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Folgen des Wintereinbruchs : Rutschgefahr wegen akuten Salzmangels

  • -Aktualisiert am

Kostbare Körner: Streusalz ist dieser Tage vielerorts Mangelware Bild: dpa

Zuerst die Straßenmeistereien, dann die Städte, dann die Einzelhändler: Streugut wird im Moment so dringend gebraucht, dass es nicht für alle reicht. Die Regale sind leer: Bei Hornbach in Nieder-Eschbach gibt es kein Streusalz mehr, und das schon seit einer Woche.

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          Die Regale sind leer: Bei Hornbach in Nieder-Eschbach gibt es kein Streusalz mehr, und das schon seit einer Woche. Nachschub erwarte man erst für Dienstag oder Mittwoch, heißt es. Und damit kann sich der Baumarkt glücklich schätzen. Überall in Frankfurt ist das Salz knapp - und der Schneesturm soll am Wochenende erst noch kommen. In der Filiale an der Hanauer Landstraße weiß niemand, wann wieder neues Salz nachgeliefert wird. Und auch beim Toom-Baumarkt an der Friedberger Landstraße ist es seit zwei Tagen ausverkauft. Lieferzeitpunkt auch hier ungewiss.

          Etwas mehr Glück hatten Kunden gestern im Obi-Markt in Sachsenhausen. „Einige Eimer stehen hier noch“, sagte ein Mitarbeiter am Nachmittag. Doch auch dieser Vorrat sei sicher bald aufgebraucht: „Die Leute kaufen wie verrückt.“ Eine neue Lieferung erwartet er frühestens in der übernächsten Woche. Dieselbe Auskunft erteilt ein Mitarbeiter des Toom-Markts in Rödelheim und erklärt die späte Lieferung auch. „Erst einmal müssen ja die Städte und Gemeinden mit Nachschub versorgt werden.“

          „Wir legen jährlich einen Vorrat von 1200 Tonnen Salz an“

          Doch auch die haben Engpässe. „So einen harten Winter hatten wir schon lange nicht mehr“, sagt Wolfgang Brauburger, der seit 16 Jahren den Winterdienst der Frankfurter Entsorgungs- und Service GmbH leitet. Dem Wetter kann er aber auch positive Seiten abgewinnen: „Wir können unsere Technik einsetzen und testen, dabei sammeln wir wertvolle Erfahrungen für den nächsten Winter und merken beispielsweise, was noch fehlt.“

          Demnächst könnte das auch in Frankfurt das Salz sein. Dabei ist die Stadt vergleichsweise gut gerüstet. Während mancherorts schon seit Wochen das Streugut knapp ist, profitiert Frankfurt von der großen Reserve, wie Brauburger sagt. „Wir legen jährlich einen Vorrat von 1200 Tonnen Salz an.“ Mit dem Restsalz könne man das Wochenende samt angekündigtem Schneesturm gut überstehen. Danach könnte es eng werden. Normalerweise komme Nachschub vom Deutschen Straßendienst, seit neun Tagen könne dieser aber nicht mehr liefern.

          Erklärungen für den Engpass findet man in Kassel. Hier sitzt die K+S AG, ein Bergbau-Unternehmen, das auf die Förderung von Kali und Salz spezialisiert ist. K+S gehört die European Salt Company in Hannover, kurz Esco. Diese wiederum - ihr gehört auch der Deutsche Straßendienst - betreibt drei Salzwerke in Deutschland, in Niedersachsen, Sachsen-Anhalt und Nordrhein-Westfalen. Dort wird Salz abgetragen, das später zu Speisesalz oder Auftausalz verarbeitet wird. Anschließend werden Kommunen, Großunternehmen oder Einzelhändler mit den Salzprodukten beliefert.

          Bis zur vereinbarten Maximalmenge kann nachgeordert werden

          Wie kommt es, dass das Salz jetzt vielerorts knapp ist? Im Spätsommer werde mit den Abnehmern ausgehandelt, wie viel Salz zu welchen Konditionen im Winter geliefert werde, sagte ein Unternehmenssprecher. Dabei einige man sich auf eine Mindestmenge, die zunächst ausgeliefert werde. Bis zur vereinbarten Maximalmenge, die teilweise bis zu 40 Prozent darüber liege, könne nachgeordert werden - zu den vertraglich vereinbarten Konditionen. Diese Möglichkeit nutzten nun wegen der andauernden Kälte so viele Gemeinden und Geschäfte, dass die Salzwerke nicht mit der Produktion hinterherkämen, sagt er.

          Deswegen werde gestaffelt geliefert. Zuerst seien die für die Autobahn zuständigen Straßenmeistereien an der Reihe, anschließend kämen Ballungszentren, dann auch andere Städte und Gemeinden. Erst danach gebe es Nachschub für den Einzelhandel, der aus diesem Grund nicht nur am längsten warten müsse, sondern oft auch nicht wisse, wann er neues Salz anbieten könne.

          K+S hat Produktion teilweise umgestellt

          Bei der K+S bediene man sich allerlei Kniffe, um den Engpass schnell zu beheben, sagt der Sprecher weiter. In einigen Kali-Werken, unter anderem in Kassel, sei die Produktion umgestellt worden, so dass dort auch Streusalz hergestellt werden könne; Mitarbeiter aus anderen Bergwerken hülfen in den Salzbergwerken aus, auch externe Arbeiter seien im Einsatz. In der Vergangenheit habe man auch Salz aus anderen Ländern bezogen, aber durch den in ganz Europa harten Winter seien die Salzvorräte überall aufgebraucht. Grundsätzlich sei es zwar möglich, Länder wie Amerika um Salz zu bitten, die hohen Transportkosten machten den Import aber unwirtschaftlich. Eine Tonne Streusalz koste nur etwa 50 bis 60 Euro.

          Dem Salzmangel begegnen Straßendienste und Privatleute in der Region mit unterschiedlichen Strategien. Kunden, die kein Streusalz mehr bekommen, können auf Basaltsplitt oder Spielsand ausweichen. Oder auf herkömmliches Kochsalz: Bis minus 15 Grad hat es eine ähnliche Wirkung. Auf den Straßen funktioniert das natürlich nicht. Die Frankfurter Räumdienste versuchten, mehr Splitt einzusetzen, sagt Winterdienst-Leiter Brauburger. Für die nächsten Jahre will er Konsequenzen ziehen: „Wir wollen unser Lager von 1200 auf 3000 Tonnen Salz vergrößern.“

          Alle Frankfurter, die gern freiwillig ins Rutschen kommen, sollten auch ihren Schlitten besser schon im Keller stehen haben. In den Baumärkten sind sie längst ausverkauft.

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