https://www.faz.net/-gzg-7op0q

Frankfurt : Auch Behinderte haben ein Recht auf Liebeskummer

  • -Aktualisiert am

Unzertrennlich: Thomas und Kerstin. Bild: Eilmes, Wolfgang

Kerstin und Thomas sind seit Jahren ein Paar. Die Behinderten arbeiten für die Praunheimer Werkstätten. Die unterstützen ihre Angestellten auch in Sachen Liebe und Partnerschaft. Auch, um Missbrauch zu verhindern.

          3 Min.

          Der Speckstein hat einen Ehrenplatz auf Kerstins Fernsehregal. Groß ist er nicht, und seine Schönheit liegt im Auge der Betrachterin. Wenn Kerstin ihn anschaut, ist der helle, glatte Klumpen mit den eingesägten Zinnen ein geschliffener Diamant. Ihr Freund hat Kerstin den Stein vor einigen Jahren geschenkt. Normalerweise, sagt Thomas und breitet seine Arme aus, arbeite er aber mit viel größeren Blöcken. Für seine Freundin hat er eine Ausnahme gemacht.

          Kerstin und Thomas sind 41 und 48 Jahre alt, ihre Nachnamen haben sie nur für den Papierkram, das förmliche „Sie“ ist ihnen ein bisschen unangenehm. Seit acht oder neun Jahren sind sie ein Paar. So genau wissen sie nicht mehr, wann das alles anfing. Getroffen haben sie sich auf der Arbeit. Beide sind Angestellte der Praunheimer Werkstätten, dem größten Arbeitgeber der Stadt für behinderte Männer und Frauen, der sie auch abseits des Arbeitsplatzes betreut.

          „Wenn du hier bist, dann geht's mir gut“

          Als Thomas sieben Jahre alt war, übersah er ein nahendes Auto und rannte über die Straße. Seit dem Unfall kann er nichts mehr sehen außer einen kleinen Unterschied zwischen hell und dunkel. Kerstin ist geistig eingeschränkt. Einige Jahre lebten die beiden in der gleichen Wohnanlage.

          Doch seit etwa 16 Monaten wohnt Kerstin allein in einer geräumigen Wohnung in der Römerstadt. Ihre Betreuer schauen nur einige Male in der Woche vorbei und helfen so viel wie nötig, so wenig wie möglich. Ginge es nach Kerstin, wäre Thomas längst zu ihr gezogen. „Wenn du hier bist, dann geht’s mir gut“, sagt sie zu ihrem Freund, der daraufhin etwas verlegen seinen Blindenstock vor sich kreisen lässt. Jeden zweiten oder dritten Freitagnachmittag setzt er sich in Praunheim ins Taxi und fährt zu Kerstin. Sie wartet dann ungeduldig am Fenster und hat ihm längst das Bett gemacht, schließlich bleibt er über das Wochenende. Wenn er aber ganz zu ihr zöge, müsste er sich einen neuen Platz für seine Lieblingsbeschäftigung suchen. Abends, wenn es dunkel ist und der Hof leer, dann zieht er mit dem Fahrrad seine Runden und fühlt sich richtig frei. So recht mag er sich ohnehin nicht vorstellen, seine gewohnte Umgebung zu verlassen. Während seines ersten Besuchs bei Kerstin hat er die falsche Tür genommen und stand plötzlich auf der Straße. Seither schließt Kerstin abends die Tür ab. Sicher ist sicher.

          Projekt soll sexuellen Missbrauch vermeiden

          Thomas hadert mit seiner Blindheit. „In Gedanken kann man alles erreichen“, sagt er gerne und oft. Aber in der Wirklichkeit gebe es nun einmal Probleme. Was, wenn Kerstin einmal vergisst, dass er zu ihr kommt? Was, wenn er sich in der unbekannten Gegend, in der sie wohnt, verläuft? Es fällt ihm nicht leicht, sich von ihr helfen zu lassen. Wenigstens können sie sich die Hausarbeit teilen. Kerstin kocht, Thomas wäscht ab. Aber damit eines klar ist: „Das mit dem Heiraten ist eine ganz schwierige Sache“, sagt Thomas.

          Manche seiner Kollegen haben diesen Schritt gewagt. Gleich neben Kerstin wohnen zwei Angestellte, die sich vor einigen Monaten das Jawort gegeben haben. Die Praunheimer Werkstätten unterstützen ihre Klienten in Sachen Liebe und Partnerschaft. In ihrem Auftrag arbeiten Berater von Pro Familia an einem eigenen Konzept dafür.

          Ausgangspunkt dafür sei die Vermeidung von sexuellem Missbrauch gewesen, sagt Claudia Hohmann, die an dem Projekt beteiligt ist. Geistig behinderte Frauen könnten sich schlechter wehren und brauchten daher besonderen Schutz, etwa gegenüber aufdringlichen Betreuern oder Kollegen. „Wir wollten das Thema aber auch von der positiven Seite her angehen“, hebt Hohmann hervor. Die Sozialarbeiter der Praunheimer Werkstätten sollen auch lernen, den Klienten Freiräume zu lassen und ihnen Intimität zu ermöglichen. Aber eben nur so lange, wie sich alle damit wohl fühlen.

          Negative Erfahrungen gehören genauso dazu

          Einmal im Jahr bieten die Werkstätten schon jetzt einen Projekttag zum Thema Sexualität an. Dann lernen die behinderten Angestellten etwa, wie sie sich schick machen und neue Bekanntschaften schließen können. Aber auch Aufklärung gehört zum Programm. Nach Hohmanns Erfahrung haben behinderte Erwachsene den großen Wunsch, auch Kontakte zu nichtbehinderten Altersgenossen aufzubauen. Sie bewegten sich sonst in den immer gleichen Gruppen, in geschützten, abgeschlossenen Räumen. „Sie haben einfach großen Bedarf an neuen Impulsen.“

          Auch Behinderte hätten ein Recht auf Liebeskummer, meint Hohmann. Die Pädagogen müssten ihren Ansatz überdenken, ihre Klienten immer und überall schützen zu wollen. Negative Erfahrungen in Partnerschaften gehörten zum Leben genauso dazu wie positive.

          Wer etwas über Liebeskummer erfahren will, sollte Thomas fragen. So vergesslich er sonst ist, an die Geschichte mit Martin wird er sich wohl immer erinnern. „Da fährst du in Urlaub, kommst zurück, und auf einmal hat deine Freundin einen anderen.“ So war das damals, als Kerstin das Abenteuer suchte, sich aber bald wieder auf das Bewährte besann. Jeder mache doch hin und wieder einen Fehler. Könnte Thomas ihr trauriges Gesicht sehen, während sie das sagt, wäre er weniger nachtragend.

          So ist das mit Kerstin und Thomas: Er ist besser darin, seine Gefühle in Worte zu fassen, während ihr Gesichtsausdruck oft mehr sagt als tausend Sätze. Nicht nur, was ihre Einschränkungen angeht, sind die beiden ein ungleiches Paar. Aber ein Topf und ein Deckel passen schließlich besser zusammen als zwei gleiche Deckel.

          Weitere Themen

          Im Rahmen des Möglichen

          Italienischer Fahrradbauer : Im Rahmen des Möglichen

          Der Italiener Antonio Taverna pflegt noch das alte Handwerk des Fahrradbauens. Er stellt Rahmen und Gabeln für Rennräder, Dreiräder, Tandems her – seit alle seine Mitarbeiter in Rente gegangen sind, ganz allein.

          Topmeldungen

          Laschets Gratwanderung : Der Kampf um den Kurs geht weiter

          Die CDU glaubt nicht ohne Grund, dass Armin Laschet besser als Friedrich Merz die innerparteiliche Spaltung überwinden kann. Dazu muss aber auch der neue Vorsitzende über sich hinauswachsen.

          Pläne der Bahn : Zugfahren nur noch mit FFP2-Maske?

          Die Deutsche Bahn denkt über eine FFP2-Maskenpflicht in sämtlichen Regional- und Fernzügen nach. Das würde einen Bedarf von Millionen Masken täglich bedeuten. Und es gibt noch weitere Probleme.
          Bleibt schlank und pflegt dabei ihre Zähne: Gitta Saxx

          Herzblatt-Geschichten : Mach es wie der Honigdachs

          Warum Wladimir Klitschko ein seltsames Tier verehrt, was Dana Schweiger von Tils Neuer hält und wie Bohlen von den Malediven grüßt: Die Herzblatt-Geschichten.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.