https://www.faz.net/-gzg-9owvn

Digitalisierung beim Bürgeramt : Nummer ziehen und warten

  • -Aktualisiert am

Großer Andrang: Wartende am Eingang des Bürgeramts in Sachsenhausen Bild: Pepaj, Marina

Jedes Jahr zur Ferienzeit sind die Frankfurter Bürgerämter überlastet – dabei böte die Digitalisierung durchaus Möglichkeiten, die langen Schlangen zu verhindern.

          3 Min.

          Anett-Maud Joppien sitzt im Wartebereich des Bürgeramts Sachsenhausen und tippt auf ihrem Laptop. „Ich habe mir Arbeit mitgebracht“, sagt sie. Um sie herum sitzen noch 37 weitere Bürger. Es ist Montag, 9.15 Uhr. Viele der Wartenden wollen den Pass oder Personalausweis verlängern, weil sie in den Urlaub fliegen. Nicht so Joppien: „Ich brauche meinen Pass vor allem für berufliche Angelegenheiten“, sagt die Architektin und Professorin der Technischen Universität Darmstadt. Ein Mann steht draußen vor der Tür des Amts und raucht. Er sagt, er sei gleich an der Reihe, er habe online einen Termin vereinbart. Hektisch drückt er seine Zigarette aus: „Jetzt muss ich wirklich rein, gleich geht’s los.“ Joppien ist ohne Termin gekommen, schon eine Viertelstunde vor Öffnung. Trotzdem wartet sie mittlerweile mehr als eine halbe Stunde. In der Hand hält sie ein Stück Papier mit den Ziffern 012 darauf.

          In Frankfurt kommt es jedes Jahr in der Ferienzeit zu langen Wartezeiten und zu Schlangen vor den Ämtern. „Wir befinden uns gerade in der Hauptreisezeit“, sagt ein Sprecher von Dezernent Jan Schneider (CDU), der für den Bürgerservice und die IT der Stadt zuständig ist. Der saisonale Andrang sei zwar der Hauptgrund für die Überlastung der Bürgerämter, doch auch die steigende Einwohnerzahl mache der Verwaltung zu schaffen. Etwa 489.000 Bürger kommen seinen Angaben zufolge jedes Jahr in die Bürgerämter, und im ersten Halbjahr 2019 habe es einen Zuwachs von sieben Prozent im Vergleich zum ersten Halbjahr des vergangenen Jahres gegeben. Dem Wachstum der Bevölkerung und dem vermehrten Kundenkontakt der Beamten stehe allerdings keine Steigerung der Zahl der Mitarbeiter gegenüber. Die Online-Termine seien die einzige Möglichkeit, lange Wartezeiten zu umgehen – doch die seien für die nächsten Wochen ausgebucht. Wer kurzfristig aufs Amt gehen will, muss eine Nummer ziehen – und warten.

          So wie Anett-Maud Joppien. Ihren Laptop hat sie nun unter den Arm geklemmt. Es ist etwa 9.45 Uhr. Sie steht vor der digitalen Warteanzeige des Bürgeramts und rätselt. Sie hat die Nummer 012, doch auf der Anzeige stehen Zahlen in den Vierhundertern. „Hab ich meine Nummer verpasst?“, fragt sie erst sich selbst und dann die Mitarbeiterin am Empfang. Nein, die hohen Nummern beträfen die Termine, die im Voraus mit dem Amt vereinbart worden waren. Die 012 wurde noch nicht aufgerufen. Wann es so weit sein könnte, ist nicht abzusehen: Auf der Anzeige stehen immer nur die nächsten vier Nummern. „Es wäre schön, wenn ich sehen könnte, wie viele noch vor mir sind“, sagt Joppien.

          Gang zum Bürgeramt nicht ganz ersetzbar

          In Sachsenhausen ist der Flachbildschirm, der die Nummern der Wartenden zeigt, eines der wenigen Indizien dafür, dass sich Frankfurts Verwaltung im 21. Jahrhundert befindet: Zwar können die Bürger schon jetzt einige Angelegenheiten vollständig digital erledigen, etwa die Beantragung eines Parkausweises. Doch für die meisten Anträge müssen sie aufs Amt kommen, etwa für den Führerschein und den Personalausweis. Die seien eben sicherheitsrelevant, sagt der Dezernatssprecher.

          Dass der Gang aufs Amt irgendwann vollständig überflüssig wird, daran glaubt auch Wilfried Bernhardt von der Universität Leipzig nicht. Der Jura-Professor gehört dem Nationalen E-Government-Kompetenzzentrum in Berlin an, war lange Zeit Staatssekretär in Sachsen und kümmert sich als Rechtsanwalt vor allem um IT-Recht. Er sieht in Sachen Digitalisierung großes Potential bei den Behörden – und ärgert sich über Formulare, die zum Teil schon digitalisiert im Internet ausgefüllt werden können, am Ende aber doch vom Bürger ausgedruckt und aufs Amt gebracht werden müssen. Der Grund: Auf den Dokumenten fehle die Unterschrift oder die Möglichkeit, von den Beamten zweifelsfrei identifiziert werden zu können.

          Theoretisch sei es durchaus schon jetzt möglich, sich digital auszuweisen, sagt Bernhardt. Schließlich sei heute jeder neue Personalausweis mit einer elektronischen Identifikationsmöglichkeit ausgestattet. Technisch könne also jedes Amtsgeschäft auch online erledigt werden, nötig sei dafür lediglich ein passendes Lesegerät. Nur Pässe, Personalausweise und Führerscheine erforderten wahrscheinlich auch künftig einen Gang aufs Amt. Doch wenn die Mitarbeiter dort nur noch mit den sicherheitsrelevanten Vorgängen zu tun hätten, könnte der Druck auf die Bürgerämter deutlich nachlassen, meint Bernhardt.

          Weitere Themen

          Sie wollen doch nur spielen

          Architektur für Kinder : Sie wollen doch nur spielen

          Es sind Orte des kontrollierten Risikos: Auf Spielplätzen können die Kinder toben, und Eltern lernen viel über sich selbst. Die Ausstellung „The Playground Project“ im Frankfurter Architekturmuseum weiß mehr.

          Topmeldungen

          Yasmina Reza

          Yasmina Reza im Gespräch : Wörter sind nichts Festes

          Sprache als Heimat, Übersetzungen als Tragödie, eine Frauenrolle für einen Mann: Die französische Schriftstellerin Yasmina Reza hat einen neuen Monolog geschrieben – „Anne-Marie die Schönheit“

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.