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Diesel-Fahrverbot : „Frankfurt ist als Ziel austauschbar“

  • -Aktualisiert am

Alle Diesel: Fernbusse in Frankfurt. Bild: dpa

Anfang September hatte das Wiesbadener Verwaltungsgericht entschieden, dass in Frankfurt ein Dieselverbot verhängt werden muss. Viele Reisebusbetreiber drohen mit einem Rückzug aus der Stadt.

          Zumindest der Marktführer macht sich keine Sorgen: Wer regelmäßig mit Fernbussen von oder nach Frankfurt fährt, könne dies auch im Falle eines Fahrverbots für ältere Dieselfahrzeuge weiterhin tun, heiß es. Denn die allermeisten Fahrzeuge in der Flotte des Flixbus-Betreibers Flixmobility erfüllten schon heute die notwendige Euro-6-Abgasnorm. Wie ein Sprecher des Unternehmens sagte, dürften mehr als 90 Prozent der eingesetzten Busse auch bei einem möglichen Fahrverbotes weiter die zentrale Haltestelle am Hauptbahnhof anfahren. Und das sind nicht wenige: Rund 180 Busse täglich bringen Tausende Reisende in die Stadt oder von dort weg.

          Schwerer als der Branchenriese dürften es dagegen mittlere und kleine Reisebusunternehmen haben, sollte ein Fahrverbot kommen. Anfang September hatte das Wiesbadener Verwaltungsgericht entschieden, dass in Frankfurt ein Dieselverbot verhängt werden muss. Demnach sollen vom kommenden Herbst an Fahrzeuge, die nicht der Euro-6-Abgasnorm entsprechen, aus der Innenstadt verbannt werden. Das Verbot könnte für den Bereich der bisherigen Umweltzone gelten, die fast das gesamte Stadtgebiet zwischen den Autobahnen abdeckt.

          Nachrüstungen werden nicht favorisiert

          Ob es Ausnahmen für Busse geben wird, ist laut dem Frankfurter Verkehrsdezernent Klaus Oesterling bisher unklar. Man müsse abwarten, in welcher Form das Urteil des Wiesbadener Verwaltungsgerichts letztlich Bestand habe – das Land hat Rechtsmittel dagegen angekündigt. Zudem würde über eine mögliche Ausnahmeregelung die Landesregierung entscheiden, die Stadt Frankfurt habe dabei keine rechtlichen Möglichkeiten.

          Sollte es keine Ausnahmen für Reisebusse geben, müssten also die Reiseveranstalter andere Lösungen finden. Nachrüstungen, wie sie aktuell für Linienbusse diskutiert werden, wären für viele der Unternehmen nach eigenen Angaben nicht das Mittel der Wahl. Solche Nachrüstungen seien technisch kompliziert und eine hohe finanzielle Belastung, heißt es von Seiten der Busbetreiber. Die Hersteller selbst bieten gar keine Umrüstung an. Die Kosten dafür stünden in keinem Verhältnis zum Restwert, sagte ein Sprecher des Fahrzeugherstellers Evobus, der zu Daimler gehört.

          Investitionen sind nötig

          Auch der Konkurrent MAN, Teil des Volkswagen-Konzerns, plant keine eigene Nachrüstung, da das Unternehmen dafür keine Gewährleistung übernehmen könne. Die Autokonzerne wollen lieber, dass die alten Fahrzeuge durch neue ersetzt werden. Dagegen meinen Zuliefererfirmen wie Baumot oder HJS, sie könnten Busse nachrüsten, sobald dies für die jeweilige Modelle genehmigt sei. Die Kosten beliefen sich pro Fahrzeug auf 15.000 bis 20.000 Euro.

          „Wir müssten uns mehrere neue Busse kaufen. Was bleibt uns anderes übrig“, sagt Wolfgang Sehr vom Frankfurter Transportanbieter ETS. Das Unternehmen macht täglich mehrere Stadtrundfahrten in Frankfurt und hat außerdem Tagesausflüge im Angebot. Damit dies weiterhin möglich ist, müsste das Unternehmen kräftig investieren. Denn noch handele es sich bei der Hälfte der Busse um Fahrzeuge der Euro-5-Abgasnorm oder darunter.

          Das Ende der Sightseeing-Touren?

          Diese aufzurüsten ist für Wolfgang Sehr keine Option. Zu unsicher ist für ihn, ob eine solche Maßnahme langfristig reichen würde: „Da kaufen wir lieber neue Busse und haben Ruhe“, sagt Sehr, der sich über die drohende Diesel-Verbotszone ärgert. Schließlich dürften Fahrzeuge mit niedrigerer Abgasnorm weiterhin auf den Autobahnen rund um die Stadt fahren – und die schlechte Luft, glaubt er, ziehe dann in die Stadt hinein.

          Ein kleiner Trost für ihn: Die Doppeldeckerbusse, mit denen das Unternehmen die sogenannte Hop-On-Hop-Off-Tour anbietet, dürften weiterhin durch die Stadt. Sie alle erfüllen laut Sehr die geforderte Abgasnorm. Anders bei der Konkurrenz: Bei der Firma Frankfurt Sightseeing, die zur Autobus Oberbayern Gruppe gehört, erfüllen nur drei ihrer sieben roten Doppeldecker die Euro-6-Norm.

          Anteilsmäßig noch weniger sind es bei Kofler Reisen mit Sitz im Odenwald. Zehn Busse hat das Unternehmen; sollte die mögliche Verbotszone für Reisebusse gelten, dürften nur noch drei nach Frankfurt rein. Zwar kommt das Unternehmen pro Jahr nur auf etwa 40 Fahrten dorthin. Aber im Extremfall, sagt Christof Kern von Kofler Reisen, biete man dann keine Tagesreisen in die Stadt mehr an.

          Das könnte Schule machen bei anderen Busreiseveranstaltern, glaubt Dieter Gauf, Hauptgeschäftsführer des Bustouristikverbands RDA: „In Bezug auf Sehenswürdigkeiten ist Frankfurt für Busunternehmen als Ziel austauschbar.“ Langfristig, fürchtet Gauf, könnten Diesel-Verbote die gesamte Branche bedrohen. „Man muss bedenken, dass die Investitionen von gestern und heute auch die Finanzierung der Technik von morgen sind“, sagt Gauf. Die Finanzierung der teuren Fahrzeuge dauere mehrere Jahre, erst danach führen sie Geld für weitere Investitionen ein. Würden die Investitionszyklen durch kurzfristige Eingriffe des Gesetzgebers gestört, setze das die Firmen unter großen finanziellen Druck.

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