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Stadtflucht : Die Älteren verlassen Frankfurt

Blick auf die Stadt: Frankfurt ist ein Magnet. Und konkurriert mit Kommunen in unmittelbarer Nähe. Bild: Maximilian von Lachner

In der Stadt leben heute mehr Menschen als vor zehn Jahren, vor allem junge ziehen zu. In der Generation 50 plus verliert die Kommune Einwohner, zu einem großen Teil an das direkte Umland.

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          Die magische Grenze hat Frankfurt 2014 überschritten: Damals wurde symbolisch der siebenhunderttausendste Einwohner begrüßt. Danach ging es rasant weiter: Mitte 2022 lebten bereits rund 765.000 Menschen in der Stadt, etwa 90.000 mehr als zehn Jahre zuvor. Dieses Wachstum ist vor allem auf den Zuzug junger Menschen bis zum Alter von 30 Jahren aus dem Ausland zurückzuführen, wie eine Auswertung des Datendienstleisters Empirica Regio zeigt. In der älteren Generation hingegen verliert Frankfurt Einwohner. Verrechnet man Zuzüge und Wegzüge derjenigen miteinander, die älter als 50 Jahre sind, steht unterm Strich ein Minus. Davon profitiert das nähere Umland, was unter anderem am Wohnungsmarkt liegen könnte.

          Günter Murr
          Redakteur in der Rhein-Main-Zeitung.

          Vor allem in der Altersgruppe der Fünfzig- bis Sechzigjährigen ist ein Trend in die Region festzustellen. Im Zeitraum von 2013 bis 2021 hat Frankfurt 4220 Einwohner allein an die direkten Nachbarn verloren. Am stärksten davon profitiert haben der Taunus und die Stadt Offenbach, weniger hingegen die Kreise Offenbach und Groß-Gerau. Auf längere Sicht fast ausgeglichen ist die Bilanz bei den Städten und Kreisen des „zweiten Rings“ um Frankfurt. Mal zogen mehr Menschen weg, mal mehr zu. Ausreißer ist der Kreis Gießen, der 245 Einwohner mehr nach Frankfurt abgab, als aus der Metropole zuzogen.

          Aber auch in der Gruppe der Senioren von 65 Jahren an überwiegt die Zahl derer, die Frankfurt den Rücken kehren. In dieser Altersklasse hat die Stadt im Saldo zwischen 2013 und 2021 insgesamt 2912 Einwohner an das direkte Umland abgeben. Die beliebtesten Ziele sind Wetterau, Main-Kinzig-Kreis und Hochtaunuskreis. Weniger bedeutend ist das weitere Umland, das rechnerisch 478 Senioren aus Frankfurt aufnahm. Hier stechen besonders der Rheingau und der Kreis Limburg-Weilburg heraus.

          Infokarte Ältere Menschen ziehen weg
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          Die Statistik weist nur die Differenz zwischen Weg- und Zuzügen aus, nicht aber deren Stärke. Da auch in den jeweiligen Altersgruppen Menschen aus dem Umland nach Frankfurt ziehen, ist die Zahl derer, die der Stadt den Rücken kehren, insgesamt noch größer, als es das Saldo vermuten lässt. Wie groß genau, lasse sich anhand der von den Behörden veröffentlichten Daten nicht feststellen, sagt Jan Grade, Geschäftsführer von Empirica Regio. Nach seinen Erkenntnissen ist das Phänomen, dass Ältere die Kernstädte verlassen, auch in anderen Ballungsräumen zu beobachten. Es fällt aber nicht überall gleichermaßen groß aus. Umgerechnet auf die Einwohnerzahl, verliert München zum Beispiel deutlich weniger Senioren an das Umland als Frankfurt.

          Auch junge Familien ziehen weg

          Die Zahlen lassen keine Rückschlüsse darauf zu, welche Orte in den jeweiligen Kreisen bevorzugt werden, ob also eine dörfliche Umgebung oder die Mittelzen­tren höher im Kurs stehen. Allerdings gibt es eine gewisse Wahrscheinlichkeit, dass es eher Städte wie Bad Homburg, Bad Vilbel oder Hofheim sind, die von den Wanderungsbewegungen weg aus Frankfurt profitieren. „Zwar verlassen viele Frankfurter Senioren die Stadt, aber das heißt nicht, dass sie eine dörfliche Idylle suchen“, sagt Marian Kirchhoff, Geschäftsführer des Immobiliendienstleisters Deutsche Teilkauf. Er beruft sich auf eine bundesweite Umfrage, die sein Unternehmen in Auftrag gegeben hat. Demnach sei eher das kleinstädtische Umfeld mit guter Infrastruktur gefragt. Gleich dahinter rangieren ein grünes Umfeld und eine ruhige Lage.

          Ob diese Bedürfnisse aber ein Grund für einen Umzug im Alter sind, lässt sich den Ergebnissen der Umfrage nicht entnehmen. Generell sei die Umzugsbereitschaft von Senioren eher gering, so Kirchhoff. Die, die es doch tun, suchten vor allem Wohneigentum im gut angeschlossenen Umland der großen Städte. Dort sind die Immobilienpreise noch deutlich geringer. Der Makler Frank Alexander aus Bruchköbel, Vorstandsmitglied des Immobilienverbands Deutschlands (Region Mitte), stellt deshalb eine rege Nachfrage von Interessenten aus Frankfurt fest – allerdings nicht von Senioren, sondern von Jüngeren in der „erweiterten Familiengründungsphase“.

          Tatsächlich zeigt die Statistik, dass Frankfurt auch in der Altersgruppe der Dreißig- bis Fünfzigjährigen in den vergangenen Jahren mehrere Tausend Einwohner ans Umland abgegeben hat. Das Reihenhaus mit Garten sei bei Familien immer noch sehr beliebt, so Alexander. „Da gibt es aber in Frankfurt nichts Bezahlbares.“ Die Corona-Pandemie und der Trend zum Homeoffice hätten das Interesse am Umland noch einmal verstärkt. „Wenn man nicht jeden Tag ins Büro muss, nimmt man auch weitere Wege in Kauf.“ Grade kann sich vorstellen, dass auch Altersteilzeit ein Grund sein könnte, warum sich Menschen, die jünger als 65 Jahre sind, für einen neuen Wohnort entscheiden.

          Für Ruheständler spielt dieses Argument allerdings keine Rolle. Grade vermutet, dass der Wunsch nach einer barrierearmen Wohnung und die hohen Mieten in Frankfurt die Umzugsbereitschaft fördern. Makler Alexander kann das aufgrund der Erfahrungen, die er und seine Kollegen gemacht haben, nicht bestätigen. Ausgeprägte Nachfragen nach altersgerechten Wohnungen im Umland gebe es nicht. Er kennt nur einen verbreiteten Grund, der Senioren zu einem Umzug motiviert: Sie wollen in der Nähe ihrer Kinder und Enkel wohnen.

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