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Frankfurt : Der leise Beginn der Reformation

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Evangelische Zeugnisse: Links ist der Turm der Alten Nikolaikirche mit seiner grünen Spitze zu sehen. Die frühere Ratskirche diente nach der Reformation lange nicht als Gottes-, sondern als Archiv- und Lagerhaus. Bild: Junker, Patrick

In Frankfurt machten reiche Bildungsbürger Platz für evangelisches Gedankengut. Auf sie und die Buchmesse konnte sich Luther stützen - und politisches Geschick war gefragt.

          Die Kirche war nicht gut gelitten im Frankfurt des 16. Jahrhunderts. „Wer nicht geliebt wird, dem wird nicht geglaubt“, hielten die Sachsenhäuser dem Klerus 1524 entgegen. Sie waren unzufrieden mit der Versorgung durch Geistliche. Ein Jahr zuvor waren die Bornheimer aus dem gleichen Grund aufmüpfig geworden und hatten den Zehnten nicht mehr zahlen wollen. 1525 kam es gar zu einem Aufruhr der Zünfte mit klaren Forderungen an die Kirche, doch auch er scheiterte. Gleichwohl: Reformatorisches Gedankengut hatte Wurzeln geschlagen in der Stadt, einen Weg zurück gab es nicht mehr. 1533 wurde der katholische Kultus im Dom verboten und erst 1548 wieder erlaubt. Die Katholiken waren zu einer Minderheit geworden.

          Wenn Jürgen Telschow von all dem spricht, werden längst vergangene Zeiten lebendig. Wie kaum ein anderer kennt der frühere Verwaltungsleiter des Evangelischen Regionalverbands die Geschichte seiner Kirche in der Stadt. Kein Wunder, dass er gebeten wurde, sie niederzuschreiben. Der erste von zwei Bänden wird im Juni von Stadtdekan Achim Knecht vorgestellt.

          Luther profitierte von der Handelsmetropole

          Natürlich hat sich Telschow intensiv mit der Reformation in Frankfurt befasst, zu der auch die aufrührerischen Sachsenhäuser, Bornheimer und Zünfte gehören. Der Beginn der Reformation allerdings war eher leise. Keine flammende Rede des Reformators Martin Luther, der in der Stadt im April 1521 weilte – auf dem Weg nach Worms, wo er mit der Reichsacht belegt wurde. Kein großer Gelehrten-Disput, keine klare politisch verordnete Marschrichtung.

          Die Reformation kam nach Frankfurt quasi durch die Hintertür: durch eine 1520 von humanistisch gesinnten, reichen Patriziern gegründete Schule, die für eine bessere Bildung stehen sollte, als die kirchlichen Schulen sie boten. Maßgeblich für das Projekt war unter anderen Claus Stalburg. „Er hatte als Schulleiter den Pädagogen und Humanisten Wilhelm Nesen empfohlen“, sagt Telschow. Dieser war von Luther begeistert, und durch Nesens Einfluss wuchs das Interesse führender Frankfurter Persönlichkeiten am Reformator. So stieß Luther bei seinem Besuch 1521 auf Mitstreiter. Er stattete auch der Schule einen Besuch ab, bevor er weiter nach Worms fuhr. Hinzu kam die Buchmesse, auf der Luthers Schriften Verbreitung fanden. „Es handelte sich meist um Flugblätter, sie waren Bestseller und wurden weit über Frankfurt hinaus verteilt“, berichtet Telschow. Sosehr Luther auf die Handelsmetropole schimpfte, so sehr profitierte er auch von ihr.

          Der Luther-Schüler Hartmann Ibach hielt 1522 in der Katharinenkirche die erste evangelische Predigt, fünf Jahre nachdem Luther in Wittenberg seine ablass- und kirchenkritischen Thesen veröffentlicht hatte. Hauptkirche der Reformation wurde in der Stadt aber die Barfüßerkirche, in der 1528 die erste evangelische Abendmahlsfeier stattfand.

          Der Rat der Stadt agierte Telschow zufolge insgesamt erfolgreich, „indem er die Reformation nicht aufs Spiel und sie letztlich durchsetzte“. Die Balance zu halten, war nicht einfach: Einerseits war der Rat offen für reformatorisches Gedankengut und sprach sich zum Beispiel gegen eine vom Kaiser verlangte Zensur von Luthers Schriften auf der Messe aus. Andererseits wollte der Rat das Privileg Frankfurts als Messe- und Wahlstadt nicht gefährden. Schließlich waren das katholische Bartholomäusstift am Dom und der Mainzer Erzbischof gewichtige Gegner.

          Luther fasziniert – nicht nur aus historischem Interesse

          So gab es auch einige ziemlich kritische Situationen. „Für das Verbot des katholischen Kultus im Dom im Jahr 1533 hatte der Rat eigentlich keine rechtliche Handhabe“, schildert Telschow. „Luther und Melanchthon empfahlen, diesen Streit nicht auf die Spitze zu treiben.“ Immerhin prozessierte der Erzbischof vor dem Reichskammergericht gegen die Stadt Frankfurt. „Die Lage war höchst gefährlich, es drohte die Reichsacht“, so Telschow.

          Frankfurt schaffte es, den Prozess hinauszuzögern, und trat 1536 dem evangelischen Schmalkaldischen Bund bei, um sich im immer heftiger werdenden Konfessionsstreit abzusichern. Zu kriegerischen Auseinandersetzungen kam es in der Stadt nicht. Erst im Schmalkaldischen Krieg zwischen dem Kaiser und den protestantischen Landesherren und Städten zwischen 1546 und 1547 besetzten kaiserliche Truppen die Stadt mehrere Monate lang. 1548 wurde der katholische Gottesdienst wieder gestattet.

          Luther lebte zu diesem Zeitpunkt schon nicht mehr. Er war 1546 gestorben. Von seinem Aufenthalt in Frankfurt zeugt nur noch eine Inschrift an der heutigen Bethmann-Bank, wo 1521 das Gasthaus „Zum Strauß“ stand, in dem Luther nächtigte. Nach ihm sind im Nordend eine Straße, ein Platz und eine Kirche benannt, im gleichen Stadtteil erinnert eine Straße an den ersten evangelischen Prediger Hartmann Ibach. Evangelische Hauptkirche ist die Katharinenkirche. Insgesamt leben derzeit rund 130500 Protestanten in Frankfurt, das entspricht 18 Prozent der Stadtbevölkerung. Im Jahr 2000 waren es noch 25 Prozent.

          Telschow gehört seiner Kirche seit 80 Jahren an. Er weiß, dass man an Luther einiges kritisieren kann – und würdigt zum Beispiel die Distanzierung in Luthers judenfeindlichen Aussagen durch die Synode der Evangelischen Kirche in Hessen und Nassau. Trotzdem findet Telschow Luther faszinierend – nicht nur aus historischem Interesse. „Luther machte sich frei von Autoritäten und wollte sich selbst eine Meinung bilden.“ Selbst anfangen zu denken, laute die Devise, die gerade heute bitter nötig sei, „wo wie selbstverständlich falsche Tatsachen als richtige ausgegeben werden“.

          Festprogramm

          In der Stadt wird des Reformationsjubiläums auf vielfache Weise gedacht. Hier einige Beispiele: Die größte Feier wird ein Gottesdienst am Pfingstmontag auf dem Römerberg. Er beginnt um 11 Uhr, die Predigt hält Kirchenpräsident Volker Jung. Anschließend gibt es ein großes Fest.

          In der Katharinenkirche wird am 31. Oktober, dem Reformationstag, ein Festgottesdienst gefeiert, Stadtdekan Achim Knecht predigt. Auch in den Stadtteilen gibt es zahlreiche Projekte.

          Beispielsweise beginnt am 5. März in der Thomaskirche in Heddernheim eine Reihe mit „Sieben Annäherungen an 1517“.

          Etliche Gemeinden haben ein kirchenmusikalisches Programm zusammengestellt, das am 2. März präsentiert wird. Auch das Evangelisch-Lutherische Predigerministerium lädt zu Veranstaltungen ein, etwa zu einer Tagesfahrt entlang des Lutherwegs am 6. Juli.

          Gesammelt sind die Termine auf der Seite www.frankfurt-feiert-reformation.de, auf der auch viele andere Informationen zu finden sind.

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