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Antisemitismusbeauftragter : Hessens Aufklärer und Ästhet

Der jüdischen Geistigkeit verpflichtet: Felix Semmelroth, Frankfurter Kulturdezernent von 2006 bis 2016. Bild: Wonge Bergmann

Felix Semmelroth hat als Antisemitismusbeauftragter der hessischen Landesregierung angefangen. Doch warum eignet sich gerade der ehemalige Frankfurter Kulturdezernent besonders gut für dieses Amt?

          Es hätte einen auch gewundert, wenn er tatsächlich nichts anderes vorgehabt hätte, als die Bücher zu lesen, die er sich immer schon einmal zu Gemüte führen wollte. Zwar hat seine Begeisterungsfähigkeit für gute Lektüre nicht nachgelassen, und es mag verlockend gewesen sein, sich ihr bis ans Ende seiner Tage in Ruhe zu widmen. Aber die Aufgabe abzulehnen, die ihm jetzt angetragen worden ist, hätte ihm nicht ähnlich gesehen.

          Michael Hierholzer

          Kulturredakteur der Rhein-Main-Zeitung.

          Felix Semmelroth, bis Ende Juni 2016 Kulturdezernent der Stadt Frankfurt, ist gewiss ein Homme de Lettres, ein literarischer Mensch, jemand, der geistige Genussfähigkeit besitzt und den ästhetischen Dingen allzeit zugeneigt ist, sei es im Theater, im Kino oder zu Hause im Sessel. Er hat aber auch einen ausgeprägten Gestaltungswillen und mehr Lust am politischen Handeln, als viele vermuten würden, die in ihm gern den Schöngeist und ausschließlich diesen gesehen haben.

          Glauben an die Kulturpolitik

          Ein schwieriges Feld ist die Kulturpolitik, der er sich auch schon vor seinem Stadtrats-Dasein mit Vorliebe gewidmet hat, allemal. Die Widerstände waren gewaltig, die ihm begegnet sind, vor allem wenn es galt, finanzielle Mittel zu verteilen: Noch immer steht unter Legitimationsdruck, wer Geld der öffentlichen Hand für die „freiwilligen Leistungen“ lockermachen möchte. Ihre Auswirkungen lassen sich nur bedingt messen.

          Die Besucherzahlen in den Museen oder Theatern sind das eine, ein anderes ist es, ob die ästhetische Bildung, die Verbesserung des Menschengeschlechts oder aber auch nur der Frankfurter Bürger mittels kulturpolitischer Unternehmungen gelingt oder nicht. Da kann man nichts ausrechnen.

          Vieles bleibt eine vage Hoffnung. Aber sie ist bei Felix Semmelroth auf Überzeugungen gebaut: Kultur bedeutet für ihn, Erfahrungen zu ermöglichen, die nichts mit Zwecken und Nutzen zu tun haben, sie ist für ihn die Voraussetzung, um überhaupt eine Persönlichkeit auszubilden und einem Gemeinwesen Leben einzuhauchen. An dieser Auffassung hat er nie Zweifel gelassen. Immer wieder äußerte er sie in Reden und bei anderen öffentlichen Auftritten. Und es waren sicherlich keine Lippenbekenntnisse.

          Gegen Antisemitismus

          Der Kulturbruch, den der Nationalsozialismus verursachte, hat ihn immer beschäftigt: Dies ist der Hintergrund, vor dem nicht nur die Kulturpolitik eines Hilmar Hoffmann erst verständlich wird, der aus eigener Erfahrung von den Verlockungen einer totalitären und grenzenlos vereinfachenden Weltsicht wusste, sondern auch das politische Handeln Semmelroths. Mit den Schrecken der Hitler-Zeit im Nacken, redete er stets eindringlich einer humanistischen, differenzierten, weltoffenen Kultur das Wort. Aufklärung ist für ihn kein leerer Begriff. Er glaubt fest an die Lernfähigkeit der Individuen.

          So ist es nicht gänzlich überraschend, dass er der Bitte der hessischen Landesregierung folgte, deren Beauftragter in Sachen Antisemitismus zu werden. Dieser Tage wird er seine Arbeit aufnehmen. Er soll Konzepte entwickeln, wie der neuerlich grassierenden Judenfeindlichkeit beizukommen ist. Gemeinsam mit den Jüdischen Gemeinden des Bundeslandes. Eine „ehrenvolle Aufgabe“, wie er es nennt.

          Und für ihn ist es wohl auch eine Genugtuung, dass ein CDU-Ministerpräsident sie ihm anvertraut, wo doch die Frankfurter Parteifreunde nicht gerade zimperlich mit ihm umgegangen sind. Was ihn dazu veranlasste, vorzeitig aus dem Amt des Kulturdezernenten zu scheiden.

          Der letzte Kulturkonservative

          Felix Semmelroth, 1949 in Kassel geboren, hatte aus seiner Enttäuschung keinen Hehl gemacht, als vor ziemlich genau zwei Jahren bei den Gesprächen der neuen Römer-Koalition die Frankfurter CDU den Posten des Kulturdezernenten der SPD als Morgengabe reichte. Die beiden Parteien formten damals mit den Grünen einen neuen Magistrat. Semmelroth hat sich, wie sich unschwer denken lässt, gewünscht, dass das Kulturressort weiter in den Händen der CDU geblieben wäre. Erstaunlicherweise hatte ausgerechnet er, der 2005 von der SPD zur CDU gewechselt war, den Status des letzten Kulturkonservativen unter den aktiven christdemokratischen Politikern der Stadt behauptet.

          Kein anderer hat so wie er für die Kultur als Garant einer friedlichen Stadtgesellschaft gefochten. Und sich für traditionsreiche Institutionen wie die Oper derart eingesetzt. Schon lange bevor er 2006 Dezernent wurde, zog er die kulturpolitischen Strippen hinter den Kulissen. Als Büroleiter der damaligen Oberbürgermeisterin Petra Roth von der CDU war er auch deren Kulturflüsterer und an wichtigen Entscheidungen, gerade wenn es die Städtischen Bühnen betraf, immer beteiligt.

          Während der damalige sozialdemokratische Kulturdezernent Hans-Bernhard Nordhoff einen spröden Ortsvereinscharme verbreitete, gab Semmelroth den Kulturbürger und Kunstkenner, den enthusiastischen Verfechter Frankfurts als Kultur- und gerade auch Literaturstadt. Es war konsequent, dass er, sobald sich eine grün-schwarze Koalition bildete, vom heimlichen zum tatsächlichen Kulturdezernenten aufstieg.

          Erfolge eines Realpolitikers

          Vorgesorgt hatte er mit dem Übertritt in die CDU, was ihm in seiner neuen politischen Heimat manch einer als Opportunismus ankreidete. Studiert hatte er Anglistik, Politikwissenschaft und Soziologie in Marburg, Manchester und London. Er arbeitete für Radio Bremen und war wissenschaftlicher Mitarbeiter an der Technischen Hochschule Darmstadt. 1998 wurde er dort Honorarprofessor am Institut für Sprach- und Literaturwissenschaft. 1989 hatte der damalige Kulturdezernent Hilmar Hoffmann ihn als Referenten für Literatur und Grundsatzangelegenheiten zu sich geholt.

          Die äußere Ähnlichkeit mit seinem Mentor Hoffmann, der seine besten kulturpolitischen Jahre zusammen mit CDU-Oberbürgermeistern erlebte, schadete seinem Auftreten keineswegs. In der Regel machte Semmelroth eine gute Figur, wenn er die Frankfurter Kultur repräsentierte. Und er ist in der Lage, zu allen möglichen Themen so zu sprechen, dass man merkt, dass er aus eigener Kenntnis und Anschauung schöpft.

          Um nach den Sternen zu greifen, war er stets zu sehr Realpolitiker. Dennoch kann sich sehen lassen, was unter seiner Ägide in Frankfurt realisiert oder auf den Weg gebracht wurde. Das Romantik-Museum wird gebaut, aus dessen Finanzierung eine Reihe einflussreicher Kommunalpolitiker schon hatte aussteigen wollen. Das Historische Museum erstand bereits neu. Die Erweiterung des Jüdischen Museums schreitet voran.

          Mit Ironie gegen politische Gegner

          Mit scharfer Ironie reagierte der argumentativ fast immer überlegene Kulturpolitiker, der manchmal allerdings auch wie ein zerstreuter Professor wirken kann, gelegentlich auf seine politischen Gegner. Die Widersacher in der eigenen Fraktion, die noch bei jeder Haushaltsberatung das Damoklesschwert herausholten und über den Kulturetat hielten, konnte er nicht so einfach abfertigen.

          Er focht manchen Kampf aus, und zumeist gelang es ihm, den Institutsleitern den Rücken freizuhalten und die nötigen Mittel loszueisen. Sein größter Coup war es wohl, die von ihm verlangten Kürzungen, nachdem Petra Roth 2012 aus dem Amt als Oberbürgemeisterin ausgeschieden war und nicht mehr ihre schützende Hand über die Kultur hielt, schlicht zu ignorieren.

          Die Kultur sollte überproportional Einsparungen vornehmen, was letztlich dazu geführt hätte, wie Kenner der Szene meinen, dass drei Museen geschlossen worden wären. Semmelroth beteuerte immer wieder, dass selbstverständlich auch die Kultur ihren Beitrag zur Haushaltskonsolidierung leisten werde, tatsächlich aber dachte er nicht daran, in nennenswertem Umfang Zuschüsse zu kürzen. Ein Kulturdezernent mit weniger Erfahrung hätte wohl nicht den Mut gehabt, die Sache auszusitzen. Semmelroth tat es.

          Gedenken an KZ-Häftlinge

          Sein Sarkasmus kann beißend sein. Sein Enthusiasmus überschäumend. Dass es ihm die jüdische Geistigkeit angetan hat, steht außer Frage. In seiner Zeit als Kulturdezernent hat er nie einen Zweifel daran gelassen, dass jeder Form von Antisemitismus die Stirn geboten werden muss. Das Gedenken an die Frankfurterin Anne Frank liegt ihm am Herzen, und er sorgte etwa dafür, dass in der Frankfurter Großmarkthalle, die zum Teil in das Gebäude der Europäischen Zentralbank integriert worden ist, eine Gedenkstätte für die von dort aus deportierten Frankfurter Juden eingerichtet wurde.

          Im Fall des Konzentrationslagers Katzbach in den Adlerwerken setzte Semmelroth auf Kunstaktionen, um an die Häftlinge zu erinnern. Dem Jüdischen Museum und dessen Dependance, dem Museum Judengasse, galt ohnehin immer sein besonderes Interesse. Nun wird er wieder weniger zum Lesen und zu anderen Kunstgenüssen kommen. Dafür ist er zurück in der politischen Praxis. Ohne in die parteipolitische Arena steigen zu müssen.

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