https://www.faz.net/-gzg-9qppc

Festival im Bahnhofsviertel : „Hier spüren wir den Herzschlag Frankfurts“

  • -Aktualisiert am

Manche mögen’s bunt: Farbenspiele auf der Taunusstraße. Bild: Wonge Bergmann

Im Frankfurter Bahnhofsviertel war die Stimmung am Wochenende ausgelassen. Streetart-Künstler bemalen den Asphalt, die Menschen grölen „Disco Partizani“ mit – Hunderte feiern „Frankfurt am Meer“.

          2 Min.

          Die beiden Damen sind begeistert. „Das hat heute wirklich Spaß gemacht, alle waren fröhlich“, sagt die eine zur anderen und erhält Zustimmung. Sie laufen gerade auf der Kaiserstraße in Richtung Hauptbahnhof, den Bass hört man noch leise brummen. Nur 50 Meter entfernt – dort, wo sich Taunus- und Moselstraße kreuzen – ist die Stimmung auf dem Höhepunkt. Shantel und sein Bucovina Club Orkestar stehen auf der Bühne und machen Party. „Disco Partizani“, singen sie, die Menschen im Getümmel grölen mit, hüpfen, bewegen ihre Arme im Takt der Musik.

          Unter dem Motto „Frankfurt am Meer“ hat der Verein TAB am Samstagabend ins Bahnhofsviertel geladen – zu einem Konzert- und Streetart-Festival. Seit vier Jahren veranstaltet die Initiative von Künstlern, Gastronomen und Freunden des Bahnhofsviertels solche Aktionen, um auf die Besonderheit des zweitkleinsten Frankfurter Stadtteils hinzuweisen. „Wir haben es geschafft, die Straße zu besetzen“, sagt Shantel, der mit bürgerlichem Namen Stefan Hantel heißt. Er steht auf der Bühne, sein Ensemble legt eine kurze Pause ein. „Hier im Bahnhofsviertel“, ergänzt er mit entschlossener Stimme, „hier spüren wir den Puls, den Herzschlag Frankfurts.“ Die Menge applaudiert. „Wir müssen den Variantenreichtum des Viertels erhalten, sonst droht ein Verlust der kulturellen Identität.“

          Um diese Identität zu wahren und sogar um eine weitere Facette zu ergänzen, ist Farbe ins Spiel gekommen. Am Freitag haben die israelischen Streetart-Künstler Yaron Mendelovici und Pesh das Dach der Kaiserpassage koloriert und am Samstag einen kleinen Teil der Taunusstraße bepinselt. Halbkreise aus verschiedenen Blautönen, geschwungene, gelbe und orange Farbstreifen haben das triste Schwarz des Asphalts verdrängt. Meer und Strand soll das Kunstwerk repräsentieren, auf dem Bürgersteig haben die Veranstalter in geringen Abständen kleine Palmen platziert. Hinter dem Projekt steckt jedoch weitaus mehr als lediglich das Festival, nämlich eine Vision. Die sieht vor, das Bahnhofsviertel sukzessive in eine „Urban-Streetart-Gallery“ zu verwandeln, damit der Stadtteil zu einem Zentrum internationaler Kreativität wird.

          Bahnhofsviertel soll „Urban-Streetart-Gallery“ werden

          Das sind allerdings langfristig ausgerichtete Pläne, jetzt geht es um profanere Dinge. Zahlreiche Mittzwanziger sind gekommen, um zu feiern. Aber genauso Familien mit kleinen Kindern. Neben einem Casino tanzt ein Mann mit einem Jungen, vermutlich Vater und Sohn. Der Nachwuchs dreht sich im Kreis und strahlt über das ganze Gesicht. Wenige Meter weiter hält ein Frau ein kleines Mädchen auf dem Arm und bewegt sich im Rhythmus der Musik. Um die Ecke ziehen vier Jugendliche Aufmerksamkeit auf sich. Sie stehen im Fenster eines Hotels, können perfekt auf die Bühne blicken, jubeln den Menschen unten auf der Straße zu und stimmen in „Disco Partizani“ ein.

          Auch abseits des Getümmels stehen kleinere Gruppen, die sich unterhalten. Eine Frau stolpert über ihre Handtasche, steht mithilfe von zwei Männern aber schnell wieder auf und grinst über sich selbst. Manche Passanten schauen sich nur kurz die frisch gefärbte Straße an und wenden sich dann schnell wieder ab. Die meisten aber sind begeistert. Wie die beiden Damen, die nun allerdings auch weiterziehen.

          Weitere Themen

          Schlager vorm Balkon

          Abwechslung in Corona-Zeiten : Schlager vorm Balkon

          Ein Musiker hat in der Postsiedlung die Lieblingslieder betagter Bewohner gespielt und für eine Weile die Corona-Sorgen vertrieben. Doch ein Verein hat noch mehr vor.

          „Empört Euch !? – Arm im Wohlfahrtsstaat“ Video-Seite öffnen

          Ökumenischer Kirchentag : „Empört Euch !? – Arm im Wohlfahrtsstaat“

          Die Deutschen leben in einem reichen Land, das Milliarden Euro mobilisieren kann, um die Auswirkungen der Corona-Pandemie zu bekämpfen. Und dennoch sind viele Menschen arm. Ein Gespräch zwischen Georg Cremer, ehemaliger Generalsekretär der Caritas, und Joachim Rock, Abteilungsleiter im Paritätischen Gesamtverband. Aus der Gesprächsreihe „Schaut hin- zum Ökumenischen Kirchentag 2021“.

          Topmeldungen

          Nach einer langen Nacht in Brüssel ging es für Bundesfinanzminister Olaf Scholz am Mittwoch in Berlin weiter.

          Corona-Bonds : Büchse der Pandora

          Die Behauptung, Corona-Bonds würden ein Ausnahmefall bleiben, zeigt bestenfalls politische Naivität. Wer die Büchse der Pandora öffnet, kann sie nie wieder schließen.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.