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Frankfurt als Tatort : Altenburgs Krimi "Ein allzu schönes Mädchen"

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Das Herz der Finsternis liegt seit Henning Mankell in der südschwedischen Kleinstadt Ystad. In diesem Kaff mit seinen 25000 Einwohnern läßt der schwedische Bestsellerautor einen Roman nach dem anderen Mörder aus allen Weltgegenden ihre blutigen Schandtaten treiben.

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          Das Herz der Finsternis liegt seit Henning Mankell in der südschwedischen Kleinstadt Ystad. In diesem Kaff mit seinen 25000 Einwohnern läßt der schwedische Bestsellerautor einen Roman nach dem anderen Mörder aus allen Weltgegenden ihre blutigen Schandtaten treiben. Und Kommissar Kurt Wallander klärt einen Fall nach dem anderen auf. Der deutsche Mankell - und als einen solchen darf man Matthias Altenburg nach seinem großartigen Kriminalroman "Ein allzu schönes Mädchen" wohl bezeichnen - läßt hingegen in Frankfurt morden, am Goetheturm und im "Frankfurter Hof". Im Vergleich zum Provinznest Ystad ist die Mainmetropole natürlich der weitaus glaubwürdigere Ort für literarische Kriminalfälle am laufenden Meter - gilt Frankfurt doch als deutsche Hauptstadt des Verbrechens, was gewiß schlechter ist als Bundeshauptstadt, aber allemal besser als überhaupt keine Hauptstadt.

          Altenburgs Kommissar Robert Marthaler ist ein Bruder Wallanders im Geiste, ein "Melancholeriker", tief moralisch, etwas einsam, etwas verschroben, etwas schwerfällig - ein Eingeplackter, der aber längst zum Frankfurter geworden ist. Genauso wie Altenburg, der Schöpfer der Figur, der sich für seinen ersten Kriminalroman das Pseudonym Jan Seghers gewählt hat. Zur Mainmetropole hegt der Autor, der in Baunatal aufgewachsen ist und vor zwanzig Jahren nach Frankfurt gekommen ist, die übliche Haßliebe: Er nörgelt wie fast alle Frankfurter an der Stadt herum, verteidigt sie aber bis aufs Messer, wenn ein Unberufener sie zu kritisieren wagt.

          Altenburgs Kommissar Marthaler geht es nicht anders: "Er beschloß, noch ein wenig am Main spazierenzugehen. Auf der Höhe des Städelschen Museums setzte er sich auf eine Bank und sah zum anderen Ufer, wo sich die Skyline erhob. Er mochte diesen Blick auf die Stadt, wie er die Stadt überhaupt mochte, mit den hohen Häusern der Banken, dem Messeturm, dem Dom, dem Römerberg und der Alten Oper." Worauf sofort eine kleine Relativierung folgt: "Er mochte sie schon deshalb, weil es so viele gab, die sie verabscheuten, ohne sie wirklich zu kennen."

          Später nimmt Tereza, die vielleicht seine zweite große Liebe werden könnte, Marthaler in die Städelsäle und -kabinette mit. Im Gegensatz zu seinem Erfinder Altenburg ist der Kommissar kein Mann der Kunst, kein Museumsgänger, lediglich ein naiver Betrachter. "Tereza führte Marthaler mit großer Begeisterung durch die Räume. Sie zeigte ihm die rätselhafte Venus von Lucas Cranach, den Astronomen von Vermeer, aber auch das wunderschöne weibliche Brustbild des Bartolomeo da Venezia und das bunte Paradiesgärtlein eines unbekannten oberrheinischen Meisters." Altenburg hat nicht lange nach diesen Bildern suchen müssen, denn er kennt sie von vielen Besuchen, es sind seine Lieblinge.

          Ebensogut kennt er sich in Sachsenhausen aus - und damit auch sein Kommissar: "Gleich am Anfang der Diesterwegstraße ging er durch einen kleinen Torbogen, durchquerte den Hinterhof und stand vor dem Eingang des ,Lesecafes'" - wo Altenburg früher oft seinen Cappuccino geschlürft hat und wo Marthaler jetzt zum ersten mal Tereza sieht, die neue Kellnerin, die bald bei ihm einziehen wird.

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