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Frankfurt : Äcker zu Wohnungen

Fruchtbarer Boden: Die Bauern müssten ihr Land aufgeben, wenn Am Hohlacker in Berkersheim-Ost gebaut wird. Bild: Wonge Bergmann

Planungsdezernent Olaf Cunitz hat 15 Baugebiete ausgedeutet, um Wohnungen zu errichten. Das aber geht zu Lasten wichtiger Freiflächen. Nicht nur unter Landwirten regt sich Protest.

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          Die harmloseste Formulierung, die Gerhard Wäger einfällt, wenn er zu den Plänen von Bürgermeister und Planungsdezernent Olaf Cunitz Stellung nimmt, ist: „Ich sehe darin keinen Sinn.“ Wäger ist Geschäftsführer des Fußballvereins Viktoria Sindlingen 1910. Der Verein hat seit 50 Jahren seine Spielstätte an der Hoechster Farbenstraße. Der Tennisverein Sindlingen mit Plätzen und Halle grenzt unmittelbar an. Geht es nach den Plänen des Grünen-Politikers Cunitz, würde in den nächsten Jahren die gesamte Sportanlage nebst neuem Kunstrasenplatz ebenso verlegt wie eine Kleingartenanlage, um zusammen mit größeren Ackerflächen im Westen von Sindlingen ein neues Wohngebiet mit 2000 Wohnungen zu errichten und damit für rund 5000 Frankfurter ein neues Zuhause zu schaffen. Alles einen Katzensprung von den S-Bahn-Stationen Zeilsheim und Sindlingen entfernt.

          Mechthild Harting

          Redakteurin in der Rhein-Main-Zeitung.

          15 solcher Baugebiete mit Flächen für insgesamt 6000 zusätzliche Wohnungen hat Cunitz im Stadtgebiet ausgedeutet, um auch in den nächsten Jahren die Nachfrage decken zu können. Schließlich wachse Frankfurt derzeit je Woche um 280 Einwohner, zwei Drittel von ihnen zögen neu nach Frankfurt hinzu. „Die drücken auf den Wohnungsmarkt“, sagte Cunitz, als er kürzlich seine Pläne erstmals den Stadtverordneten vorstellte. Neu sind die wenigsten Bebauungsvorschläge. Die meisten Flächen sind seit Jahrzehnten im Gespräch. Viele sind schon im übergeordneten Regionalen Flächennutzungsplan als „Wohnbaufläche geplant“ enthalten.

          Kleingärten und Sportanlagen sollen Bauland werden

          Dennoch wird es vielerorts Diskussionen geben, wie in Sindlingen mit den Fußballern. Schließlich sind sieben der Baugebiete „Arrondierungen, die in Freiflächen hineingehen“, wie Cunitz die Tatsache beschreibt. Das heißt, dass für den Wohnungsbau vielfach reines Ackerland bebaut werden soll, aber auch Kleingärten, Sportanlagen und Gärtnereien verlegt werden müssen. 4000 der 6000 Wohnungen sollen auf bisher unbebautem, nicht versiegeltem Gelände entstehen. Dazu zählen die Baugebiete am Hilgenfeld am Frankfurter Berg, Berkersheim-Ost, Am Riedsteg in Nieder-Erlenbach und Äcker westlich der Nordweststadt. Ebenso auch Flächen nordöstlich der Anne-Frank-Siedlung in Eschersheim und in Sindlingen westlich und südlich der Ferdinand-Hofmann-Siedlung und An der Wolfsweide in Preungesheim.

          Bedrohte Idylle: An der Wolfsweide in Preungesheim sollen mehr als hundert Kleingärtner ihre Parzellen aufgeben.
          Bedrohte Idylle: An der Wolfsweide in Preungesheim sollen mehr als hundert Kleingärtner ihre Parzellen aufgeben. : Bild: Finger, Stefan

          Die 80 Landwirte, die in Frankfurt im Voll- und im Nebenerwerb tätig sind und deren Interessen vom Kreislandwirt und CDU-Politiker Matthias Mehl vertreten werden, machen immer wieder darauf aufmerksam, dass jede Aufgabe von Feldern für sie einen Einkommensverlust bedeutet. Der Frankfurter Bauer hat kein Vieh, sondern bewirtschaftet Äcker, um „die von allen gewünschten regionalen Produkte“ auf den Markt zu bringen, sagt Mehl. Wer diese Versorgung der Großstadt wünsche, dem könne, jenseits von Argumenten des Arten- und Klimaschutzes, der stetige Verlust von Freiflächen „doch nicht ganz egal sein“. In einzelnen Baugebieten, wie etwa dem Am Riedsteg im Norden von Nieder-Erlenbach, wo 150 Wohnungen gebaut werden sollen, setzt Mehl darauf, dass die Entwicklung noch Jahre dauern wird. „Wir hoffen, dass wir das Areal dann nicht mehr brauchen.“ Denn die Frankfurter Bevölkerung werde wohl nicht immer weiterwachsen.

          Wer sich die sieben Baugebiete, die Freiflächen beanspruchen, genauer ansieht, entdeckt schnell, dass viele planerische Haken haben. „Der Teufel steckt im Detail“, fasst es SPD-Fraktionschef Klaus Oesterling zusammen. Andere verweisen darauf, dass Cunitz’ Vorgänger, der CDU-Politiker Edwin Schwarz, Gründe gehabt hat, die Entwicklung der Flächen nicht weiterzuverfolgen. Aufwand und Ertrag stünden in keinem sinnvollen Verhältnis.

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