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Die Eintracht in der Ukraine : Fan-Reise ins Unbekannte

Reisefreudig: Fans der Frankfurter Eintracht, hier gegen Limassol Bild: Jan Huebner

Knapp 3000 Fans der Frankfurter Eintracht verfolgen heute in der Ukraine das Spiel der Eintracht. Dafür nehmen sie erhebliche Kosten und Strapazen auf sich.

          Ob sich Jörg Kleemann an Salo herantrauen wird, weiß er noch nicht. Das ukrainische Nationalgericht besteht im wesentlichen aus Schweinespeck und ist nicht jedermanns Sache. „Mal sehen, was die ukrainische Küche sonst noch so hergibt“, sagt Kleemann. Zwar reist er heute in erster Linie in die ostukrainische Industriestadt Charkiw, um das Spiel der Frankfurter Eintracht gegen Schachtar Donezk zu sehen. Doch wenn er schon mal da ist, will Kleemann auch etwas von Land, Leuten und Kultur mitbekommen – soweit das eben möglich ist.

          Daniel Schleidt

          Redakteur in der Rhein-Main-Zeitung.

          Die Europapokal-Saison der Eintracht, die heute mit dem Spiel in Charkiw gegen Donezk in die K.o.-Runde geht, war bisher von zwei Aspekten geprägt, die unmittelbar zusammenhängen: erstens von einer entfesselt auftretenden Mannschaft, die mit sechs Siegen in sechs Spielen ins Sechzehntelfinale einzog; und zweitens von den Anhängern des Klubs, die sich und der Mannschaft stimmungsvolle Pokalabende beschert haben.

          So viele Auswärtsfans in Donezk wie noch nie

          Das soll auch dieses Mal so werden. Knapp 3000 Fans der Eintracht haben sich auf den Weg in den Osten begeben oder sind gerade unterwegs dorthin, um ihrem Team den Rücken zu stärken – so viele Auswärtsfans soll es laut einer Mitteilung der Eintracht bei einem Heimspiel von Schachtar in der jüngeren Vergangenheit noch nie gegeben haben.

          Als die Eintracht am 17. Dezember vergangenen Jahres Donezk zugelost bekam, waren viele Fans enttäuscht, hatten sie doch von Reisen nach Glasgow, London, Prag, Sevilla oder Lissabon geträumt, die ebenfalls im Lostopf waren. „Am Anfang wollte ich gar nicht hinfahren, weil ich Respekt vor der Reise nach Osteuropa hatte“, berichtet Kleemann, der mit sechs Jahren zum ersten Mal im Waldstadion war und seitdem Dauergast bei Heim- und Auswärtspartien ist. Doch mit der Zeit wuchs bei ihm die Lust auf das Unbekannte. „Das sind Erlebnisse, die ich meinen Enkeln noch erzählen werde.“

          Angebote der Fan- und Förderabteilung

          Dass die Eintracht-Fans reisefreudig sind, ist in der Bundesliga bekannt. Doch weil sich der Klub in den vergangenen Jahren selten für europäische Wettbewerbe qualifizierte, ist der Hunger nach Europa unter den Sympathisanten groß. Wer die Anfahrt nicht selbst organisieren will, kann von einem der Angebote der Fan- und Förderabteilung der Eintracht oder des Fanclubverbandes Gebrauch machen, in der die Fanclubs zusammengeschlossen sind. Jörg Kleemann ist heute in aller Frühe zum Flughafen aufgebrochen, um mit einem von fünf Maschinen nach Charkiw zu kommen.

          430 Euro kostet der sogenannte Tagesflieger, bei dem sich Fans eine Übernachtung sparen. Viel Geld, vor allem, wenn man die Summe der Auswährtsfahrten in dieser Saison betrachtet. Jörg Kleemann war schon in der Gruppenphase bei Spielen auf Zypern und in Rom dabei – und das, obwohl er beim Spiel in der italienischen Hauptstadt noch nicht einmal eine Eintrittskarte bekommen hatte und das Spiel nicht live im Olympiastadion verfolgen konnte.

          „Für viele Menschen unbegreiflich“

          Trotzdem will er die Chance beim Schopfe packen, mit seinem Lieblingsklub neue Orte und Stadien in Europa zu entdecken. Seine Mutter geht seit den Siebzigern ins Waldstadion, sein Cousin begleitet ihn dieses Mal in die Ukraine. Dort erwartet er ähnliche Reaktionen wie 2013, als die Mannschaft im israelischen Tel Aviv auflief. „Für viele Menschen ist es unbegreiflich, wie man eine solche Reise für ein einziges Spiel auf sich nehmen kann“, sagt Kleemann. Die Reaktion auf Fußballfans aus Deutschland allein mache den Trip schon zu einer wertvollen Erfahrung.

          Die Fanbetreuung der Eintracht weist in ihrem offiziellen Informationsschreiben an die Anhänger darauf hin, die Anreise von so vielen Fans aus Frankfurt sei für die Verantwortlichen in Charkiw, etwa die Sicherheitskräfte, eine Herausforderung. Dass es deshalb zu Wartezeiten kommen könne, ist eine der wesentlichen Sorgen der Eintracht-Fans. „Ich habe mir dicke Socken eingepackt“, sagt Kleemann, denn in Charkiw werden Temperaturen bis zu minus acht Grad erwartet.

          Vom Flieger aus werden die Fans an den riesigen Freiheitsplatz, den zentralen Treffpunkt, gebracht. Von dort geht es später ins Stadion, Anpfiff ist um 21 Uhr deutscher Zeit. Kleemann freut sich auf die Begegnung mit den Einheimischen. „Wenn man sich bewusst macht, dass man dort Gast ist und auch entsprechend auftritt, hat man keine Probleme.“ Außer auf den Tagesflieger setzen viele Fans auf den Übernachtungsflieger, der je nach Zimmerkategorie zwischen 579 und 699 Euro je Person kostet und zwei Nächte beinhaltet. Die Eintrittskarte ist im Preis schon inbegriffen, aber nicht der Rede wert: Sie soll weniger als fünf Euro kosten.

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