https://www.faz.net/-gzg-6lanx

Feuerwehr : „Wer hier einen Fehler macht, fällt richtig tief“

  • -Aktualisiert am

Kraftakt: Rund fünfzehn Meter geht es in die Tiefe. Doch das darf angehende Feuerwehrmänner nicht beeindrucken. Bild: Nora Klein

Angehende Feuerwehrmänner müssen mehr können als nur Brände löschen. Vor allem müssen sie unbedingt schwindelfrei sein und sich auch in gefährlichen und heiklen Situationen sicher in großen Höhen bewegen können.

          Ein riesiger dunkler Schacht. Hundert Meter hoch, fünfzig Meter breit. Nichts als Stein und Stahl. Und Kai Öhlschlegel steht mittendrin. Er ist nicht allzu groß, eher schlank. Einer, der eigentlich Bankkaufmann ist, jetzt aber lieber Feuerwehrmann werden will. Er atmet einmal tief durch, dann ein zweites Mal. Langsam geht ihm auf, dass ein Heizkraftwerk doch etwas anderes ist als das Übungsgelände der Feuerwache. „Wenn man hier einen Fehler macht, fällt man tief. Und zwar so richtig.“

          Es ist kurz nach neun am Morgen. Öhlschlegel ist im Mannschaftsbus mit etwa zwanzig Kollegen zum Heizkraftwerk an die Gutleutstraße gefahren worden. Sie haben gemeinsam gefrühstückt, in der Betriebskantine, dem scheinbar einzigen Raum in diesem riesigen, steinernen Labyrinth, in dem das sonore Brummen der Heizkraftanlage nicht zu hören ist. Es gab Wurstbrötchen und Milch.

          „Der Klassiker sind Dacharbeiten“

          Aber nun steht Kai Öhlschlegel auf der vierten Empore, in etwa fünfzehn Meter Höhe, und lauscht den Anweisungen von Feuerwehrausbilder Georg Schmidt. Die Aufgabe lautet, auf dem schmalen Sims entlang der Brüstung zu balancieren, einmal rund ums Karree. Natürlich gesichert, mit Seilen und Karabinerhaken, die schon griffbereit auf dem Boden liegen. Haken und Ösen in unterschiedlichen Größen. „Auf, Männer“, ruft Schmidt.

          Einsatzbesprechung: Feuerwehrausbilder Georg Schmidt erklärt seiner Mannschaft die Aufgabe. In der Hand hält er einen großen Karabinerhaken.

          Er weiß nur zu gut, wie wichtig die Ausbildung im Klettern und Sichern ist. Gerade bei Einsätzen, bei denen diese Fähigkeiten gefragt sind, kommt es immer wieder zu Unfällen. „Der Klassiker sind Dacharbeiten.“ Lockern sich Ziegel bei einem Sturm, wird die Feuerwehr gerufen, um die Ziegel zu entfernen. Je nach Dachkonstruktion ist das eine mitunter lebensgefährliche Aufgabe. „Wenn man dann mal einen Moment nicht aufpasst, passieren schnell Fehler mit manchmal fatalen Folgen.“ Deshalb schärft er seinen Männern an diesem Morgen ein, sich zu konzentrieren. Das sei das Wichtigste, sagt Schmidt.

          „Nicht zu locker und nicht zu fest“

          Als der Erste über die klapprige Brüstung steigt, auf den schmalen Sims, mit dem Rücken zum Abgrund, atmet Öhlschlegel wieder tief durch. Vor ein paar Minuten haben die Männer noch Witze gerissen und rumgealbert. Dann sind sie von einem Moment auf den anderen still geworden. Jetzt sind sie ernst und betonen jedes Wort, das sie einander zurufen. Denn jetzt muss sich jeder hundertprozentig auf den anderen verlassen können.

          Kai Öhlschlegel soll den Kollegen, der nun als Erster die Brüstung entlangklettert, sichern. Er nimmt das etwa zwanzig Meter lange Seil, das zusammengerollt auf dem Boden liegt, auf und knotet es um einen Mast, der ihm stabil genug erscheint, um notfalls auch 90 Kilogramm Gewicht zu halten. Dann nimmt er das Tau in die Hand, um seinen Kollegen zu führen. Der hat bereits den ersten Karabinerhaken gesetzt. Als Metall auf Metall schlägt, macht es laut „Klonk“ – ein Geräusch, das die Männer von nun an bis zum Nachmittag begleiten wird. „Noch mehr Seil“, ruft der Feuerwehrmann, und Öhlschlegel zieht von hinten nach. „Nicht zu locker und nicht zu fest“, sagt Georg Schmidt, der jeden Schritt verfolgt. Immer weitere Karabinerhaken werden gesetzt, schließlich ist der erste Teil der Übung geschafft. Kai Öhlschlegel entspannt sich, als sein Kollege wohlbehalten wieder über die Brüstung steigt. Dann ist er selbst an der Reihe.

          Immer nur kurze Anweisungen

          Nein, aufgeregt sei er eigentlich nicht, sagt er, „eher konzentriert-angespannt“. Öhlschlegel erinnert sich an die Trockenübung, die die Männer während des Unterrichts auf der Feuerwache gemacht haben: Dabei haben sie gelernt, wie man die Karabinerhaken setzen muss, um durch das Seil immer abgesichert zu sein. Der Körper muss immer irgendwo fixiert sein, damit die Hände frei sind, um zu arbeiten.

          Nun versucht Öhlschlegel, sich die einzelnen Schritte ins Gedächnis zu rufen. Eine Hand an der Brüstung, die andere am Gurt, wo die kleinen Karabinerhaken hängen, legt er los. Er arbeitet sich zügig vor, Meter für Meter. Dabei ist er so konzentriert, dass er seinem Kollegen, der jetzt ihn sichert, immer nur kurze präzise Anweisungen gibt. „Mehr Seil“, ruft er. Dann macht er weiter, Schritt für Schritt, immer den schmalen Vorsprung entlang.

          Ein kleiner Fehler und es geht drei Meter in die Tiefe

          Weitere Themen

          Nur ein Griff fehlt

          WM im Sportklettern : Nur ein Griff fehlt

          Alexander Megos gewinnt bei der Kletter-WM in Japan die Silbermedaille in der Disziplin Lead. Als Bester nach dem Halbfinale fehlte dem 26-Jährigen im Finale nur ein Griff zum Sieg.

          Topmeldungen

          Sowohl Trump als auch Johnson winken mit ihrem zerstörerischen Potential. Nur schätzen sie ihre Position falsch ein.

          Schwäche der EU? : Boris Trump

          Sowohl Trump als auch Johnson verschätzen sich: Man kann aus den Wechselbeziehungen der globalisierten Welt nicht in Trotzecken fliehen und dabei nachhaltige Gewinne machen. Europa ist da in einer stärkeren Position.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.