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Antisemitismusbeauftragter : Hessens Aufklärer und Ästhet

Während der damalige sozialdemokratische Kulturdezernent Hans-Bernhard Nordhoff einen spröden Ortsvereinscharme verbreitete, gab Semmelroth den Kulturbürger und Kunstkenner, den enthusiastischen Verfechter Frankfurts als Kultur- und gerade auch Literaturstadt. Es war konsequent, dass er, sobald sich eine grün-schwarze Koalition bildete, vom heimlichen zum tatsächlichen Kulturdezernenten aufstieg.

Erfolge eines Realpolitikers

Vorgesorgt hatte er mit dem Übertritt in die CDU, was ihm in seiner neuen politischen Heimat manch einer als Opportunismus ankreidete. Studiert hatte er Anglistik, Politikwissenschaft und Soziologie in Marburg, Manchester und London. Er arbeitete für Radio Bremen und war wissenschaftlicher Mitarbeiter an der Technischen Hochschule Darmstadt. 1998 wurde er dort Honorarprofessor am Institut für Sprach- und Literaturwissenschaft. 1989 hatte der damalige Kulturdezernent Hilmar Hoffmann ihn als Referenten für Literatur und Grundsatzangelegenheiten zu sich geholt.

Die äußere Ähnlichkeit mit seinem Mentor Hoffmann, der seine besten kulturpolitischen Jahre zusammen mit CDU-Oberbürgermeistern erlebte, schadete seinem Auftreten keineswegs. In der Regel machte Semmelroth eine gute Figur, wenn er die Frankfurter Kultur repräsentierte. Und er ist in der Lage, zu allen möglichen Themen so zu sprechen, dass man merkt, dass er aus eigener Kenntnis und Anschauung schöpft.

Um nach den Sternen zu greifen, war er stets zu sehr Realpolitiker. Dennoch kann sich sehen lassen, was unter seiner Ägide in Frankfurt realisiert oder auf den Weg gebracht wurde. Das Romantik-Museum wird gebaut, aus dessen Finanzierung eine Reihe einflussreicher Kommunalpolitiker schon hatte aussteigen wollen. Das Historische Museum erstand bereits neu. Die Erweiterung des Jüdischen Museums schreitet voran.

Mit Ironie gegen politische Gegner

Mit scharfer Ironie reagierte der argumentativ fast immer überlegene Kulturpolitiker, der manchmal allerdings auch wie ein zerstreuter Professor wirken kann, gelegentlich auf seine politischen Gegner. Die Widersacher in der eigenen Fraktion, die noch bei jeder Haushaltsberatung das Damoklesschwert herausholten und über den Kulturetat hielten, konnte er nicht so einfach abfertigen.

Er focht manchen Kampf aus, und zumeist gelang es ihm, den Institutsleitern den Rücken freizuhalten und die nötigen Mittel loszueisen. Sein größter Coup war es wohl, die von ihm verlangten Kürzungen, nachdem Petra Roth 2012 aus dem Amt als Oberbürgemeisterin ausgeschieden war und nicht mehr ihre schützende Hand über die Kultur hielt, schlicht zu ignorieren.

Die Kultur sollte überproportional Einsparungen vornehmen, was letztlich dazu geführt hätte, wie Kenner der Szene meinen, dass drei Museen geschlossen worden wären. Semmelroth beteuerte immer wieder, dass selbstverständlich auch die Kultur ihren Beitrag zur Haushaltskonsolidierung leisten werde, tatsächlich aber dachte er nicht daran, in nennenswertem Umfang Zuschüsse zu kürzen. Ein Kulturdezernent mit weniger Erfahrung hätte wohl nicht den Mut gehabt, die Sache auszusitzen. Semmelroth tat es.

Gedenken an KZ-Häftlinge

Sein Sarkasmus kann beißend sein. Sein Enthusiasmus überschäumend. Dass es ihm die jüdische Geistigkeit angetan hat, steht außer Frage. In seiner Zeit als Kulturdezernent hat er nie einen Zweifel daran gelassen, dass jeder Form von Antisemitismus die Stirn geboten werden muss. Das Gedenken an die Frankfurterin Anne Frank liegt ihm am Herzen, und er sorgte etwa dafür, dass in der Frankfurter Großmarkthalle, die zum Teil in das Gebäude der Europäischen Zentralbank integriert worden ist, eine Gedenkstätte für die von dort aus deportierten Frankfurter Juden eingerichtet wurde.

Im Fall des Konzentrationslagers Katzbach in den Adlerwerken setzte Semmelroth auf Kunstaktionen, um an die Häftlinge zu erinnern. Dem Jüdischen Museum und dessen Dependance, dem Museum Judengasse, galt ohnehin immer sein besonderes Interesse. Nun wird er wieder weniger zum Lesen und zu anderen Kunstgenüssen kommen. Dafür ist er zurück in der politischen Praxis. Ohne in die parteipolitische Arena steigen zu müssen.

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