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Folgen des Hitze-Sommers : 80 Prozent der Fichten könnten sterben

  • -Aktualisiert am

Skelettiert: abgestorbene Birke im Stadtwald von Obertshausen Bild: Cornelia Sick

Der Dürresommer 2018 und die beiden Hitzewellen in diesem Jahr haben den Wäldern im Rhein-Main-Gebiet massiv zugesetzt. Tausende toter Bäume müssen gefällt werden.

          „Dieser Baum hat sehr lange gekämpft, dann aber trotzdem verloren.“ Jochen Raus beugt sich über die gefällte Fichte und schiebt das Schäleisen unter die Rinde. Als er die Rinde abhebt, wird deutlich, wem der Baum zum Opfer gefallen ist: Dutzende kleiner schwarzer Borkenkäfer fressen sich in das Holz. „Sehen Sie dort den Harztropfen? Das war die Verteidigung des Baums, aber dann haben die Borkenkäfer die Barriere durchdrungen“, erklärt der Revierförster der Billtalhöhe bei Königstein. Dann holt er sein Smartphone hervor und zeigt eine interaktive Karte, auf der alle befallenen Bäume in seinem Revier rot markiert sind. Es sind so viele rote Punkte zu sehen, dass eine Unterscheidung kaum noch möglich ist. „Es gibt Gebiete, da steht kein gesunder Baum mehr. Es ist schlimm“, ergänzt Forstwirt Fabian Bohl. Mit ernsten Mienen steht das Team des Königsteiner Forstamtes vor der gefällten Fichte. „Wir kämpfen weiter“, sagt Raus, und alle nicken. Aber so richtig optimistisch wirken sie nicht.

          Das ist kein Wunder, denn der Wald im etwa 13.000 Hektar großen Gebiet des Forstamtes Königstein leidet. „Solche Katastrophen sind nicht beherrschbar“, sagt der stellvertretende Forstamtsleiter Hubertus Behler-Sander. Vor allem der Staatswald im Hochtaunus sei auf Regenwasser angewiesen. Die Bäume dort zapften nicht das Grundwasser an, sondern brauchten Regen. „Bisher haben die Niederschläge während der Vegetationsperiode von April bis Oktober auch immer ausgereicht“, sagt Behler-Sander. „Im vergangenen Jahr war das jedoch nicht der Fall.“

          Die Folgen sind gravierend: Die geschwächten Fichten können sich gegen Borkenkäfer kaum noch wehren. Die Hitzewellen in diesem Sommer haben vielen Bäumen den Rest gegeben. Während in normalen Jahren etwa 15 Prozent des geschlagenen Holzes sogenanntes Schadholz sind, waren es im vergangenen Jahr laut Behler-Sander schon etwa 50 Prozent. In diesem Jahr rechnet er damit, dass der Holzeinschlag komplett aus Schadholz besteht, denn die Fichte macht etwa 50 Prozent aller Bäume im Gebiet des Forstamtes aus.

          Sicherheitsmaßnahmen nötig

          Erst einmal müssen die befallenen oder kranken Bäume jedoch entdeckt werden. Förster Raus und seine beiden Mitarbeiter müssen auf der Revierfläche von etwa 1600 Hektar alle kranken Bäume finden. Das ist fast unmöglich, denn derzeit entdecken sie jeden Tag neue kranke Exemplare. „Es sind fast alle Bäume geschwächt“, sagt Raus und gibt zu bedenken: „Wenn Sie einen von Borkenkäfern befallenen Baum übersehen, können dadurch 25 weitere befallen werden.“ Der Förster befürchtet, dass es in diesem Jahr fünf Käfergenerationen geben wird. Für Vizeforstamtsleiter Behler-Sander steht daher fest: „Es muss regnen, und wir brauchen mehr Leute.“

          Besorgt: Der Wiesbadener Förster Ralf Bördner sieht enorme Schäden in seinem Revier.

          Im Stadtwald von Obertshausen südöstlich von Frankfurt ist die Lage noch dramatischer, denn auch Eichen, Douglasien, Kiefern und Buchen verdursten. „Besonders die Buche hat während des vergangenen Dürresommers gelitten, das zeigt sich aber erst dieses Jahr so richtig“, sagt der Langener Forstamtsleiter Roland Piper. Im knapp 16.000 Hektar großen Forstamtsgebiet stehen zu mehr als 50 Prozent Kiefern, fast 20 Prozent Eichen und 25 Prozent Buchen. Die Auswirkungen des Dürresommers und der beiden jüngsten Hitzewellen kommen laut Piper einer Katastrophe gleich. „Wir werden alleine aus Gründen der Verkehrssicherheit Tausende Bäume fällen müssen“, sagt er vor einer etwa 140 Jahre alten Rotbuche direkt neben einer Straße.

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