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Städtische Bühnen : Willkommen im Verteilungskampf

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Eine unvorstellbare Summe: Was man für 900 Millionen Euro noch bauen könnte. Bild: F.A.Z.

Für 900 Millionen Euro könnte Frankfurt ein neues Gebäude für Schauspiel und Oper bauen. Doch das Geld ist endlich – und die Haushaltslage war auch schon besser.

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          Aus finanzieller Sicht kann der Neubau der Städtischen Bühnen in Frankfurt gar nicht schnell genug beginnen. Denn noch sind die Kreditzinsen niedrig, die Frankfurt zahlen müsste, um das auf Kosten von rund 900 Millionen Euro geschätzte Gebäude am Willy-Brandt-Platz mit fremdem Geld zu finanzieren. Kürzlich nahm das Finanzdezernat einen Kredit über 25 Millionen Euro auf, dafür zahlt die Verwaltung bei einer vierzehnjährigen Bindung gerade einmal 1,36 Prozent Zinsen im Jahr. Kredite wird die Stadt in jedem Fall brauchen, wenn sie sich an das mit Abstand teuerste Infrastrukturprojekt der Frankfurter Geschichte machen will. Schon jetzt schafft es die Stadt bei weitem nicht mehr, die jährlichen Investitionen in die Infrastruktur von etwa 500 Millionen Euro aus eigener Tasche zu finanzieren. Sollte die komplette Summe für den Neubau der Bühnen über Schulden finanziert werden müssen, käme bei ähnlichen Zinsen wie den oben genannten am Ende der Bauzeit eine jährliche Zinsbelastung von gut zwölf Millionen Euro auf die Stadt zu.

          Die Abschreibungen über vermutlich 40 Jahre hinweg, die ebenfalls jeden Etat desselben Zeitraums belasten würden, sind da noch nicht enthalten. Würde das Bühnenprojekt in dieser Größenordnung ausschließlich über Kredite finanziert, so würden die langfristigen Schulden der Kommune, die momentan bei knapp zwei Milliarden Euro liegen, um fast 50 Prozent steigen. Geld, das in jedem Fall von künftigen Generationen zurückgezahlt werden muss. Ein weiterer Grund für Eile ist die wirtschaftliche Entwicklung. Denn trotz guter Konjunktur und nach wie vor recht hohen Steuereinnahmen schafft es Frankfurt nicht einmal annähernd, einen ausgeglichenen Haushalt zu planen. Sollte demnächst die Konjunktur abflauen, wird darunter sogleich die wichtigste Einnahmequelle der Stadt leiden: Die Gewerbesteuer bräche rasch ein. Und bevor die verantwortlichen Politiker im Römer weiteren kleinen Vereinen die Zuschüsse kürzen müssten und noch mehr Schulen unsaniert blieben, sollte die Grundsatzentscheidung über die Zukunft von Oper und Schauspiel getroffen worden sein.

          15 Gymnasien oder 180 Kitas

          Ohnehin steuert die Stadt in einen Verteilungskampf hinein. Wer auch immer in den vergangenen Tagen von den knapp 900 Millionen Euro für den Bühnen-Neubau erfuhr: Die erste Reaktion war ungläubiges Staunen. In einer zweiten Reaktion malten sich viele aus, was sich mit dem vielen Geld sonst machen ließe. Um die Dimension der riesigen Investitionssumme wenigstens annähernd zu erfassen, helfen nur Vergleiche mit gänzlich anderen Projekten – einfach deshalb, weil knapp 900 Millionen Euro für ein einzelnes städtisches Bauwerk ansonsten in Frankfurt einmalig sind. Insofern ist es quasi unerlässlich, Äpfel mit Birnen zu vergleichen – entgegen mancher Politikermeinung. Denn jeder Steuerzahler wird sich fragen, was ihm persönlich am wichtigsten ist. So könnte sich die Stadt zum Beispiel die oft diskutierte, zu Beginn durchaus umstrittene und nun beinahe fertige Rekonstruktion der Altstadt auf dem Dom-Römer-Areal für den Preis der Bühnen etwa viereinhalbmal leisten: Jüngste Schätzungen gehen von knapp 200 Millionen Euro für das Projekt aus.

          Ebenfalls intensiv diskutiert wurde über den Neubau des einzigen städtischen Krankenhauses. Das Klinikum in Höchst, das mittlerweile im Bau ist, wird nach Angaben des Gesundheitsdezernats knapp 290 Millionen Euro kosten, der städtische Anteil liegt bei gut 230 Millionen Euro. Dezernent Stefan Majer von den Grünen, der die Kosten im Januar nach oben korrigieren musste, hat die städtischen Folgekosten für Zins und Abschreibung über 40 Jahre hinweg auf rund zehn Millionen Euro im Jahr beziffert. Übertragen auf das gut dreimal teurere Bühnenprojekt, ergäben sich unter sonst identischen Vorzeichen jährliche Folgekosten von rund 30 Millionen Euro. Noch drastischer erscheint die Bausumme mit einem Blick auf die Schulen und Kitas, die Frankfurt benötigt. So ließen sich mit dem Geld schätzungsweise 15 Gymnasien zu einem Stückpreis von etwa 60 Millionen Euro neu bauen. Und wenn die Stadt das Geld für eine durchschnittliche Kita investieren würde, bekäme sie sogar 180 Exemplare dafür.

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