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Flüchtlingsunterkünfte : Orte des Ankommens

Überall ein Spielplatz: Ein Mädchen spielt Verstecken im Garten einer Notunterkunft für Geflüchtete. Bild: Frank Rumpenhorst

Viele der Unterkünfte, die Frankfurt Geflüchteten aus aller Welt anbietet, sind nur provisorisch. Es geht aber auch besser.

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          Wie soll eine Stadt wie Frankfurt, in der Wohnraum oh­nehin ein knappes Gut ist, plötzlich 10.000 Menschen zusätzlich unterbringen? So viele sind vor dem Krieg in der Ukraine in die Main-Metropole geflohen und wollen auf absehbare Zeit hier bleiben. Tausende kamen privat unter, aber mehr als 7000 kennen niemanden in der Stadt. Obwohl der Wohnungsmarkt leer gefegt zu sein scheint: Sie alle haben ein Dach über dem Kopf bekommen. Dabei sorgt Frankfurt auch noch für 4000 Geflüchtete aus anderen Ländern, die zum Teil schon seit Jahren hier sind. Die Bandbreite der Unterkünfte, welche die Stadt den Schutzsuchenden zur Verfügung stellt, ist groß, sie reicht von einfachen Notunterkünften, meist Sporthallen, über vorübergehend ge­mietete einfache Hotelzimmer bis hin zu eigens errichteten Wohnblöcken.

          Monika Ganster
          Redakteurin in der Rhein-Main-Zeitung.

          Im Norden Frankfurts hat die Diakonie zwei Hallen vom Roten Kreuz übernommen, um dort kurzfristig 304 Menschen, die aus der Ukraine geflohen sind, unterbringen zu können. Mit senkrecht hängenden Netzen und Planen sind Kabinen für Familien abgeteilt worden, die zwar neugierige Blicke, aber nicht die Stimmen und Geräusche der Nachbarn ab­schirmen. Tagsüber sind die Hallen daher leer, nur Kinder spielen Fangen in den Kabinengängen. Ein Security-Mitarbeiter in Uniform patrouilliert in der Eingangshalle.

          Der Speisesaal ist ein abgetrennter Teil der großen Halle, in der Bänke und Klapptische aufgestellt wurden. Alles hat den schlichten Charme einer älteren Ju­gendherberge. Aber die Diakonie versucht mit einem Kinderspielraum, Deutsch­unterricht, Sportangeboten, mehr­­sprachiger Sozialberatung, psychologischer Gruppenbetreuung, ärztlicher Versorgung und einem Andachtsraum mit Ikonen, den Menschen mehr als eine Behausung zu bieten. Das warme Frühlingswetter erlaubt Spaziergänge und ei­ne Pause auf Bierbänken im Garten. Die Blicke der Erwachsenen scheinen nach innen gerichtet zu sein. Sie sitzen still vor ihren Smartphones, wenn gesprochen wird, nur leise. Hier leben auch einige Somalier oder Afghanen, sogenannte Drittstaatler, die in Kiew oder Charkiw gearbeitet oder studiert hatten und mit den Ukrainern vor dem russischen An­griff in den Westen geflohen sind.

          In ganz Frankfurt gibt es fast ein Dutzend solcher Hallen, die von der Caritas, der Diakonie, dem Deutschen Roten Kreuz oder dem Arbeiter-Samariter-Bund (ASB) im Auftrag der Stadt betrieben werden. Bei einer Führung zu verschiedenen Einrichtungen dieser Art erklärt Karin Wenzel, stellvertretende Leiterin der Stabsstelle Unterbringungsmanagement, die vier Arten der Unterbringung. Für alle Neuankömmlinge ist eine Halle wie jene der Diakonie die erste Stufe einer Treppe, die nach und nach zu besseren Wohnungen führt. „Alles andere wäre auch nicht fair gegenüber denen, die schon seit Jahren da sind“, sagt Wenzel.

          Auf Stufe zwei stehen Unterkünfte, in denen zum Beispiel ein Kochzelt oder Doppelzimmer vorhanden sind. Das selbständige Kochen, hebt Wenzel hervor, sei den Schutzsuchenden enorm wichtig, es gehöre zur Identität, es beschäftige die Menschen, es verbinde mit dem Herkunftsland. Daher sei die Unterbringung in Hotels oft schwierig, weil sich die Menschen nicht selbst verpflegen könnten. Hotelzimmer werden nach den dürren Pandemiejahren wieder stärker von Reisenden nachgefragt. Dann werden die Geflüchteten in Einzelfällen auch mal ab­rupt ausgeladen, manchmal binnen weniger Tage. Dann muss das Sozialamt wieder umschichten, umplanen, neu ordnen.

          Frankfurt hat bereits so viele Geflüchtete aufgenommen, dass die Stadt in den nächsten Monaten keine weiteren Personen über den offiziellen Verteilschlüssel des Landes zugewiesen bekommen wird, berichtet Sozialdezernentin Elke Voitl (Die Grünen). „Das ist eine Verschnaufpause, die uns sehr gelegen kommt“. Eine Pause, in der weiter geplant wird. Neun Neubauprojekte für Übergangsunterkünfte seien in der Planung, vier be­stehende Unterkünfte sollten ausgebaut werden, und sechs bestehende Gebäude und Hotels könnten umgenutzt werden, zählt die Dezernentin auf.

          Der ASB hat bereits zum Jahreswechsel ein Appartementhotel für Schutz­suchende eingerichtet. Dort sind hauptsächlich syrische und afghanische Fa­milien untergebracht. Die ab­schließ­baren Wohneinheiten bilden die Stufe drei der städtischen Einteilung, ähnlich der mo­bilen Holzmodule, die am ehe­maligen Flughafen Bonames eingesetzt wurden.

          Im Süden der Stadt hat die AGB drei Wohnblöcke errichtet, mit schlichten aber modernen, hellen Zwei- und Drei-Zimmer-Wohnungen. Sie wirken allerdings nur so lange großzügig, bis man erfährt, dass sich fünf Personen drei Zimmer teilen werden. Noch sind nicht alle bezogen, weil der Neubau erst zum Jahresanfang fertig wurde. Wer dort einziehen kann, hat Jahre in Notunterkünften hinter sich, hat Enge, fehlende Privatsphäre, Lärm und manchmal auch einen ungewissen rechtlichen Aufenthaltsstatus aushalten müssen. Daher wohnen dort viele syrische Familien sowie Eritreer, Rumänen, Afghanen, aber auch deutsche und spanische Familien in prekären Verhältnissen. Auf der Ra­senfläche vor dem Haus spielen fünf Mädchen unterschiedlicher Herkunft fröhlich miteinander, sie alle sprechen fließend Deutsch, gehen in der Umgebung zur Schule.

          Diese Art von Wohnungen würde sich Voitl für viel mehr Schutzsuchende im Sinne einer guten Integration wünschen. „Jede für Geflüchtete gebaute Unterkunft mit gutem Standard und abgeschlossenen Wohneinheiten kann umgewidmet werden, wenn wir sie nicht mehr brauchen“, sagt sie. Damit stünde allen Frankfurtern mehr Wohnraum zur Verfügung.

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