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Flutopfer-Helfer im Interview : „Der Katastrophentourismus erschreckt mich“

Erschütternde Bilder: Hans-Josef Heun zeigt Fotos aus dem Katastrophengebiet auf seinem Handy. Bild: Albermann, Martin

Hans-Josef Heun aus Frankfurt hat Flutopfer in der Eifel tatkräftig unterstützt, auch sein Sohn ist dort vom Hochwasser betroffen. Er sagt: Die Betroffenen benötigen noch viel mehr Hilfe.

          3 Min.

          Herr Heun, Sie sind vor kurzem in die Krisenregion in der Eifel gefahren, um die Menschen mit dringend Benötigtem zu versorgen und dort zu helfen. Wie kam es dazu?

          Alexander Jürgs
          Redakteur in der Rhein-Main-Zeitung.

          Mein ältester Sohn lebt dort mit seiner Frau, in einem alten Fachwerkhaus in Gilsdorf, einem Ortsteil von Bad Münstereifel. Die beiden wurden von den Überschwemmungen stark getroffen. An dem Abend, an dem die Flut kam, standen wir per Telefon in Kontakt. Mein Sohn schilderte mir, wie das Wasser in seinem Haus immer weiter anstieg. Am Ende stand das Erdgeschoss bis zum Türstock unters Wasser. Die beiden hatten sich in das erste Obergeschoss gerettet und konnten von dort aus beobachten, wie das Wasser ihnen immer näher kam. Wer so etwas erlebt, steht Todesängste durch. Dann kann man nur noch hoffen und beten. Mitten in der Nacht kam dann die Entwarnung: Das Wasser sinkt.

          Wann haben Sie sich dann auf den Weg nach Gilsdorf gemacht?

          Gleich am Morgen darauf sind meine Frau und ich losgefahren, das Auto voller Schaufeln, Besen und Reinigungsgeräten. Aber wir haben den Ort nicht erreicht. Alles war zu, überall standen Polizei, Feuerwehr und THW. Die haben uns dann gesagt: Das geht heute nicht. Dann sind wir zurückgefahren.

          Der nächste Versuch glückte dann?

          Ja, am Tag danach haben wir es geschafft. Mein Sohn kannte eine Strecke, die passierbar war. Vorher haben wir unser Auto wieder vollgeladen. Am Morgen hatten wir im Supermarkt noch Wasserflaschen gekauft, die wir verteilen wollten. Die Wasserleitungen vor Ort waren zwar noch intakt, aber man hatte die Menschen gewarnt, das Wasser zu trinken.

          Was war ihr erster Eindruck, als sie Gilsdorf erreichten?

          Wenn man dort ankommt, das ist unvorstellbar. Diese Verwüstungen. Das ist etwas ganz anderes, als wenn man das im Fernsehen sieht. Was mich vor Ort dann aber unheimlich berührt hat, war, wie die Menschen sich gegenseitig geholfen und unter die Arme gegriffen haben. Wenn der eine fertig war in seinem Haus, dann ging er zu seinem Nachbarn und half dort weiter, das war überhaupt keine Frage. Auch die Polizisten packten mit an. Doch auch hier bei uns habe ich eine starke Solidarität gespürt.

          „Wenn man dort ankommt, das ist unvorstellbar“: Hans-Josef Heun berichtet von seiner Fahrt ins Katastrophengebiet.
          „Wenn man dort ankommt, das ist unvorstellbar“: Hans-Josef Heun berichtet von seiner Fahrt ins Katastrophengebiet. : Bild: Albermann, Martin

          Woran bemerken Sie das?

          Ich hatte mit meinem Sohn telefoniert und darüber gesprochen, was in der Region gebraucht wird. Das sind im Moment vor allem Baumaterialien: Spanplatten und Schalbretter, um die Türlöcher zu füllen oder die Fenster notdürftig zu flicken. Und alles, was dabei hilft, um in den Häusern sauber zu machen. Ich bin dann gleich zum Baumarkt Maeusel nach Bad Vilbel gefahren und habe nachgefragt, was man dort bekommt. Der Inhaber sagte zu mir: Ich spreche mit ihrem Sohn. Er hat ihn angerufen und gebeten, eine Liste zusammenzustellen, was benötigt wird. Auch bei den Nachbarn sollte er nachfragen. Als mein Sohn ihn nach den Rahmenbedingungen fragte, sagte er: Machen Sie sich keine Gedanken über die Kosten. Das finde ich enorm. Ein anderes Mal wollte ich Biertischgarnituren und Schubkarren in die Eifel bringen, doch dafür ist mein Auto viel zu klein. Also half mir der Gemüsebauer Weiß vom Riedhof und lieh mir seinen Transporter.

          Das ist ein gutes Zeichen, dass der Zusammenhalt in der Gemeinschaft funktioniert.

          Es gibt allerdings auch weniger gute Nachrichten. Mich beunruhigt, dass sich nun „Querdenker“ in den Krisenregionen eingeschlichen haben und dort ihre Parolen verbreiten. Und auch der Katastrophentourismus erschreckt mich. Die Leute blockieren die Straßen und die LKWs, mit denen Hilfsmaterial geliefert wird, kommen nicht mehr durch. Oder nicht mehr hinaus. Es ist ja auch wichtig, den ganzen Unrat dort nun schnell wegzufahren, damit sich keine Ungeziefer und Ratten einnisten.

          Sind in dem Ort, in dem ihr Sohn lebt, auch Menschen ums Leben gekommen?

          Zum Glück nicht. Doch einen Mann hätte es beinahe erwischt. Er wäre von seinem Hof weggeschwemmt worden, wenn nicht jemand gekommen wäre, der ihn in letzter Sekunde gepackt und aus dem Wasser gezogen hat. Diesen Schreckensmoment durchlebt er nun ständig wieder. Die psychische Belastung ist groß, die Tränen kommen schnell. Andererseits ist er unglaublich glücklich darüber, noch am Leben zu sein. Der Grat zwischen Freud und Leid ist sehr klein geworden.

          Wie lange wird es dauern, bis die Region wieder auf die Beine kommt?

          Es wird noch viel Hilfe nötig sein. Ein Beispiel: Ich habe von einer Frau erfahren, die im Haus ihrer Großmutter lebte. Bei der Flut wurde die komplette Front des Hauses weggetragen. Das Gebäude musste sofort abgerissen werden. Wegen der Einsturzgefahr konnte sie nicht noch einmal ins Haus und hat nun alle persönlichen Dinge verloren. Alles ist weg, die Frau steht vor dem Nichts. Es wurden Spenden für sie gesammelt und innerhalb kürzester Zeit kamen 12.000 Euro zusammen. Doch das Geld reicht gerade einmal, um für die Abrisskosten aufzukommen. Es werden Milliarden benötigt, um den Menschen zu helfen.

          Viele sehen die Überschwemmungen als Weckruf, dass mehr unternommen werden muss, um den Klimawandel zu bremsen.

          Gott hat zu uns gesagt: Macht euch die Erde untertan! Mit anderen Worten: Geht sorgsam mit ihr um. Ich sehe diese Katastrophe deshalb auch als eine Mahnung Gottes, eine Ermahnung an den Menschen: Wir tragen die Verantwortung für den Erhalt dieser Erde.

          Gibt es in den Krisenregionen überhaupt die Chance für einen Neubeginn? Oder zieht es die Menschen nun weg?

          Das glaube ich nicht. Auch mein Sohn hat jetzt gesagt: Wir bleiben hier, wir bauen das wieder auf. Das ist etwas, das man nun von vielen hört: Das ist unsere Heimat, die lassen wir nicht im Stich.

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