https://www.faz.net/aktuell/rhein-main/frankfurt/flughafen-frankfurt-keine-besserung-bei-der-abfertigung-in-sicht-18153145.html

Chaos in Frankfurt : Keine Besserung am Flughafen in Sicht

Fluggäste stehen in der Schlange zum Sicherheitscheck am Frankfurter Flughafen am 2. Juli 2022 Bild: AP

Am Frankfurter Flughafen arbeiten laut Fraport-Chef Schulte alle Beschäftigten derzeit „am Limit“. Schuld an der aktuellen Lage sei die unerwartet schnelle Rückkehr der Flugreisenden. Besserung sei vorerst nicht in Sicht.

          2 Min.

          Mit teils stundenlangen Wartezeiten beim Check-In, in der Gepäckausgabe und bei anderen Prozessen werden Reisende am Frankfurter Flughafen auch in den nächsten Monaten weiter rechnen müssen. Das hat Stefan Schulte, der Vorstandsvorsitzende des Flughafenbetreibers Fraport AG, am Dienstagabend vor Journalisten gesagt. „Das ärgert uns selbst am meisten“, so Schulte. Die Abläufe am Flughafen seien derzeit nicht gut, und sie würden auch in diesem Jahr wahrscheinlich nicht mehr besser werden. „Es rumpelt im Moment an vielen Stellen, und es wird erst einmal auch weiter so sein“, fügte der Flughafenchef hinzu und entschuldige er sich bei allen Betroffenen.

          Jochen Remmert
          Flughafenredakteur und Korrespondent Rhein-Main-Süd.

          Als Grund für die aktuell schwierige Lage nannte Schulte die unerwartet schnelle Rückkehr der Flugreisenden, nachdem der Flugverkehr zu Beginn der Pandemie zeitweise vollkommen eingestellt worden sei. Noch vor dem Personalabbau mit einem umfangreichen Abfindungsprogramm habe man gerade in den Bodenverkehrsdiensten schon zahlreiche Mitarbeiter verloren. Denn gerade die Arbeit für gering qualifizierte Kräfte sei nur dann finanziell interessant, wenn diese ihr Grundentgelt durch Schichtzulagen und dergleichen aufbessern könnten. Im Fall von Kurzarbeit, die man schnell nach Beginn der Pandemie genutzt habe, würden aber naturgemäß keine Zulagen gezahlt, wobei Fraport das Kurzarbeitergeld aufgestockt habe.

          Keine Prämie für Verlassen des Unternehmens

          Alles in allem hatte Fraport im Spätherbst 2020 den Abbau von rund 4000 Arbeitsplätzen eingeleitet, teils ließ der Konzern befristete Verträge auslaufen, teils erhielten Mitarbeiter Prämien, wenn sie bereit waren, das Unternehmen zu verlassen. Die Personalkosten sollten so um 250 Millionen Euro im Jahr reduziert werden. Dabei wurden rund 2200 Stellen in der Konzernmutter gestrichen und rund 1800 bei den Töchtern, vor allem bei der Bodenverkehrsdienst-Gesellschaft Fra-Ground. Allerdings ist die von der Branche erhoffte Nachfragesteigerung laut Schulte nun so schnell und so stark eingetreten, dass Fraport mit den Hochfahren des komplexen Flughafen-Systems am größten deutschen Luftverkehrsdrehkreuz im Moment nicht so nachkommen könne, wie man es gerne möchte. Inzwischen zahlt Fraport keine Prämien mehr für das Verlassen des Unternehmens, sondern 2000 Euro Antrittsprämie für alle, die das Risiko auf sich nehmen, nur dann auch einen Job zu bekommen, wenn sie die erforderliche  Zuverlässigkeitsprüfung erfolgreich absolvieren. 

          Für die verbliebenen Flugzeugabfertiger habe es zudem gerade in kürzester Zeit einem Tarifabschluss mit einer Entgelterhöhung um 14 Prozent gegeben. Schulte hob weiter hervor, dass man schon seit dem Sommer vergangenen Jahres, als erstmals ein unerwartet hohes Passagieraufkommen zu beobachten war, rund 1000 Mitarbeiter vor allem für die Abfertigung eingestellt habe. Dennoch sei nicht zu leugnen, dass auch er nicht damit gerechnet habe, dass man wieder so schnell 80 bis 85 Prozent des Vorkrisenniveaus erreichen würde. Inzwischen liege man tageweise auf  dem Niveau der Spitzenzeiten vor Corona oder gar darüber. Um den Flughafen nicht zum Kollabieren zu bringen, wurden nach seinen Worten auch immer wieder Flüge aus dem Flugplan genommen. Der Konzernchef bedankte sich ausdrücklich bei der Belegschaft, die Sonderschichten fahre und derzeit  an der Belastungsgrenze arbeite.

          Weitere Steigerung in 2023

          „Alle sind im Moment am Limit“, sagte Schulte und fügte hinzu, dass das den Sommer über auch so bleiben werde, weil man frühestens im Spätsommer neue Kräfte, teils auch aus dem Ausland, werde einsetzen können. Bisher habe man in Frankfurt trotz aller nicht zu leugnenden Schwierigkeiten immerhin das ganz große Chaos verhindern können, das in diesem Jahr schon auf anderen Flughäfen zu beobachten gewesen sei. Gerade auf die Kräfte aus dem Ausland werden nach Schultes Ansicht die deutschen Flughäfen und die deutsche Wirtschaft insgesamt in Zukunft angewiesen sein. Der Personalbedarf etlicher Branchen sei am deutschen Arbeitsmarkt nicht mehr zu decken.

          Was den Frankfurter Flughafen betrifft, spricht Schulte zufolge vieles dafür, dass für das nächste Jahr noch höhere Passagierzahlen zu erwarten seien. Der Flughafenbetreiber dürfte also weiter gezwungen sein, mit allen Mitteln weiteres Personal zu rekrutieren, um den Sommer 2023 ohne Chaos am größten deutschen Airport zu überstehen. 

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          Männertrio: Habeck, Scholz und Lindner (v.l.n.r.) im Mai in Meseberg.

          Koalition in Krisenzeiten : Die Fortschritte der Ampel

          Trotz Krieg und Krise hält Kanzler Scholz an seinem Optimismus fest. Aber Fortschritte im Kleinen sind etwas ganz anderes als Fortschritt im Ganzen.
          Selbstironie, noch in der schlimmsten Lage: Salman Rushdie

          Attentat auf Salman Rushdie : Fatwa, unfassbar

          Salman Rushdie hatte nach dem Mordaufruf gegen ihn jahrzehntelang versucht, dem Fatalismus zu entrinnen und Freiheit zurückzugewinnen – in der Fiktion und im Leben. Das Attentat auf ihn zeigt die Grausamkeit der Realität.
          Schüler in der deutschen evangelisch-lutherischen Schule Talitha Kumi in der Westbank

          Israel und Palästina : Eine neue Mauer

          Israel will mit einer neuen Verordnung die Einreise von Ausländern in die Westbank erschweren. Das betrifft auch deutsche Lektoren und deutsche Lehrer.
          Schwaches Bild von sich selbst: Wer unter dem Impostor-Syndrom leidet, traut seiner eigenen Berufsbiographie nicht über den Weg.

          Impostor-Syndrom : Wenn man sich niemals gut genug fühlt

          Ein geringes Selbstwertgefühl kann im Beruf dazu führen, dass Hochqualifizierte denken, ihre Stellung gar nicht verdient zu haben. Das Phänomen hat einen Namen: Impostor-Syndrom. Doch was können Betroffene dagegen unternehmen?

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Sie können bis zu 5 Newsletter gleichzeitig auswählen Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.