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Flughafen : Schläfer am Airport

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Lauschiges Plätzchen: Die Liegesessel im Frankfurter Transitbereich werden nachts zu Schlafplätzen Bild: F.A.Z. - Kaufhold

Im Internet geben Reisende Tipps zum Schlafen auf Flughäfen. Die Betreiber in Frankfurt und Hahn sind tolerant - sie stören sich nicht einmal an Zechgelagen und Matratzenlagern.

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          Die schummrige Ecke mit den gemütlichen Sesseln hatte er schon bemerkt, als er zum Gate gerannt war. Dort hatte die Frau am Schalter nur noch mit den Achseln gezuckt: Der Flieger nach Atlanta war weg. Da war es elf Uhr am Vormittag gewesen.

          Inzwischen ist es zwölf Uhr nachts, und Norman Erfurt hat es sich längst auf dem Liegestuhl bequem gemacht - gestrandet im Transitbereich des Frankfurter Flughafens, in einem Aufenthaltsraum irgendwo zwischen den Flugsteigen B und C. Die nächste Maschine geht erst morgen früh um Viertel nach zehn. „Ich bin das schon gewohnt“, sagt der Berliner gelassen. Er studiert in der Nähe von New Orleans. Schon im vergangenen Frühjahr hatte er, vom Flughafen Tegel kommend, in Frankfurt seinen Anschlussflug verpasst. Jetzt hofft er auf einige Stunden Schlaf.

          Schlaftauglichkeit der Airports

          Wie Norman Erfurt geht es jährlich Tausenden von Reisenden in Frankfurt. Geplant oder ungeplant verbringen sie die Nacht am Flughafen - auf dem Boden oder in Schalensesseln, bei Lärm und grellem Neonlicht. Hotels sind meist teuer und viele Reisende haben wenig Geld. Hier zwischen den beiden Flugsteigen haben sich mit dem Berliner rund dreißig Passagiere niedergelassen - Asiaten, Afrikaner, Europäer.

          Es gibt Sessel mit Armlehne und Fußablage, das Licht ist etwas gedimmt, und sogar ein paar Getränkeautomaten finden sich in der Nähe. „Mein Lieblingsplatz“, sagt Anna Stankova. Die Bulgarin, die ebenfalls in den Vereinigten Staaten studiert, hat schon öfter hier übernachtet und ist mit Schlafsack und Augenbinde ausgerüstet. Vor allem sicher sei es hier, meint sie. Auch Frauen bräuchten keine Angst zu haben. Nur gelegentlich werden Passagiere durch Bohrerlärm oder nächtliche Durchsagen aus dem Schlaf gerissen. Ein lauschiges Plätzchen also - für Flughafenverhältnisse.

          Schlafstätten wie die im Frankfurter Transitbereich sind seit einiger Zeit auch Thema im weltweiten Datennetz. Auf der Internetseite www.sleepinginairports.net geben Reisende Tipps, wo man die Nacht auf Flughäfen erträglich verbringen kann. Außerdem können Nutzer der Seite die Schlaftauglichkeit einzelner Airports bewerten. Note 5 bedeutet soviel wie „äußerst empfehlenswert“ - gewissermaßen die Luxusklasse unter den Flughäfen. Note 1 bekommen Orte, deren Komfort eher dem unter einer Mainbrücke ähnelt. Mit einer durchschnittlichen Bewertung von 3,2 liegt der Frankfurter Flughafen weltweit im oberen Mittelfeld. Spitzenreiter ist Singapur mit einem Wert von 4,2, Schlusslicht der Moskauer Flughafen Sheremetyevo, der es nur auf die Note 2,0 bringt.

          Nachtruhe im Wickelraum

          Die Kreativität beim Aufspüren geeigneter Ruheplätze ist enorm, auch in Frankfurt. Eine Nutzerin, die im Netz den Namen „Anastasia“ führt und sich als „first-time airport sleeper“ zu erkennen gibt, schwärmt von einem Wickelraum in der Nähe einer Toilette. Der sei warm und dunkel gewesen, schreibt sie. Die Nacht war aber dennoch eher ungemütlich. Sie habe zunächst auf einem fest installierten Holzstuhl gesessen und den Kopf an die Wand gelehnt, später sei sie auf die Wickelkommode umgezogen und habe den Kopf einfach baumeln lassen, schreibt „Anastasia“. Und am frühen Morgen sei sie dann noch von einer Putzfrau gestört worden, die sich aber nach einigem Hin und Her bereit erklärt habe, später wiederzukommen.

          Der Benutzer „megz4716“ hat ebenfalls Interessantes zu berichten. Obwohl er noch niemals am Frankfurter Flughafen gelandet oder abgeflogen sei, habe er schon viermal dort übernachtet. Vor einigen Wochen reiste er aus Wien an, um Freunde abzuholen, die in Frankfurt landeten.

          Allerdings flogen die „stand by“ - warteten also noch irgendwo auf die nächsten freien Plätze. Die boten sich aber erst fünf Tage später. Für „megz4716“ kein Problem. Er suchte sich ein gemütliches Plätzchen unter der rasselnden Anzeigetafel und verbrachte dort ein paar Nächte. Tagsüber stand Sightseeing in Frankfurt und Umgebung auf dem Programm. Einzige Kritik des Urlaubers: Eine Dusche konnte er weit und breit nicht finden.

          Niemand muss im teuren Hotel übernachten

          Für die Betreiber von Flughäfen stellen Leute wie „Anastasia“ und „megz4716“ kein größeres Problem dar. Auch wenn Dauergäste ohne Ticket nicht geduldet werden. „Wir gehen davon aus, dass hier nur Fluggäste schlafen“, sagt Harald Stein, der als Terminal Manager der Fraport AG auf dem gesamten Flughafen nach dem Rechten sieht.

          Wer kein Ticket hat, muss draußen übernachten - zumindest wenn er erwischt wird. Passagiere dürfen sich nach Steins Worten nachts fast ohne Einschränkung ausbreiten. „Solange es die Sicherheit nicht gefährdet, können die sich hier einen schönen Abend machen.“ Selbst größere Gruppen russischer Gäste mit reichlich Wodka im Gepäck lässt der Terminal Manager gewähren. „Um elf lassen die sich nieder, um zwei sind sie besonders gut drauf, und um vier liegen sie da und schlafen friedlich.“

          Ähnlich tolerant sind die Betreiber des Flughafens Frankfurt-Hahn. Ganze Matratzenlager mit Isomatten werden dort in der Regel akzeptiert. „Wir wissen ja, dass wir ein Flughafen für Low-Budget-Reisende sind“, sagt der Betriebsleiter des Terminals, Petrus Dikken. Niemand müsse im teuren Hotel übernachten. Zuweilen geht die „Nomaden-Mentalität“ aber auch ihm zu weit. Vor einiger Zeit habe sich zum Beispiel ein junges Pärchen auf der Besucherterrasse häuslich eingerichtet. Das Problem sei aber nicht einmal gewesen, dass die beiden sich ein Zelt aufgebaut hätten, berichtet Dikken. „Die haben dabei auch noch den Notausgang blockiert.“

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