüte, ich weiß nie, was passiert.“

          Doch ans Aufgeben denkt er nicht, zu groß ist die Freude an seinem Beruf. Zu stark der Drang, etwas zu bewegen und der Gemeinde, die auf den ersten Blick wie ein toter Patient wirkt, Leben einzuhauchen, sie aufzurütteln und zu zeigen: Hier geht noch was. Im Riederwald. In einem Stadtteil der besonderen Art.

          Die Konzentration soll nun Gott gelten

          Sonntag. Die Philippuskirche liegt am Ende der Schäfflestraße. Der Himmel ist grau, die Straßen leer und farblos, die Gebäude blass. Ein typischer Nachmittag. „Hier sind die Leute, die kein Geld haben“, sagt Balke. Riederwald sei ein diskriminierter Stadtteil, die Armut sei nicht auf den ersten Blick zu sehen, sie werde hier versteckt. Von 65 eingeschulten Grundschülern seien 30 auf die Arbeiterwohlfahrt angewiesen, um einen Schulranzen zu bekommen.

          Vor drei Jahren, als alles nichts mehr half, krempelte Balke den Gottesdienst um. Seither läuten die Glocken erst um 17 Uhr. Ein radikaler Schritt, nur ohne Ertrag. Drei bis zwölf Besucher kommen an normalen Tagen, in eine Kirche mit 200 Sitzplätzen. Der Gottesdienst gelte als Herz jeder Gemeinde, sagt Balke. „Das hat sich bei uns erledigt.“ Statt Senioren kämen nun immerhin Eltern mit ihren Kindern. Und statt im Hauptschiff predigt Balke im Seitenschiff, der Kapelle.

          Dort ist ein kleiner Stuhlkreis aufgebaut, die Sitzpolster leuchten hellgrün, ein Vorhang verdeckt vor einer Glaswand die leere Weite der Kirchenmitte. Es ist, als stünde Balke in seinem Wohnzimmer und wartete auf Familienbesuch. Alles ist hergerichtet, Kerzen brennen. Balke streift sich seinen Talar über, die Glocken läuten kräftig, seine Worte verhallen, werden dumpfer. „Und“, fragt er die einzige Anwesende, vom Pianisten abgesehen. „Wie viele kommen denn heute?“ Seine Stimme klingt erwartungsvoll, doch Sarkasmus schwingt mit. Die Frage hat er schon oft gestellt, mit Humor kaschiert er die bittere Antwort, die er längst kennt. „Ich glaube sieben“, sagt die Frau. Balke nickt. Sieben. Das könnte hinkommen, das klingt realistisch, gar optimistisch.

          Die Glocken klingen ab, die Tür geht auf, zwei Konfirmandinnen treten ein, schauen verstohlen, als hätten sie sich im Ort geirrt. „Kommt“, sagt Balke. „Wir beißen nicht.“ Die Jugendlichen setzen sich und schalten ihre Smartphones aus, die Konzentration soll nun Gott gelten. Kurz vor knapp springt die Tür wieder auf, dann wieder und wieder. „Hier im Riederwald kommste immer n’ bisschen später“, hatte Balke zuvor angekündigt. Heute ist der Riederwald pünktlich auf den letzten Glockenschlag. Und, oh Wunder, die Besucherzahl zweistellig.

          Weitere Themen

          Aus Zweifel am Zölibat

          Priester verlässt Kirche : Aus Zweifel am Zölibat

          Gläubige im Schockzustand: Im hessischen Flörsheim verlässt ein katholischer Priester seine Gemeinde, weil er mit dem Leben im Zölibat hadert. Steht er für einen wunden Punkt der katholischen Kirche?

          Einfach mal spazieren gehen Video-Seite öffnen

          Auslauf in der Mainmetropole : Einfach mal spazieren gehen

          Da steht kein Pferd auf dem Flur, sondern es spaziert quer durch Frankfurt. Jenny heißt die Stute und, nein, sie ist nicht weggelaufen, sondern hat offiziell Ausgang. Und das täglich und schon seit vielen Jahren - und ganz alleine, kilometerweit.

          Topmeldungen

          Aufnahme aus der U-Bahn-Station Westfriedhof in München: Kommt die Zukunft der Mobilität einfach nicht, oder rast sie längst an uns vorbei?

          Verkehrspolitik : Wir brauchen mehr Tempo

          Die Debatte ums Tempolimit übertönt die wirklich wichtigen Fragen der Verkehrspolitik: Wo sind denn die neuen futuristischen Züge, die gestresste Raser und müde Lkw-Fahrer auf die Schiene locken?

          Prozess zu Messerattacke : Wofür Chemnitz steht

          Auch Chemnitz sitzt beim Strafprozess um den gewaltsamen Tod eines Deutsch-Kubaners gleichsam auf der Anklagebank. Es gibt aber keinen Grund, von vermeintlich größter moralischer Höhe auf die armen Brüder und Schwestern im Osten zu blicken.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.