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„Seebrücke“ und Frankfurt : An der Realität vorbei

  • -Aktualisiert am

Sympathisanten der „Seebrücke Frankfurt“ fordern, dass sich die Stadt zum „Sicheren Hafen“ erklärt. Bild: dpa

Darmstadt hat sich zum „sicheren Hafen“ für Flüchtlinge erklärt, Kassel auch. Und Frankfurt? Der Oberbürgermeister etwa ist dafür, aber er macht es sich zu einfach.

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          Frankfurt, ein „sicherer Hafen“? Die Debatte darüber, ob Hessens größte Stadt freiwillig deutlich mehr aus Seenot gerettete Flüchtlinge aufnehmen sollte als nach dem aktuellen Verteilungsschlüssel erforderlich, geht an der Realität vorbei. Frankfurt tut bereits, was möglich ist, und es scheint schon jetzt schwierig, die regelmäßig zugewiesenen Flüchtlinge menschenwürdig unterzubringen.

          4700 Asylbewerber und andere Schutzsuchende leben nach Auskunft des Sozialdezernats in der Stadt. Von ihnen haben 2500 Anspruch auf eine Sozialwohnung, 700 sind wegen der schwierigen Lage auf dem Wohnungsmarkt aber noch in Hotels untergebracht; weitere 440 Menschen leben in Notunterkünften. Angesichts dessen wäre es unvertretbar, vom Main aus das Signal zu senden, dass Flüchtlingen hier grundsätzlich Zuflucht geboten werde.

          Es reicht nicht, die Arme auszubreiten und zu rufen: Wir helfen euch. Oberbürgermeister Peter Feldmann (SPD) sowie Sozialdemokraten, Grüne und Linke in der Stadtverordnetenversammlung machen es sich zu einfach, wenn sie Frankfurt zum Hafen ohne Grenzen erklären wollen, ohne die Konsequenzen zu bedenken. Schon die Frage, wie viele Flüchtlinge die Stadt denn künftig zusätzlich aufnehmen sollte, können oder wollen sie nicht beantworten.

          Womöglich könnte die Stadt statt derzeit elf Flüchtlingen je Woche auch doppelt so viele aufnehmen; vielleicht sogar das Drei-, Vier- oder Zehnfache. Aber man würde schon gern wissen, wie viele es aus Sicht Feldmanns und seiner Unterstützer sein sollen – alle, die im Mittelmeer in Not geraten, wohl kaum.

          Seenotrettung ist ein Gebot der Menschlichkeit. Das hat Kanzlerin Angela Merkel (CDU) angesichts der Bilder von verzweifelten Menschen gesagt, die tagelang auf hoher See ausharren müssen, weil die Schiffe, die sie aufgenommen haben, in keinem europäischen Hafen anlegen können. Aber die Tragödie, die sich derzeit auf dem Mittelmeer abspielt, kann nicht auf kommunaler Ebene beendet werden. In Brüssel und Berlin ist die Frage zu beantworten, wie all den Elenden geholfen werden kann, die in Nordafrika ein Boot besteigen und bei der Flucht nach Europa tagtäglich ihr Leben riskieren. Gutgemeinte, aber schlecht durchdachte Schaufensteranträge, in Frankfurt, Darmstadt, Kassel oder anderswo, helfen nicht weiter.

          Ralf Euler

          Redakteur in der Rhein-Main-Zeitung, verantwortlich für den Rhein-Main-Teil der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

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