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Flughafenausbau : Risikoanalyse: "Fall Ticona" vor neuer Bewertung

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In die verhärtete Auseinandersetzung, ob der Frankfurter Flughafen um eine Landebahn in der Nähe des Chemiewerks Ticona erweitert werden kann, kommt Bewegung. Als Katalysator wirkt ein neues Gutachten des TÜV Pfalz.

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          In die verhärtete Auseinandersetzung, ob der Frankfurter Flughafen um eine Landebahn in der Nähe des Chemiewerks Ticona erweitert werden kann, kommt Bewegung. Als Katalysator wirkt ein neues Gutachten des TÜV Pfalz. Es soll einschätzen, wie hoch das Absturzrisiko bei den gegenwärtig rund 58000 Flügen im Jahr über die Produktionsanlagen sei, und die Folgen eines möglichen Crashs beschreiben. Nach vorläufigen Berechnungen geben die Experten aus Kaiserslautern die Wahrscheinlichkeit mit maximal einem Absturz in 22500 Jahren an; unter Berücksichtigung günstiger Umstände sei nur alle 62000 Jahre mit diesem Ereignis zu rechnen. Was manchen als eher theoretisches Risiko erscheint, ist etwa dem sogenannten Erwartungswert gleichzusetzen, den die Störfallkommission Anfang des Jahres für die geplante Landebahn ermittelt und als nicht akzeptabel hoch eingestuft hatte. Damit rückt der "Ist-Zustand" des Flugbetriebs in den Blickpunkt. Und damit verstärkt sich auch die Grundsatzfrage, ob überhaupt ein Flughafen und eine mit toxischen Stoffen arbeitende Industrie in unmittelbarer Nachbarschaft existieren können.

          Laut einer Protokollnotiz, die das Ergebnis der TÜV-Studie im wesentlichen vorwegnimmt, würde ein "Treffer" der Produktionsanlagen zu einem "Totalverlust" führen. In einem solchen Fall, so die Erwartung der Störfall-Kommission, sei mit mehr als hundert Toten unter den Mitarbeitern von Ticona und aufgrund der Lagerung gefährlicher Stoffe wie Bortrifluorid auf dem Werksgelände auch mit einer erheblichen Gefährdung der Bevölkerung zu rechnen.

          Die Schwankungsbreite des Risikos erklären die Sachverständigen vom TÜV Pfalz mit den örtlichen Verhältnissen im Kelsterbacher Gewerbegebiet. Falls bei einem Absturz die neben Ticona verlaufende ICE-Trasse und die Autobahn als "Barriere" wirkten, wären die Auswirkungen auf das Werksgelände verhältnismäßig gering. Dieses Gebiet müßte daher nicht für die Betrachtung verheerender Schäden einbezogen werden.

          Das Gutachten, das entgegen anderslautenden Meldungen in seiner Endfassung noch nicht vorliegt, ist kein weiteres in der Serie der Ausbauplanung, die unter Verantwortung des Wirtschaftsministeriums betrieben wird. Die Expertise wurde vielmehr vom hessischen Umweltministerium in Auftrag gegeben. Hintergrund ist der schon vor geraumer Zeit gestellte Antrag des Chemiewerks, die Produktion des Stoffes Hostaform von derzeit 83000 auf 130000 Tonnen im Jahr ausweiten zu dürfen. Die Anlagen sind nach einer sogenannten Vorabgenehmigung bereits errichtet, rund 25 Millionen Euro hat der Mutterkonzern Celanese investiert. Die Betriebserlaubnis steht aber noch aus, nicht zuletzt, weil die Diskussion um die Konsequenzen eines Flugzeugabsturzes in den vergangenen Monaten an Intensität gewonnen hat.

          Zumindest mittelbar wird daher die Einschätzung des aktuellen Absturzrisikos die Ausbaupläne beeinflussen. Schon der Hessische Verwaltungsgerichtshof hatte in seiner Entscheidung, mit der er den Landesentwicklungplan insoweit für nichtig erklärte, soweit er die Flughafenerweiterung thematisiert, verlangt, die Gefahrenpotentiale des "Ist-Zustands" und der Situation nach dem Bau einer neuen Landebahn müßten gegeneinander abgewogen werden.

          Bis zum Jahresende soll der Entwurf eines neuen Landesentwicklungsplans vorliegen - das Gutachten des TÜV Pfalz könnte dabei einige Koordinaten verschieben. Bisher stritten sich nämlich Fraport und Celanese ohne verläßliche Daten darüber, ob - wie der Flughafenbetreiber behauptet - die Gefährdung des Chemiewerks nach Errichtung der Landebahn im Kelsterbacher Wald insgesamt sogar zurückgehe. Fraport begründet diese Auffassung mit veränderten Betriebsabläufen, welche die Zahl der Flüge über Ticona nach Starts stark reduzieren würden.

          Die Störfallkommission, eigentlich nur mit einer Risikoanalyse der Ausbaupläne beauftragt, hatte in ihrer Empfehlung auch den Status quo in Frage gestellt und gefordert, die Abflugrouten Richtung Norden in einem Bogen südwestlich um Ticona herum zu führen. Die Experten vom TÜV Pfalz greifen in der Projektnotiz diesen Gedanken auf: Nur mit einer Verschiebung der Route um mindestens 500 Meter sei das Absturzrisiko auf einen Wert von einem "Treffer" in 100000 Jahren zu senken - eine Gefahr, die auch nach internationalen Maßstäben akzeptabel wäre.

          Erwartungen freilich, relativ kurzfristig würden, wenn das Gutachten aus Kaiserslautern mit dem erwarteten Ergebnis vorliege, die über Ticona führende Routen der Nordatlantikflüge geändert, dämpft die Deutsche Flugsicherung in Langen. Nach den Worten von Sprecher Axel Raab ist man gerade dabei, die nördliche Abflugroute in Richtung des Orientierungspunkts Tabum mit Blick auf die Belastung der Bevölkerung im Taunus zu verändern. Eine weitere Revision dieser Linie sei auf absehbare Zeit nicht möglich. (hs.)

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