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„Beinahe CO2-neutral“ : Gymnasium verteidigt Kreuzfahrt

Hans-Ulrich Wyneken, Direktor der Carl-Schurz-Schule, erhebt Vorwürfe gegen den Hessischen Rundfunk. Bild: Wolfgang Eilmes

Ein „Shitstorm“ brach über das Frankfurter Carl-Schurz-Gymnasium ein, nachdem Medien über eine geplante Kreuzfahrt für Schüler berichteten. Dabei sei die Studienreise beinahe CO2-neutral, sagt der Schuldirektor und erhebt Vorwürfe.

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          Die Geschichte passt einfach zu gut in die Zeit: Für Freitag hat Fridays for Future zum „globalen Klimastreik“ aufgerufen, in Berlin will das „Klimakabinett“ Wegweisendes vorstellen, kurz darauf tagt in New York der UN-Klimagipfel – und just da berichten Medien, dass eine Schule angehende Abiturienten auf eine Aida-Kreuzfahrt schickt, als ob nicht bekannt wäre, welche Umweltschäden solche Schiffe anrichteten. Entsprechend gut sind die Klickraten, entsprechend hoch schlagen die Wellen der Empörung über – je nach Perspektive – eine Schule, die ihre Schüler zu so etwas zwingt, oder die scheinheilige Jugend, die freitags für das Klima demonstriert und sich samstags auf einer Kreuzfahrt vergnügt.

          Matthias Trautsch

          Blattmacher in der Rhein-Main-Zeitung.

          Das Gymnasium im Auge dieses „Shitstorms“ ist die Carl-Schurz-Schule in Frankfurt-Sachsenhausen. Deren Leiter Hans-Ulrich Wyneken nahm Stellung und erhob seinerseits Vorwürfe. Im Visier hatte er den Hessischen Rundfunk, der zuerst berichtet hatte. „Während Thomas Koschwitz auf hr1 Kreuzfahrten verlost, polemisiert die Hessenschau gegen angeblich unverantwortliche Schüler, die sich für eine Fahrt mit der Aida bella nach Oslo und Kopenhagen entschieden haben.“

          Der Sender habe in dem Beitrag alles herausgeschnitten, was nicht zur These passe. In Wirklichkeit komme die Reise „dem Ideal der CO2-Neutralität von allen Schulfahrten am nächsten“, heißt in einem Brief an die Eltern. Teilnehmer seien die Leistungskurse Mathematik und Physik, zusammen 33 Schüler. Mit zwei Lehrern würden sie am Sonntag mit der Bahn nach Kiel fahren und dort zu der viertägigen Schiffstour ablegen. Geplant seien Besuche des Skulpturenparks in Oslo und des Experimentariums in Kopenhagen, verbunden mit Vorträgen der Jugendlichen über die Sehenswürdigkeiten.

          Wie viel CO2 wird ausgestoßen?

          Die Schüler hätten die Pläne befürwortet, die Eltern zugestimmt. Das Schiff Aida bella fahre nicht mit Schweröl, sondern mit schwefelarmem Diesel. Dank Filter und Katalysator würden 60 Prozent der Rußpartikel, 99 Prozent des restlichen Schwefeldioxids und 75 Prozent der Stickoxide abgefangen. Während andere Kreuzfahrtschiffe den Strom auch im Hafen mit Diesel erzeugen, verfüge die Aida bella über Landstromanschluss, so dass in Kopenhagen und Oslo die Motoren ruhen könnten. In Oslo werde der Strom zudem durch Wasserkraft erzeugt.

          Während der HR den CO2-Ausstoß unter Berufung auf einen Kasseler Wissenschaftler mit 1250 Kilogramm je Schüler angegeben hatte, bezieht sich Wyneken auf eine Berechnung der Stiftung Warentest und der Organisation Atmosfair. Danach betrage der Ausstoß bei einer normalen Kreuzfahrt etwa 1500 Kilogramm CO2 je Passagier, das sei aber auf eine Woche und nicht vier Tage kalkuliert. Außerdem seien die Liegezeiten mit Landstrom abzuziehen, so dass man auf 584 Kilogramm komme, wobei in dem Mittelwert auch ältere Schiffe einbezogen seien.

          Die Lehrer und Schüler hätten für jeweils 600 Kilogramm Umweltzertifikate gekauft. „Von der Bahnfahrt abgesehen nähert sich die Kursfahrt damit der CO2-Neutralität.“ Umweltschutz sei auch ein inhaltliches Thema auf der Studienfahrt. So sei ein Interview mit dem Umweltoffizier des Schiffes geplant, der dafür zuständig sei, dass weder Abfälle noch Altöl ins Meer gerieten, Müll vermieden oder sortiert und fachgerecht entsorgt werde.

          „Würden die Schüler mit der Fähre nach Oslo fahren, würde sich die Öffentlichkeit nicht empören“, sagt Wyneken. Dabei würden Fähren mit Schweröl betrieben und führen schneller als ein Kreuzfahrtschiff, so dass der Treibstoffverbrauch exponentiell höher sei. Die meisten Leute kauften bedenkenlos Lebensmittel, die mit schwerölbetriebenen Frachtern nach Europa kämen. Aber „ausgerechnet die Fahrt mit einem der umweltfreundlichsten Schiffe weltweit“ führe zu einer solchen Kampagne.

          HR will über Darstellung diskutieren

          Der HR teilte auf Anfrage mit, der Hessenschau-Beitrag sei eine Glosse gewesen, die von der Zuspitzung lebe. Online und im Radio sei das Thema anders behandelt worden. Jedoch werde die Kritik ernst genommen und redaktionsintern über die Darstellungsform diskutiert. Im Übrigen habe die Schule nie erwähnt, dass die Emissionen durch Zertifikate kompensiert würden – auch nicht, als eine Reporterin explizit nach einer „Wiedergutmachung“ der Umweltschäden gefragt habe.

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