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Frankfurt : „Bunte“ Verwaltung erwünscht

Glaubensfragen: Wer die richtigen Antworten weiß, kann im Bewerbungsgespräch bei der Stadt womöglich bald Pluspunkte sammeln. Bild: dpa

Die Stadt erwartet von ihren Mitarbeitern künftig mehr Wissen über andere Kulturen. Diese Anforderung konkret zu formulieren ist allerdings schwierig.

          Wer in der Verwaltung der Stadt Frankfurt arbeitet oder sich dort bewirbt, der soll künftig nicht nur nach Fachkompetenz oder Führungsstärke bewertet werden, sondern zusätzlich auch nach seiner interkulturellen Kompetenz. Das berichteten Integrationsdezernentin Sylvia Weber (SPD) und Personaldezernent Stefan Majer (Die Grünen) im Gespräch mit dieser Zeitung. „Wir haben die interkulturelle Kompetenz als zusätzliches Kriterium in das Beurteilungsverfahren eingefügt“, sagt Weber. „Im Rahmen der Qualifikationen, die überprüft werden, ist das eine, und zwar eine gleichrangige“, ergänzt Majer. Das Kriterium werde schon jetzt bei Beurteilungen berücksichtigt. „Der nächste Schritt ist, dass wir es in das Bewerbungsverfahren einfließen lassen“, so Weber.

          Martin Ochmann

          Redakteur in der Rhein-Main-Zeitung.

          Bereits in ihrer 100-Tage-Bilanz zum Thema Integration hatte Weber angekündigt, dass sie die Verwaltung entsprechend der Vereinbarung des Koalitionsvertrages für Zuwanderer öffnen wolle. „Wir streben an, den Anteil der Migrantinnen und Migranten in der Stadtverwaltung zu erhöhen“, heißt es in diesem Vertrag. Laut Weber sind Migranten in der Verwaltung unterrepräsentiert, und es gebe für sie Benachteiligungen. Um das zu ändern und die Öffnung der Verwaltung voranzubringen, soll laut Koalitionsvertrag das Personal- und Organisationsdezernat gemeinsam mit dem Integrationsdezernat den „Zehn-Punkte-Plan“ verwirklichen. Diesen hatten Oberbürgermeister Peter Feldmann (SPD) und die damalige Integrationsdezernentin Nargess Eskandari-Grünberg (Die Grünen) 2013 vorgestellt.

          Was ist interkulturelle Kompetenz?

          In diesem Plan heißt es, etwas weniger plakativ formuliert, dass es Ziel sei, eine Stadtverwaltung zu bekommen, die die Vielfalt und Internationalität der städtischen Gesellschaft repräsentiere. Sie solle dadurch gut zur „besonderen Frankfurter Situation“ passen. In den Ämtern solle ein modernes Verständnis interkultureller Öffnung verankert und in der Personalentwicklung ein Bewusstsein für interkulturelle Fragen gefördert werden.

          „Interkulturelle Kompetenz ist aber nicht das Gleiche wie ein Migrationshintergrund“, sagt Armin von Ungern-Sternberg, Leiter des Amtes für multikulturelle Angelegenheiten. Dass man einen Migrationshintergrund habe, bedeute nicht automatisch, dass man auch über interkulturelle Kompetenz verfüge. Aber was ist interkulturelle Kompetenz? Zumindest kein Begriff, der leicht zu fassen ist. Für Majer geht es dabei um einen „wertschätzend-akzeptierend und gleichzeitig konstruktiven“ Umgang mit dem Gegenüber. Eigene Vorurteile dürften keine Rolle spielen. Weber sagt, dass es unter anderem bedeute, etwas über „kulturelle Unterschiede“ zu wissen und die Haltung zu haben, dass man „diese als gleichwertig anerkennt“. Es gehe um Rücksichtnahme und das Wissen, dass man es mit anderen Kulturen zu tun habe. Das gelte in jede Richtung.

          Übersetzt bedeutet es also in etwa: Dass man als Mitarbeiter der Frankfurter Verwaltung einer Kopftuchträgerin ablehnend gegenübersteht, ist ein Durchfallkriterium. Dass man ihr zumindest nicht ablehnend gegenübersteht, eine Minimalanforderung. Zu wissen, wie man dieses Kopftuch nennt und warum es getragen wird, würde schon Punkte auf der interkulturellen Kompetenz-Skala bringen. Und dann gegebenenfalls noch zu reflektieren, dass man als Mann dieser Frau vielleicht nicht die Hand geben sollte, ohne darüber empört zu sein, das dürfte schon ein paar Pluspunkte einbringen. „Für mich bedeutet interkulturelle Kompetenz aber nicht, dass ich keine eigenen Werte habe“, sagt Majer.

          Juristisches Fingerspitzengefühl beweisen

          In den Stellenausschreibungen der Stadt wird interkulturelle Kompetenz bereits verlangt. Damit sie wirklich abgeprüft werden kann, werden derzeit Standards und Hilfestellungen erarbeitet, ebenso für das Beurteilungswesen der Stadt, in dem diese Kategorie als gleichwertige Qualifikation verankert wurde. Die Frage, wie es um die interkulturelle Kompetenz der Verwaltungsmitarbeiter bestellt sei, beantwortet Majer so: „Wenn das ein Selbstläufer wäre, wäre es nicht notwendig, dass wir es machen.“

          Laut Ungern-Sternberg ist Frankfurt damit ein Vorreiter. „Bislang hat noch niemand interkulturelle Kompetenz in Anforderungsprofile und Bewertungsstufen übersetzt. Meines Wissens nach ist Frankfurt die erste Stadt, die das nun wirklich angeht.“ Dieses Kriterium in eine personalwirtschaftlich handhabbare Definition zu übersetzen sei nicht leicht gewesen. Schwierig sei es zudem, es in die Verwaltungsrichtlinien einzupassen. Alles müsse arbeitsrechtlich einwandfrei sein.

          Vereinfacht ausgedrückt: Genauso wenig, wie ein Mensch wegen Herkunft oder Geschlecht benachteiligt werden darf, darf er wegen seiner Herkunft bevorzugt werden. Interkulturelles Fingerspitzengefühl als Kriterium in die Bewertung von Personal einzuführen bedeutet also vor allen Dingen auch, juristisches Fingerspitzengefühl zu beweisen.

          Doch die Dezernenten sind der Meinung, dass sich der Aufwand lohnt. Denn es gehe um die Wettbewerbsfähigkeit der Verwaltung. Mit jedem Jahr werde es für die Stadt schwieriger werden, Arbeitnehmer zu finden. Wenn sie sich aufgeschlossen gegenüber anderen Kulturen zeige, werde die Stadt als Arbeitgeber wieder attraktiver, meint Majer. Laut Weber wandelt sich die Stadt weiter, sie werde noch multikultureller und diverser. Das müsse seinen Niederschlag in einer modernen Verwaltung finden oder, wie Weber sagt, die „gesellschaftliche Realität“ solle sich einfach in der Verwaltung widerspiegeln. „Man muss ein neues Bild der Verwaltung kommunizieren. Und wir sollten zunehmend eine bunte Verwaltung werden, um attraktiv zu sein.“

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